Zertifikatskurs Diabetes
Gekonnt Abstand halten (9-2010)
Kurz und ultrakurz wirksames Insulin wird in der Regel mahlzeitenbezogen verabreicht. Dabei dauert es eine Weile, bis das Hormon vom Unterhautfettgewebe an die Zielzellen gelangt, weshalb ein entsprechender Spritz-Ess-Abstand beachtet werden sollte. Dieser richtet sich zum einen nach der Art des Insulins, insbesondere nach dessen Wirkungseintritt. Zum anderen ist er abhängig vom aktuellen Blutzuckerausgangswert. Außerdem kann die Tageszeit eine Rolle spielen. Am Morgen ist der Körper in der Regel insulinunempfindlicher als zur Mittagszeit. Der Spritz-Ess-Abstand sollte demnach vor dem Frühstück länger sein als vor dem Mittagessen. Mehr als 45 Minuten Wartezeit sind jedoch nicht empfohlen. Auch wenn bei der Verwendung von ultrakurz wirkenden Analog-Insulinen kein Spritz-Ess-Abstand eingehalten werden muss, können 10 Minuten Karenz zwischen der Injektion und dem ersten Bissen vorteilhaft sein: z. B. bei erhöhten Blutzuckerwerten unmittelbar vor dem Essen. Oft verzögert eine eiweißreiche Nahrung die Insulinwirkung und verursacht dann hohe Blutglukosespiegel, die bis zur nächsten Mahlzeit anhalten können. Der zehnminütige Spritz-Ess-Abstand wird für ultrakurz wirksame Insuline auch dann empfohlen, wenn sie vor dem Frühstück zum Einsatz kommen. Grund ist die verminderte Insulinsensibilität am Morgen.
Werden Mischinsuline mit kurz wirksamem Insulin (Normalinsulin) verwendet, verlängert sich der Spritz-Ess-Abstand im Vergleich zu reinem Normalinsulin, da auch die Resorptionsgeschwindigkeit für das gelöste Normalinsulin vermindert ist. Mischinsuline mit ultrakurz wirksamem Analog-Insulin dagegen zeigen weiterhin ein schnelles Anfluten und benötigen keinen längeren Spritz-Ess-Abstand.
Aufgepasst bei Patienten mit verzögerter Magenentleerung beispielsweise aufgrund einer Gastroparese (autonomen Magenlähmung)! Da die Zuckeraufnahme ins Blut verzögert wird, empfiehlt es sich, den Spritz-Ess-Abstand zu verkürzen oder erst während bzw. nach den Mahlzeiten zu spritzen. Die Verwendung eines ultrakurz wirksamen Insulins kann dabei vorteilhaft sein.
Quellen: G.-W. Schmeisl, „Schulungsbuch für Diabetiker“, Urban & Fischer-Verlag, 6. Auflage, 2009, Dr. B. Ruhland, „Diabetes. Bescheid wissen – besser leben“, Hirzel-Verlag, 15. Auflage, 2009
So sag ich es meinem Kunden – Insulinarten und konventionelle Insulintherapie
Bei der Beratung in der Apotheke ist es oft erforderlich, Patienten komplexe Zusammenhänge kurz und verständlich zu erklären. Bringen Sie dabei Ihr Fachwissen ganz einfach auf den Punkt. Schon mit wenigen Worten lassen sich erklärende Antworten zu jenen Fragen formulieren, die Ihnen im Patienten-Gespräch begegnen könnten.
Eigentlich bin ich Typ-2-Diabetiker und habe bisher immer regelmäßig meine Tabletten genommen. Jetzt soll ich Insulin spritzen. Warum?
Sie haben wahrscheinlich schon länger Diabetes Typ-2? Trotzdem Sie immer regelmäßig Ihre Tabletten eingenommen haben, kann es sein, dass Ihre Bauchspeicheldrüse nicht mehr genügend Insulin produziert. Dann bleiben Ihre Blutzuckerspiegel hoch, was längerfristig diabetische Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann. Daher hat Ihr Arzt beschlossen, dass Sie zusätzlich zu Ihren Tabletten noch Insulin spritzen. So gehen Sie sicher, dass der Blutzucker vor allem nach dem Essen normale Werte erreicht.
Warum kann man Insulin nicht einnehmen? Ich möchte mir selbst keine Spritzen geben.
Insulin ist ein Hormon, das im Magen von der Salzsäure zersetzt werden würde, wenn man es schluckt. Deshalb muss es injiziert werden. Das werden Sie aber bestimmt auch schaffen. Da es nur ins Unterhautfettgewebe gespritzt wird, merken Sie von dem Stich nicht viel. Außerdem machen die modernen Pens mit den feinen Nadeln das Spritzen fast von selbst. Sie erhalten eine gründliche Schulung zum Umgang mit dem Insulin und werden nach ein paar Tagen schon ganz routiniert mit dem neuen Medikament umgehen können.
Warum gibt es so viele verschiedene Insuline?
Der Bedarf an Insulin ist von Patient zu Patient recht unterschiedlich. Außerdem lässt sich mit verschiedenen Insulinen die Therapie häufig besser an den Tagesablauf anpassen. Lang wirksame Insuline zum Beispiel sind bis zu 24 Stunden wirksam und decken den Grundbedarf des Körpers an Insulin ab. Sehr kurz wirksame (ultrakurz wirksame) Insuline kann man dagegen unmittelbar vor dem Essen oder sogar erst anschließend spritzen. Das ist besonders praktisch, wenn Sie, bevor Sie am Tisch sitzen, noch nicht wissen, welches Gericht Sie essen werden (z. B. im Restaurant, bei Einladungen).
Der Arzt hat gesagt, dass ich ein so genanntes Analog-Insulin verordnet bekommen habe. Was ist das?
Das ist ein biosynthetisch hergestelltes Insulin, das so ähnlich aufgebaut ist, wie unser natürliches Insulin, aber nicht genau identisch ist. Durch kleine Veränderungen in der Molekülstruktur kann dieses Insulin viel länger bzw. viel kürzer wirken als das natürliche Hormon.
Auf meinem Insulin stehen die Zahlen „30/70“. Was bedeutet das?
Sie haben ein so genanntes Mischinsulin. Dieses besteht aus einem lang wirksamen und einem kürzer wirksamen Insulinanteil. Wahrscheinlich sollen Sie es zweimal täglich spritzen? Wichtig ist, dass Sie einen festen Rhythmus im Tagesablauf einhalten und vor allem regelmäßig Ihre Mahlzeiten zu sich nehmen.
Ich habe eine Patrone mit klarer und eine mit trüber Flüssigkeit drin und weiß nicht mehr, welches von diesen beiden das Langzeit- und welches das Normal-Insulin ist. Woran kann ich es erkennen?
Die klare Lösung ist das Normalinsulin. Es ist von seiner Struktur her genau so aufgebaut, wie das menschliche Insulin und enthält keine Zusätze. Die trübe Flüssigkeit ist das lang wirksame Insulin. Hier wurde dem ursprünglichen Normalinsulin ein Stoff beigefügt, der die Wirkung des Insulins nach dem Spritzen verzögert. Deshalb ist der Inhalt dieser Patrone nicht mehr klar. Es gibt zwar auch lang wirksame Insuline, die klar sind, doch bei Ihrer Langzeit-Insulinart ist die Lösung immer trüb.
Mein Diabetologe hat letztens etwas von einem Spritz-Ess-Abstand erzählt. Was ist das?
Das ist die Zeitspanne, die eingehalten werden sollte zwischen der Injektion und dem ersten Bissen einer Mahlzeit. Dieser Abstand hängt von dem Insulin ab, welches Sie verwenden und von Ihrem aktuellen Blutzuckerspiegel. Bei ultrakurz wirksamen Präparaten, die unmittelbar vor dem Essen injiziert werden, ist ein Spritz-Ess-Abstand nicht unbedingt notwendig. Kurz wirksame Insuline (Normalinsuline) dagegen sind etwa 15-20 Minuten vor der Mahlzeit zu spritzen. Länger als 45 Minuten sollte der Abstand zwischen der Spritze und dem ersten Bissen aber nicht sein.
Meine Mutter ist im Altenheim und bekommt dort nur zweimal am Tag Insulin gespritzt. Ich dagegen spritze meine Insuline aber viermal täglich. Ist das denn so richtig oder nur mal wieder eine Sparmaßnahme bei den älteren Menschen?
Ihre Mutter erhält im Altenheim sicher ein Mischinsulin, das morgens und abends gespritzt wird. Man nennt diese Behandlung eine konventionelle Therapie. Sie ist dann sinnvoll, wenn jemand älter und in Pflege ist. Der Tagesablauf Ihrer Mutter ist sehr regelmäßig und da bietet sich diese Methode an. Sie dagegen haben einen flexiblen Alltag – gehen zur Arbeit, machen Sport und entscheiden kurzfristig mal einen Restaurantbesuch. Um dabei trotzdem den Blutzuckerspiegel auf normalen Werten zu halten, spritzen Sie morgens, mittags und abends ein kurz bis ultrakurz wirksames Insulin und spätabends ein sehr lang wirksames Verzögerungsinsulin, das über die Nacht reicht. Somit brauchen Sie den Tagesablauf nicht an Ihr Insulin anzupassen, sondern können umgekehrt ganz normal leben und stimmen Ihre Therapie auf die jeweilige Situation ab.
Quelle
Franziska Wartenberg