Zertifikatskurs Diabetes
Wenn andere Arzneimittel mitmischen (8-2010)
Es ist nicht ungewöhnlich, dass Diabetiker neben ihren blutzuckersenkenden Medikamenten auch andere Arzneimittel einnehmen müssen. Die verschiedenen Substanzen können unterschiedlich stark mit Antidiabetika wechselwirken und die diabetische Stoffwechsellage beeinflussen. So wird z. B. durch Glukokortikoide, Thiaziddiuretika (als Blutdrucksenker), Schilddrüsenhormone oder Beta-2-Sympathomimetika (z. B. Salbutamol als bronchienerweiternde Substanz) die Wirkung von Metformin, Sulfonylharnstoffen oder Gliniden abgeschwächt. Gleiches gilt für die Substanz Saxagliptin – ihr blutzuckersenkender Effekt vermindert sich unter dem Einfluss von so genannten CYP3A4 Induktoren, wie die Antiepileptika Carbamazepin, Phenobarbital und Phenytoin. Sulfonylharnstoffe werden dagegen stärker wirksam, wenn beispielsweise blutverdünnende Cumarin-Derivate (wie Marcumar®), schmerzstillende Salicylate oder Antibiotika, wie Chloramphenicol, Sulfonamide oder Tetracycline anwesend sind. Diabetes fördernd sind allgemein die Glukokortikoide, Thiaziddiuretika, Beta-2-Sympathomimetika und auch Antidepressiva. Fibrate verbessern dagegen die Wirkung von Insulin. Orale hormonale Kontrazeptiva können in ihrer Wirksamkeit durch Pioglitazon beeinträchtigt werden.
So sag ich es meinem Kunden – orale Antidiabetika und Inkretinmimetika
Bei der Beratung in der Apotheke ist es oft erforderlich, Patienten komplexe Zusammenhänge kurz und verständlich zu erklären. Bringen Sie dabei Ihr Fachwissen ganz einfach auf den Punkt. Schon mit wenigen Worten lassen sich erklärende Antworten zu jenen Fragen formulieren, die Ihnen im Patienten-Gespräch begegnen könnten.
Alpha-Glucosidasehemmer – was ist das?
Diese Tabletten blockieren Enzyme im Dünndarm, die die Kohlenhydrate aus der Nahrung in ihre Zuckerbestandteile zerlegen. Somit dauert es länger, bis die Glukosemoleküle ins Blut gelangen. Sie haben dann nicht mehr diese hohen Blutzuckerspiegel nach dem Essen.
Kann ich eine Unterzuckerung bekommen?
Mit diesen Tabletten allein nicht. Aber wenn Sie noch andere Antidiabetika einnehmen müssen, wie z. B. Sulfonylharnstoffe (Glimepirid), kann dadurch der Blutzucker auch mal ungewollt stark abfallen. Sobald Sie merken, dass Ihnen schwindlig wird und sie anfangen, sehr zu schwitzen, nehmen sie bitte schnell etwas Traubenzucker zu sich. Haushaltszucker und Fruchtzucker bringen in dem Fall nichts, weil es wegen der Alpha-Glucosidasehemmer zulange dauert, bis sie ins Blut aufgenommen werden.
Meine Nachbarin sagt, sie bekommt immer Bauchschmerzen von diesen Tabletten. Stimmt das?
Am Anfang kann das Medikament Blähungen und Krämpfe hervorrufen, deshalb sollen Sie erst einmal eine Tablette pro Tag nehmen und später dann die Dosis erhöhen. Am besten schlucken Sie das Arzneimittel mit dem ersten Bissen einer Mahlzeit.
Metformin – was ist das?
Metformin ist ein Medikament, das viele positive Wirkungen auf den Blutzuckerspiegel hat. Es gilt als Mittel der ersten Wahl und ist besonders für Diabetiker mit „ein paar Pfunden mehr“ geeignet. Die Substanz sorgt dafür, dass der Zucker aus dem Blut besser in die Zellen aufgenommen und in der Leber nicht so viel neue Glukose nachproduziert wird. Außerdem senkt er die Aufnahme von Zucker aus dem Dünndarm ins Blut. Und zusätzlich werden Ihre Blutfette besser eingestellt. In verschiedenen Untersuchungen hat Metformin sogar das Krebsrisiko verringert.
Aber es hat doch bestimmt auch Nebenwirkungen?
Am Anfang werden Sie möglicherweise Blähungen oder Durchfall bekommen. Das gibt sich aber mit der Zeit. Deshalb sollen Sie zu Beginn auch erst eine Tablette am Tag einnehmen und später die Dosis langsam erhöhen. Vielleicht wird Ihnen in den ersten Tagen oder Wochen ein metallischer Geschmack im Mund auffallen. Der kommt auch von diesem Wirkstoff, ist aber harmlos. Vor Unterzuckerung brauchen Sie keine Angst zu haben, wenn Sie nur diese Tabletten gegen zu hohen Blutzucker einnehmen.
Wirken die Tabletten sofort?
Nein, es kann bis zu einer Woche dauern, bis Ihr Blutzuckerspiegel merklich sinkt. Da Metformin bevorzugt jüngeren Patienten verordnet wird, werden Sie bald Erfolge sehen. Außerdem können Sie gut damit abnehmen, sollten sich aber weiterhin kalorienarm ernähren und regelmäßig bewegen. Ältere Menschen sprechen übrigens nicht so gut auf dieses Medikament an.
Ich habe demnächst eine MRT-Untersuchung vor mir. Der Arzt sagte, ich sollte Metformin vorher absetzen. Ist das richtig?
Ja, wenn Sie jodhaltige Röntgenkontrastmittel verabreicht bekommen, sollten sie das Medikament 24 Stunden vor und 24 Stunden nach der Untersuchung nicht einnehmen. Diese kleine Unterbrechung ist für Ihren Blutzucker aber nicht problematisch. Auch bei einer Operation muss Metformin zwei Tage vorher abgesetzt werden. Am Tag nach dem Eingriff darf man es wieder wie gewohnt verwenden.
Sulfonylharnstoffe – was ist das?
Diese Substanzen sorgen dafür, dass mehr Insulin aus Ihrer Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet wird. Dadurch kommt auch mehr Glukose vom Blut in die Zellen und Ihr Blutzuckerspiegel sinkt. Sie sollten auf jeden Fall aufpassen, dass Sie regelmäßige Mahlzeiten zu sich nehmen und möglichst immer Traubenzucker dabei haben. Sulfonylharnstoffe können in besonderen Situationen, wie nach sportlichen Aktivitäten oder Alkoholgenuss, eine Unterzuckerung hervorrufen. Wenn Sie aber darauf achten, dass nach der Tabletteneinnahme auch eine größere Mahlzeit stattfindet (z. B. Glibenclamid 15 – 30 Minuten vorher einnehmen), müssen Sie keine Stoffwechselentgleisung befürchten.
Nehme ich an Gewicht zu?
Da die Tabletten die Ausschüttung des Insulins fördern und den Fettaufbau begünstigt, kann es unter dieser Therapie zu einer leichten Gewichtszunahme kommen. Sie können jedoch versuchen, dies mit einer möglichst kalorienarmen Kost auszugleichen.
Kann ich diese Tablette auch meinem Mann geben? Der hat ebenfalls etwas „hohen Zucker“.
Auf keinen Fall! Prinzipiell sollten niemand einfach so Medikamente von jemand anderem nehmen, vor allem, wenn diese verschreibungspflichtig sind. Außerdem hat der Arzt aufgrund Ihrer Stoffwechsellage genau diese Tablette für Sie ausgesucht. Ihr Mann müsste sich selbst medizinisch untersuchen lassen. Hat er beispielsweise Nieren- oder Leberprobleme oder reagiert er allergisch auf bestimmte Antibiotika (z. B. Sulfonamide), wäre diese Tablette für ihn gefährlich.
Glinide – was ist das?
Glinide sind Substanzen, die die Ausschüttung von Insulin aus Ihrer Bauchspeicheldrüse fördern. Das machen sie aber nur, wenn Sie vorher etwas gegessen haben und Glukose im Blut ist. Deshalb nehmen Sie die Tabletten auch unmittelbar vor der Mahlzeit (Repaglinid) oder 10 Minuten eher (Nateglinid) ein.
Und wenn ich nach der Tabletteneinnahme nichts esse?
Dann passiert nichts. Bei diesen Wirkstoffen ist eine Mahlzeit nach der Tabletteneinnahme nicht unbedingt notwendig. Sie wirkt nur, wenn auch Kohlenhydrate aufgenommen wurden, hat aber keinen Einfluss auf den so genannten Nüchternblutzucker.
Ich nehme die Tabletten jetzt schon eine Woche und mein Blutzucker ist immer noch hoch, vor allem nach dem Essen.
Das kann sein, weil die Glinide ihre volle Wirkung erst nach 1 – 3 Wochen entfalten. Sie wirken vor allem auf den hohen Blutzuckerspiegel nach dem Essen. Haben Sie noch etwas Geduld und nehmen Sie die Tabletten bitte weiter nach Vorschrift ein, dann wird sich bestimmt bald ein positiver Effekt bemerkbar machen.
Glitazone – was ist das?
Sie haben mit diesem Rezept ein Medikament verordnet bekommen, das Ihre Körperzellen wieder empfänglicher für das Insulin machen soll und das Ihr Körper täglich produziert und ausschüttet. Der Zucker in Ihrem Blut wird besser verwertet und somit sinkt auch Ihr Blutzuckerspiegel. Nebenbei wirkt sich das Medikament günstig auf Ihre Blutfette aus.
Wie soll ich die Tabletten einnehmen und lasse ich die anderen „Zuckertabletten“ weg?
Diese neuen Tabletten nehmen Sie ein- bis zweimal täglich (abhängig von der ärztlichen Empfehlung) mit oder unabhängig von den Mahlzeiten. Vielleicht wird Ihr Arzt in zwei Monaten die Stärke der Tabletten noch einmal erhöhen. Die anderen Zuckertabletten (z. B. Metformin oder Glimepirid) nehmen Sie weiterhin ein wie immer. Es gibt aber auch Kombinationspräparate, wo zwei Wirkstoffe in einer Tablette sind. Fragen Sie Ihren Arzt einfach mal danach, ob diese Präparate auch für Sie in Frage kämen.
Machen die Tabletten dick?
Es kann sein, dass Sie unter dieser Tablette Wasser einlagern – dann sprechen Sie bitte noch einmal mit dem Arzt darüber. Manche Menschen nehmen bei einer Glitazon-Behandlung zu, weil oft auch der Appetit ansteigt. Versuchen Sie, wenn möglich, bei Ihrer Ernährung noch stärker auf kalorienarme Speisen zu achten.
Ich habe im Internet/Zeitung gelesen, dass diese Glitazone gefährlich sind – stimmt das?
Für Patienten mit Herzerkrankungen ist dieses Medikament nicht geeignet. Dann kann es problematisch werden. Doch Ihr Arzt weiß das und hat es bei der Auswahl des passenden Arzneimittels für Sie berücksichtigt. Außerdem werden Sie regelmäßig auf Ihre Herzfunktionen untersucht.
Inkretin-Mimetika – was ist das?
Inkretine sind Hormone, die nach dem Essen im Dünndarm freigesetzt werden. Sie verstärken in Abhängigkeit von der Blutzuckerhöhe die Ausschüttung des Insulins. Außerdem verhindern sie, dass die Leber mehr Zucker produziert. Der Blutzuckerspiegel sinkt also ab. Die Medikamente sind dem natürlichen Inkretin sehr ähnlich, ihre Wirkung hält aber länger an.
Warum muss ich das jetzt spritzen? Gibt’s da keine Tabletten?
Die Substanzen würden durch die Salzsäure im Magen zersetzt werden und müssen deshalb unter die Haut gespritzt werden. Es kostet sicher am Anfang etwas Überwindung, aber mit den modernen Pen-Geräten ist das Spritzen ganz einfach. Bei einem Präparat muss man sogar nur einmal am Tag injizieren. Es ist eine gute Ergänzung zu Ihren „Zuckertabletten“, die Sie schon nehmen.
Muss ich vor dem Essen meinen Blutzucker messen?
Nein, die Substanzen werden ein bzw. zweimal am Tag innerhalb einer Stunde vor den Mahlzeiten gespritzt. Sie wirken nur, wenn viel Zucker im Blut ist. Man muss also auch keine Angst vor Unterzucker haben.
Bekomme ich dann mehr Appetit?
Nein, im Gegenteil. Die Wirkstoffe verzögern die Magenentleerung und bremsen den Appetit im Gehirn, so dass man länger satt ist. Das hilft beim Abnehmen.
Mir ist immer so übel, seit ich diese Spritzen anwende. Woher kommt das?
Das Arzneimittel verhindert eine schnelle Magenentleerung – das kann Unwohlsein und Übelkeit hervorrufen. Auch wenn Sie unter Durchfällen leiden, hängt es möglicherweise damit zusammen. Diese Beschwerden lassen aber mit der Zeit nach.
Gliptine – was ist das?
Nach dem Essen werden im Dünndarm so genannte Inkretine ausgeschüttet, das sind Hormone, die wiederum die Freisetzung von Insulin unterstützen. Sie helfen also, den Blutzucker nach dem Essen zu senken, werden aber recht schnell im Körper abgebaut. Die auch als DPP-4-Hemmer bezeichneten Gliptine verhindern den raschen Abbau der hilfreichen Dünndarmhormone. Sie können Sie als Tabletten unabhängig von den Mahlzeiten einnehmen.
Welche Nebenwirkungen muss ich befürchten?
Eigentlich ist diese Wirkstoffgruppe gut verträglich. Manche Patienten bemerken Schnupfen oder eine verstopfte Nase. Auch Hals- oder Kopfschmerzen können auftreten. Wird es nach einiger Zeit nicht besser, sprechen Sie bitte mit Ihrem Arzt darüber.
Kann ich „unterzuckern“?
Die Gliptine allein führen nicht zu einer Unterzuckerung. Doch es kann dazu kommen, wenn Sie so genannte Sulfonylharnstoffe einnehmen müssen, wie z. B. Glimepirid. Dann schadet es nicht, immer etwas Traubenzucker in der Tasche zu haben.