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Funktionelle Verdauungsbeschwerden
Die Symptome
Es stehen folgende Beschwerden im Vordergrund:
- Druck- und Völlegefühl
- Blähungen
- Appetitlosigkeit
- frühzeitige Sättigung
- nicht saures Aufstoßen
- Refluxbeschwerden in Kombination mit anderen Symptomen (Sodbrennen allein deutet auf eine Refluxkrankheit hin; siehe Thema "Sodbrennen")
- Übelkeit und Brechreiz
- Magen-Darm-Krämpfe
- übermäßiger Abgang von Winden (Flatulenz)
- Schmerzen im Ober- oder Unterbauch
- Unregelmäßigkeiten beim Stuhlgang mit Obstipation oder Diarrhoe, Erleichterung nach dem Stuhlgang
Was sind funktionelle Verdauungsbeschwerden?
Als "funktionell" werden alle Beschwerden bezeichnet, bei denen der Arzt nach eingehender Untersuchung keine organische Krankheit feststellen kann. Es handelt sich also um eine sogenannte Ausschlussdiagnose.
Funktionelle Beschwerden dauern definitionsgemäß länger an als akute. Im Fall von Magen und Darm geht man von mindestens 12 Wochen Dauer oder immer wiederkehrenden Beschwerden aus.
Das folgende Beschwerdebild spricht für eine funktionelle Natur:
- Die Art der Beschwerden wechseln
- Die Beschwerden werden mit der Zeit nicht schlimmer
- Es ist eine Verbindung mit Stress herzustellen
- Es treten allgemeine vegetative Begleitsymptome auf, wie z.B. Übelkeit
- Das Gewicht bleibt konstant
Man teilt die funktionellen Verdauungsbeschwerden in zwei große Gruppen ein, die funktionelle Dyspepsie und den Reizdarm.
Funktionelle Dyspepsie = FD (Reizmagen, nervöser Magen, nicht-ulzeröse Dyspepsie = NUD, Oberbauchsyndrom)
Man kann das Beschwerdebild in drei, eventuell vier Subtypen untergliedern:
- Motilitätsstörungen des Magens (meist Hypomotilität, selten eine Hypermotilität)
- Störungen der Wahrnehmung, d.h. der Patient nimmt überaus empfindlich irgendwelche Änderungen im Magen wahr
- durch Säure ausgelöste Symptome, wobei nicht mehr Säure produziert wird
- es existieren widersprüchliche Daten darüber, ob der Keim Helicobacter pylori als Auslöser für dyspeptische, also nicht-ulzeröse Beschwerden in Frage kommt
Reizdarm = RDS (früher Colon irritabile oder Reizkolon)
Es werden folgende Subtypen unterschieden:
- Wahrnehmungsstörung im Sinne einer erhöhten Empfindlichkeit und Störungen in der Reizverarbeitung des Verdauungsnervensystems
- Motilitätsstörungen (Obstipation, Diarrhoe)
- psychosomatische Störungen
siehe auch:
Expertenseite: "Ärztliche Diagnostik bei Verdauungsbeschwerden"
Wann zum Arzt
Eine Selbstmedikation ohne ärztliche Diagnose ist grundsätzlich möglich bei flüchtigen Beschwerden, welche noch keine längere Vorgeschichte zeigen.
"Richtige" funktionelle Beschwerden, welche der Definition entsprechen, dauern jedoch länger und treten immer wieder auf. Sie sind also nicht für eine Selbstmedikation geeignet. Jede über zwei oder vielleicht drei Wochen hinaus anhaltende Symptomatik sollte vom Arzt abgeklärt werden. Das Hinauszögern spart dem Patienten erfahrungsgemäß nicht den Arztbesuch, da er früher oder später eine abgesicherte (Ausschluss-)Diagnose sucht.
Insbesondere Patienten über 45 Jahre, bei denen Verdauungsbeschwerden zu ersten Mal auftreten, sollten nach zwei bis drei Wochen ohne Besserung einen Arzt aufsuchen, um das Risiko einer malignen Entartung abzuklären.
In der Folge ist dann allerdings eine Selbstmedikation möglich, da bei der Therapie häufig nicht verschreibungspflichtige Arzneistoffe eingesetzt werden.
Bei folgenden Alarmsymptomen ist dringend zum baldigen Arztbesuch zu raten:
- unbeabsichtigte Gewichtsabnahme
- Blut im Stuhl oder Erbrechen von Blut
- Kräfteverfall
- Hinweise auf eine organische Magen-Darm-Erkrankung (wie z.B. ein Geschwür oder eine chronische Entzündung) in der Vorgeschichte
- Schluckbeschwerden
- Auch ein Tropenreisender sollte bei ungewohnten Beschwerden frühzeitig den Arzt aufsuchen.
Auf eine organische Ursache deuten folgende Umstände hin:
- die Art der Beschwerden bleibt gleich
- die Beschwerden werden mit der Zeit schlimmer
- Schmerzen treten in einem bestimmten Gebiet auf
- die Beschwerden treten in einem gleich bleibenden zeitlichen Zusammenhang zur Nahrungsaufnahme auf
- die Beschwerden treten während der Nacht auf
Fragen an den Kunden
"Wie würden Sie die Beschwerden beschreiben?"
(Denken Sie an die Alarmsymptome, welche unbedingt einen Arztbesuch auslösen sollten.)
"Wechseln die einzelnen Beschwerden oder sind es immer dieselben? Wurden diese Beschwerden mit der Zeit intensiver?"
(Wechselnde Beschwerden ohne Tendenz zur Intensivierung sprechen für funktionelle Beschwerden.)
"Treten die Beschwerden zu einer bestimmten Tageszeit oder nahrungsabhängig auf, also meist nachts oder immer gleich nach dem Essen oder zwei Stunden danach?"
(Es könnte sich um Hinweise auf eine Refluxkrankheit, ein Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür handeln.)
"Gibt es auslösende Nahrungsmittel, die Sie nicht vertragen? Treten dann Hauterscheinungen wie Rötung oder Juckreiz auf?"
(Es könnte sich um eine Nahrungsmittelunverträglichkeit handeln, wie z.B. auf Laktose. Echte Allergien treten meist gemeinsam mit allergischen Begleitreaktionen auf.)
"Wie lange leiden Sie schon unter diesen Symptomen?"
"Nehmen Sie irgendwelche Arzneimittel ein?"
(Denken Sie an ulzerogene Schmerz- bzw. Rheumamittel oder orales Kortison.)
"Waren Sie deshalb schon beim Arzt, was hat der Arzt vorgeschlagen?"
Möglichkeiten und Ziele der Behandlung
Bei eher motilitätsbedingten Beschwerden wird man diese anzuregen versuchen:
Neben dem verschreibungspflichtigem Metoclopramid können auch pflanzliche Stoffe wirksam sein, welche unter dem Oberbegriff verdauungsfördernd zusammen gefasst werden.
Auch gasbedingte Störungen wie Blähungen (Meteorismus) werden durch solche Präparate gemindert.
Verdauungsfördernde Stoffe steigern die Sekretion, insbesondere der Galle, eventuell auch der Bauchspeicheldrüse und des Magens.
Falls eher säuretypische Beschwerden wie Oberbauchschmerzen oder Sodbrennen vorliegen, kann eine säurehemmende Therapie mit Antazida oder H2-Antagonisten hilfreich sein.
Entzündungshemmende oder schleimhautschützende Eigenschaften können unterstützend wirken.
Bei Muskelkrämpfen werden Spasmolytika eingesetzt.
Schleimstoffe können beruhigend auf den Dünn- und Dickdarm wirken.
Eingesetzte Arzneimittel
Arzneimittel können Beschwerden lindern oder bestenfalls vorüber gehend beseitigen, sie können die (unbekannte) Ursache nicht ausmerzen. Es sollten also keine zu hohen Erwartungshaltungen gegenüber einer medikamentöse Therapie geweckt werden. Der Patient sollte bewusst Mittel testen, um das für ihn am besten wirksame heraus zu finden.
Ätherischöl- und Scharfstoff-Drogen
Sie besitzen blähungstreibende (carminative), krampflösende (spasmolytische) und den Gallenfluss oder die Gallenproduktion anregende (cholekinetische oder choleretische) Wirkung.
- Pfefferminze
- Fenchel, Anis, Kümmel
- Angelika
- Ingwer, Kalmus
- Knoblauch
Bitterstoff-Drogen
Sie steigern allgemein die Sekretion von Verdauungssäften und wirken appetitanregend.
- Enzian
- Wermut
- Tausendgüldenkraut
- Pomeranzenschalen
- Benediktenkraut
Simethicon ("Entschäumer")
Es liegt eine Studie vor, wonach dreimal täglich 84 mg Simethicon nach zwei bzw. vier Wochen Therapie ebenso gut wirksam war wie das verschreibungspflichtige Prokinetikum Cisaprid (welches nicht mehr am Markt ist). Simethicon könnte neben der Gasblasen-lösenden noch weitere, bisher unbekannt Wirkungen haben, die sich auf das dyspeptische Geschehen positiv auswirken.
Antientzündliche Drogen
Insbesondere bei akuter Gastritis wird die Kamille gerne eingesetzt, beispielsweise als Rollkur (liegend angewendet, alle fünf Minuten Lagewechsel Rücken-Bauch-links-rechts). Gegen funktionelle Beschwerden des Magens taucht sie häufig als Kombinationspartner auf.
Artischocke
Die Steigerung der Cholerese, also der Gallensaftproduktion, mit Artischockenextrakt ist gut belegt. Als Folge wird die Motilität gesteigert und die Fettverdauung verbessert. Ein Nebeneffekt der choleretischen ist wie bei Curcuma die cholesterinsenkende Wirkung. Darüber hinaus soll der Extrakt leberschützende Eigenschaften besitzen.
Curcuma longa oder xanthorrhiza
Auch bei Curcuma steht die choleretische Wirkung im Vordergrund. In einer Anwendungsbeobachtung an mehreren Hundert Patienten konnte gezeigt werden, dass Curcuma praktisch alle Symptome des Reizmagens positiv beeinflussen kann.
Pflanzliche (Mehrfach-)Kombinationen
Zu einer Reihe von Kombinationsarzneimitteln liegen Studien vor, welche die Wirksamkeit der eingesetzten Kombination bei funktionellen Verdauungsbeschwerden belegen. Die Vielzahl der Kombinationspartner wird damit begründet, dass ein funktionelles Verdauungssyndrom am besten mit einem Vielstoffgemisch beeinflusst wird, das an verschiedenen Systemen des Organismus ansetzt.
Butylscopolamin
Dieser Arzneistoff wirkt parasympatholytisch. Da der Parasympathikus die Verdauungsvorgänge und damit die Motilität anregt, kann seine Hemmung Krämpfe der glatten Muskulatur, sogenannte Spasmen, lösen.
Ingwer
Diese Scharfstoffdroge wird besonders bei Übelkeit eingesetzt, die allerdings nicht das bestimmende Leitsymptom bei der funktionellen Dyspepsie darstellt.
Homöopathie
Häufig eingesetzt werden:
- Carbo veg. D12 bei Verdauungsschwäche mit Blähungen, Völlegefühl und Aufstoßen
- Lycopodium D6 bei Völlegefühl bereits nach kleinen Mahlzeiten, Obstipation
- Ipecacuanha D6 bei Übelkeit, kolikartigem Magengrimmen, durch Stress ausgelöst
- Pulsatilla D6 bei Verdauungsschwäche mit Übelkeit, insbesondere zwei Stunden nach schwerem, fettem Essen, Durchfall
Da es sich bei dyspeptischen Beschwerden um chronische Erkrankungen handelt, wird an die Beeinflussung der Konstitution gedacht, was wiederum die Erhebung eines genauen Krankheitsbildes voraussetzt. Der Verlauf der Erkrankung und ihre Begleiterscheinungen sind dabei wichtiger als die akuten Symptome.
Nichtmedikamentöse Maßnahmen
Als hilfreich bei Blähungen hat sich Wärme bzw. eine Wärmflasche oder Bauchmassage erwiesen.
Ein Verdauungsspaziergang regt die Magen-Darm-Motilität an bzw. reguliert sie.
Stress kann ein wichtiger Auslöser für funktionelle Beschwerden sein. Allgemeine Maßnahmen zur Stressreduktion sind also sinnvoll.
Mit Hilfe eines Auslassversuchs wird der Patient verdächtige Nahrungsmittel darauf testen, ob sie Symptome hervor rufen können. Die Ernährung wäre dann entsprechend umzustellen.
Coffein, Nikotin und Alkohol stehen natürlich an der Spitze der Verdächtigen.
Psychische Auslöser und damit psychotherapeutische Maßnahmen können durchaus einen Stellenwert bei diesem Beschwerdebild besitzen. Man darf dabei jedoch nicht übersehen, dass derartige Störungen auch als Folge der gesundheitlichen Belastung auftreten können.
Keinesfalls schaden kann die Anteilnahme an den Problemen des Kunden im Gespräch. Das gesundheitliche Problem darf nicht deshalb bagatellisiert werden, weil der Arzt keine Ursache sehen kann. Ein Krankheitsmodell, welches eine Störung des Magen-Darm-Nervensystems in Betracht zieht, wird vom Patienten eher akzeptiert als der Hinweis, dass einfach keine Ursache gefunden werden kann.
Pilze (meist Candida albicans) werden häufig als Auslöser von allerlei Beschwerden genannt. Entsprechend wird eine "Anti-Pilz-Diät" empfohlen. Die Schulmedizin ist jedoch davon überzeugt, dass es für diese Behauptung und in der Folge für entsprechende Therapieansätze keinerlei Belege gibt.
Expertenseite: "Diskutierte Ursachen von funktionellen Verdauungsbeschwerden"
Nachdem die wahren Ursachen ungeklärt sind, kann man derzeit nur Vermutungen anstellen:
Als Hauptverdächtiger kommt das die Verdauungstätigkeit steuernde Nervensystem des Magen-Darm-Trakts in Frage. Allein schon die große Zahl an Nervenzellen und die bisher entdeckten über 60 unterschiedlichen Botenstoffe machen die Vermutung wahrscheinlich, dass in diesem komplexen System leicht Störungen auftreten können, die sich nicht unbedingt organisch - also für das Auge sichtbar - äußern müssen.
Man kann sich vorstellen, dass sehr viele verschiedenartige Störungen auftreten können, die durch die Einteilung in säurebetont oder motilitätsbedingt kaum hinreichend zu beschrieben sind.
Als Konsequenz kann es den Königsweg in der Therapie, mit dem sich die Mehrzahl der Patienten erfolgreich behandeln ließe, gar nicht geben.
Expertenseite: "Ärztliche Diagnostik bei Verdauungsbeschwerden"
Der nach sogenannten organischen Ursachen suchende Arzt orientiert sich primär an Veränderungen der Schleimhäute. Er fahndet nach Entzündungen, Geschwüren (Ulzera) oder Tumoren und setzt dazu optische Geräte ein (Endoskopie = Spiegelung des Magens oder Darms).
Daneben werden Darmgeräusche abgehört (verdächtige? gar keine?), Spannungen in der Bauchdecke abgetastet oder schmerzempfindliche Stellen lokalisiert.
Eine Ultraschalluntersuchung der inneren Organe und eventuell eine Röntgenuntersuchung der Darmpassage können notwendig sein.
Bei einem Nachweis von Steinen in der Gallenblase kann der Arzt der Ursache auf der Spur sein, allerdings bleiben viele Gallensteine symptomlos, so dass alleine deren Nachweis wenig Aussagekraft besitzt.
Es könnte ein Helicobacter-pylori-Test durchgeführt und das Blut untersucht werden.
Die Diagnose funktionelle Beschwerden kann erst gestellt werden, nachdem andere Ursachen mit Hilfe ärztlicher Diagnostik ausgeschlossen worden sind.