Zertifikatskurs Diabetes
HbA1c -Zielwerte um jeden Preis erreichen?
Den Blutzucker langfristig zu normalisieren, bleibt ein zentrales Ziel in der Behandlung des Typ-2-Diabetes. Nur so lassen sich Spätfolgen der Erkrankung verhindern. Oberste Priorität in der Therapie hat jedoch die Vermeidung von Risiken und Nebenwirkungen der Blutzucker senkenden Medikamente.
Ein Maßstab für die langfristige Senkung des Blutzuckers ist der HbA1c -Wert. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes war ein HbA1c -Wert von 7 Prozent bisher das Ziel. In Verlauf zweier klinischer Studien, der ADVANCE-Studie und der ACCORD-Studie, gelang es, den HbA1c -Wert der Teilnehmer auf einen Normwert von unter 6,5 Prozent (47,5 mmol/mol) zu senken. Diabetologen in aller Welt erhofften sich davon, noch besser diabetische Spätkomplikationen zu vermeiden – vor allem an den großen Gefäßen: Herzinfarkt und Schlaganfall sind die häufigsten Todesursachen von Diabetes-Patienten.
Im Frühjahr 2008 wurde die ACCORD-Studie jedoch vorzeitig abgebrochen, weil sich die Anzahl der Todesfälle um 22 Prozent erhöht hatte. In der ADVANCE-Studie waren die Ergebnisse hingegen positiver: Hier senkte sich die Anzahl der Patienten mit Nierenschäden durch Nephropathien um 21 Prozent. Die Nephropathie ist eine mögliche Folge der diabetesbedingten Schädigungen der kleinen Blutgefäße.
Die Ursachen für den ungünstigen Ausgang der ACCORD-Studie sind nach Einschätzung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) derzeit nicht geklärt. Aus dem Vergleich mit den besseren Ergebnissen der ADVANCE-Studie lassen sich jedoch erste Schlüsse ziehen. In der ACCORD-Studie mussten die Patienten zum Erreichen des HbA1c -Zielwertes häufig mehrere Tabletten mit unterschiedlichen Wirkstoffen einnehmen. Zusätzlich spritzten viele Patienten Insulin. Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten könnten für den ungünstigen Ausgang der Studie zumindest mitverantwortlich gewesen sein, vermutet die DDG. Sie rät den Ärzten deshalb dringend von der gleichzeitigen Verordnung von mehr als zwei Wirkstoffen ab, wenn die Sicherheit der jeweiligen Mehrfachkombinationen nicht ausreichend belegt ist. Dies gelte vor allem, wenn die Patienten zusätzlich Insulin spritzen.
Außerdem empfiehlt die DDG den Ärzten, auf das Gewicht der Patienten zu achten. In der ACCORD-Studie hatte mehr als ein Viertel der Patienten über zehn Kilogramm zugenommen.
Die Empfehlungen, die die DDG aus diesen Erkenntnissen ableitet, sind eindeutig: Eine Senkung des HbA1c auf unter 6,5 Prozent (47,5 mmol/mol) ist weiterhin ein erstrebenswertes Ziel der Diabetestherapie. Sollte es aber nur mit potenziell gefährlichen Nebenwirkungen der Medikamente erreicht werden können, sollten Ärzte und Diabetiker sich mit einem HbA1c -Wert von 7 Prozent zufrieden geben.
Die DDG plant, ihre Leitlinien zu überarbeiten. Bei der Neufassung sollen auch die Ergebnisse weiterer Studien berücksichtig werden.
Autorin
Franziska Wartenberg
Quelle
Stellungnahme der Deutschen Diabetes-Gesellschaft DDG zu den Ergebnissen im Internet: