Zertifikatskurs Diabetes
Risiken für eine Verschlechterung der Netzhaut während der Schwangerschaft (15+16-2010)
Im Verlauf einer Schwangerschaft können sich bereits bestehende Folgeerkrankungen des Diabetes verschlechtern. Vor allem die Netzhaut leidet unter den veränderten hormonellen Einflüssen, weshalb regelmäßige augenärztliche Kontrollen von den Leitlinien der Fachgesellschaften für Diabetes empfohlen werden. Vor einer Schwangerschaft ist der Blutzucker bei bereits bestehender Retinopathie schonend auf den erforderlichen Zielbereich abzusenken. Folgende Risikofaktoren können für eine Verschlechterung von Netzhautbefunden verantwortlich sein:
- die Schwangerschaft selbst (durch die hormonelle Umstellung)
- ungünstiger Netzhautbefund vor der Schwangerschaft
- unzureichende Laser-Behandlung vor der Schwangerschaft bei bereits bekannter
- Netzhauterkrankung
- erhöhter Blutdruck
- diabetische Nierenerkrankung
- Rauchen
- hoher HbA1c-Wert zu Beginn der Schwangerschaft
- zu schnelle Normalisierung erhöhter Blutzuckerwerte
- Diabetesdauer länger als 10 Jahre
- Blutarmut (Anämie, niedriger Hämoglobin-Wert)
Was begünstigt einen Schwangerschaftsdiabetes?
Die Häufigkeit eines Schwangerschaftsdiabetes nimmt in den letzten Jahren zu. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle und sollten bei den Vorsorgeuntersuchungen berücksichtigt werden. Eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung des auch als Gestationsdiabetes genannten Schwangerschaftsdiabetes kann folgenschwere Komplikationen für Mutter und Kind verhindern.
Besonders gefährdet für Gestationsdiabetes sind Frauen mit folgenden Merkmalen:
- Übergewicht
- bereits in der Familie aufgetretene Diabeteserkrankungen
- wiederholte Fehlgeburten
- vorangegangene Geburten, bei denen die Kinder mit mehr als 4000g Körpergewicht auf die Welt kamen
- das eigene Geburtsgewicht war > 4000g
- Alter der Schwangeren > 30 Jahre
Wahl der richtigen Entbindungsklinik
Frauen mit Diabetes sollten ihr Baby nicht zu Hause oder in einem Geburtshaus auf die Welt bringen. Zu hoch ist das Risiko, dass bei Komplikationen nicht schnell genug fachgerechte Hilfe zur Stelle ist. Daher wird Schwangeren mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes geraten, die Entbindung in einer besonderen Klinik, einem sogenannten Perinatalzentrum mit mindestens „LEVEL 2“ zu planen (Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen). LEVEL 2 bedeutet, dass eine Kinderklinik angeschlossen ist und Neugeborene optimal betreut werden. Die Schwangere sollte sich dort rechtzeitig (spätestens in der 36. SSW) und persönlich mit ihrem Mutterpass und Blutzucker-Protokollheft vorstellen. Bei bereits per Ultraschall diagnostizierten Fehlbildungen muss die Entbindung mit direkter Anbindung an die erforderlichen chirurgischen Spezialdisziplinen (Kinder-, Neuro-, Kardiochirurgie) erfolgen.
Wie hoch ist das Diabetes-Risiko für das Kind?
Die Wahrscheinlichkeit, an einem Typ-1-Diabetes zu erkranken liegt in der Bevölkerung bei 0,3%. Kinder von Typ-1-Diabetikern zeigen ein leicht höheres Risiko für die Entwicklung der Stoffwechselerkrankung. Es beträgt 5,3% nach 20 Jahren, das bedeutet: 95 von 100 Kindern, die von Müttern mit Typ-1-Diabetes geboren wurden, werden bis zum 20.Lebensjahr keinen Diabetes Typ-1-bekommen. Diese Erkrankung hängt nicht mit der Stoffwechseleinstellung während der Schwangerschaft zusammen, sondern ist erblich bedingt. Ist auch der Vater des Kindes an Typ-1-Diabetes erkrankt, beträgt das Fünf-Jahres-Risiko 11%. Bei 12% liegt die Rate nach fünf Jahren, wenn neben der Mutter auch ein Geschwister Typ-1-Diabetiker ist.
Studie bestätigt: Auch leichter Schwangerschaftsdiabetes sollte behandelt werden
In Deutschland entwickeln bis zu 20% der werdenden Mütter Schwangerschaftsdiabetes. Erkannt und behandelt wird nach Aussage der Deutschen Gesellschaft für Ernährung aber nur jede zehnte Betroffene. Schwangere sollten daher grundsätzlich und regelmäßig auf Diabetes untersucht werden. Die Folgen von Schwangerschaftsdiabetes sind erhöhte Risiken für Mutter und Kind bei der Geburt, aber auch erhöhte Langzeitrisiken. Beim Kind verdreifacht sich das Risiko auf späteres Übergewicht, auf Diabetes und demzufolge auch auf Herz-Kreislauf-Krankheiten. Bei der Mutter steigt außerdem die Gefahr, in späteren Lebensjahren Diabetes zu entwickeln. Eine aktuelle amerikanische Studie befasste sich mit der Frage, ob schon die Behandlung von leichtem Schwangerschaftsdiabetes zu geringeren Geburtskomplikationen und besserer Gesundheit von Mutter und Kind führen. Bei der Untersuchung wurden 958 Frauen zwischen der 24. Und 31. SSW berücksichtigt, die erstmals einen Schwangerschaftsdiabetes mit entsprechenden Blutglukosewerten entwickelten. 485 Schwangere sollten im Verlauf der Studie mehrmals täglich ihren Blutzucker messen und erhielten eine Diät bzw. wurden bei Bedarf mit Insulin behandelt. Die restlichen Probandinnen erfuhren als Kontrollgruppe die normale Schwangerschaftsvorsorge und ihr Blutzucker wurde nur bei klinisch auffälligen Symptomen überprüft. Lagen die Werte über 160mg/dl, erhielten auch sie eine Insulinbehandlung. Ergebnis: die Frauen mit häufigen Blutzuckerkontrollen und einer Diät bzw. raschen Insulinbehandlung hatten deutlich weniger Kinder mit einem Geburtsgewicht über 4000g als die Mütter der Kontrollgruppe. Sie zeigten weniger Geburtskomplikationen und litten selbst um ein Drittel seltener an einer Präklampsie oder Bluthochdruck.
Landon M.B. et al., A Multicenter Trial of Treatment for Mild Gestational Diabetes, NEJM 2009; 361: 1339-1348
So sage ich es meinem Kunden – was müssen Schwangere mit Diabetes oder Risikofaktoren für Gestationsdiabetes beachten?
Bei der Beratung in der Apotheke ist es oft erforderlich, Patienten komplexe Zusammenhänge kurz und verständlich zu erklären. Bringen Sie dabei Ihr Fachwissen ganz einfach auf den Punkt. Schon mit wenigen Worten lassen sich erklärende Antworten zu jenen Fragen formulieren, die Ihnen im Patienten-Gespräch begegnen könnten.
Ich habe Typ-1-Diabetes und möchte gern schwanger werden. Geht das überhaupt und werde ich ein gesundes Kind bekommen?
Mit den modernen Behandlungs- und Überwachungsmethoden können auch Diabetikerinnen schwanger werden und gesunde Kinder zur Welt bringen. Ganz wichtig ist, dass vor und während Ihrer Schwangerschaft der Blutzucker optimal eingestellt ist. Sprechen Sie mit Ihrem Frauenarzt darüber und informieren Sie auch Ihren Diabetologen. In der Schwangerschaft sollten Sie besonders gut betreut sein und regelmäßige Kontrolluntersuchungen wahrnehmen.
Im Moment behandle ich meinen Typ-1-Diabetes mit der intensivierten konventionellen Insulintherapie. Kann ich die auch während der Schwangerschaft beibehalten?
Die intensivierte konventionelle Insulintherapie eignet sich gut für die Behandlung des Diabetes in der Schwangerschaft. Stetige Blutzuckerkontrollen sind wichtig – die führen Sie mit diesem Therapieprinzip ja mehrmals täglich durch. Vielleicht käme für Sie auch die Verwendung einer Insulinpumpe in Frage. Damit lässt sich der Blutzucker oft noch besser „auf Kurs halten“. Sprechen Sie Ihren Arzt doch einmal darauf an.
Ich verwende derzeit lang wirksames Analog-Insulin. Kann ich das in der Schwangerschaft weiter verwenden?
Aufgrund mangelnder Erfahrungen mit dieser Insulinart wird empfohlen, auf Humaninsulin umzusteigen. Für eine längere Wirkung können Sie NPH-Humaninsulin verwenden. Wenn Sie bisher die kurz wirksamen Analog-Insuline Aspart oder Lispro benutzen, dürfen Sie diese weiterhin einsetzen.
Ich war immer kerngesund und jetzt haben die Ärzte bei mir in der Schwangerschaftsdiabetes festgestellt. Wie kann das denn sein?
Aufgrund der hohen Hormonspiegel, die sich während der Schwangerschaft aufbauen, nimmt die Empfindlichkeit ihrer Zellen für Insulin ab. Ihr körpereigenes Insulin kann den Zucker aus der Nahrung nicht mehr ausreichend in die Zellen transportieren. Dieser so genannte Gestationsdiabetes lässt sich häufig mit einer Diät behandeln. Manches Mal muss die Patientin auch Insulin spritzen. Nach der Geburt Ihres Kindes geht der Schwangerschaftsdiabetes in der Regel wieder weg.
Ich habe Typ-2-Diabetes und nehme Tabletten. Kann ich diese während einer Schwangerschaft weiter anwenden?
Wenn Sie planen, schwanger zu werden, sollten Sie mit Ihrem Diabetologen darüber sprechen. Er wird Sie dann von den Tabletten auf Insulin umstellen, da orale Antidiabetika Ihrem Kind während der Schwangerschaft sehr schaden könnten.
Kann ich als Typ-1-Diabetikerin mein Kind nach der Geburt unbedenklich stillen?
Wie gesunden Müttern wird auch Müttern mit Diabetes ausdrücklich empfohlen zu stillen. Während des Stillens kann Ihr Insulinbedarf jedoch vermindert sein. Testen Sie Ihren Blutzuckerspiegel einfach etwas häufiger, um Unterzucker zu vermeiden.