Zertifikatskurs Diabetes
Diabetes in (un)bekannter Begleitung (19-2010)
Bei diabetischen Folgeerkrankungen denkt man meist zuerst an Gefäßschäden mit Auswirkungen auf Herz und Kreislauf, Augen- und Nierenschäden oder den diabetischen Fuß. Mit schmerzenden Gelenken, nächtlicher Schlafapnoe oder gutartigen Wucherungen in der weiblichen Brust bringt jedoch kaum jemand die Zuckerkrankheit in Verbindung. Dabei sind diese und andere Begleiterscheinungen bei Diabetikern gar nicht so selten, werden allerdings häufig erst spät erkannt und spät behandelt.
Nicht in allen Fällen sind die genauen Ursachen bekannt. Doch in der Regel lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen den „unerwarteten“ Folgeerkrankungen und zu hohen Blutzuckerwerten, Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen feststellen. Somit finden sich vor allem bei Typ-2-Diabetikern Krankheitsbilder, die sich durch diabetesgerechte Maßnahmen, wie ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung und Gewichtsreduktion, verbessern lassen.
Gelenkprobleme: Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich Glukosemoleküle an Bindegewebsfasern haften und diese „verzuckern“. Dadurch verlieren die Fasern an Elastizität, Gelenkkapseln verdicken sich und schränken die Beweglichkeit ein. Es treten Beschwerden auf wie Schultersteifigkeit („Frozen Shoulder“) oder Fingersteifigkeit (Cheiropathie).
Scheidenpilz: Erhöhte Blutzuckerspiegel bieten Pilzen einen optimalen Nährboden. Das gilt auch für den Hefepilz Candida albicans, dem häufigsten Verursacher von Vaginalmykosen. Diabetikerinnen leiden öfter als gesunde Frauen unter Scheidenpilzen, da zusätzlich ihr Immunsystem aufgrund des schlechten Zuckerstoffwechsels geschwächt ist.
Schlafapnoe: Verschiedene Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen Diabetes und nächtlichen Atemstillständen. Vor allem Typ-2-Diabetiker leiden häufiger unter Schlafapnoe. Als entscheidender Risikofaktor gilt bestehendes Übergewicht.
Gallensteine: Zu viele Pfunde könnten unter anderem auch für das Auftreten von Gallensteinen verantwortlich sein. Typ-2-Diabetiker sind von diesen Beschwerden häufiger betroffen. Zum einen vermutet man ein schlechtes Mischungsverhältnis des Gallensaftes bei diabetischen Patienten: mehr Cholesterin, weniger Gallensäuren. Zum anderen könnten diabetesbedingte Nervenschäden die Bewegungen der Gallenblase verlangsamen.
Fettleber: Bei einem Überangebot an Nährstoffen speichert die Leber das Fett in ihren Zellen, sie „verfettet“. Das Organ schwillt an und kann sich entzünden – es kommt zur Fettleber-Hepatitis. Bis zu 90 Prozent der fettleibigen Typ-2-Diabetiker weisen eine Fettleber auf. Umgekehrt wird vermutet, dass die Fettleber eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Typ-2-Diabetes spielt. In der Leber wird überschüssiger Zucker gespeichert und bei Bedarf freigesetzt. Ist sie verfettet, geraten die Prozesse von Zuckeraufnahme und -abgabe aus der Balance, sodass der Blutzucker ansteigt. Zusätzlich schüttet die Fettleber verstärkt Entzündungsbotenstoffe aus, die wiederum die Aufnahme der Glukose in die Zellen beeinträchtigt.
Gicht: Diabetesbedingte Nierenschäden können die Ursache dafür sein, dass das Stoffwechselprodukt der Purine, die Harnsäure, nicht mehr ausreichend aus dem Körper ausgeschieden wird. Es kommt zu erhöhten Harnsäurespiegeln im Blut. Überschüssige Harnsäure kristallisiert aus und lagert sich in Gelenken ab, was zu schmerzhaften Entzündungen (Gichtanfällen) führen kann. Vor allem Typ-2-Diabetiker leiden nicht zuletzt aufgrund eines ungesunden Ess- und Trinkverhaltens unter Gicht.
Diabetische Gastroparese: ist der Fachbegriff für eine Diabetes-induzierte Magenlähmung. Durch zu hohe Blutzuckerwerte werden langfristig vegetative Nervenbahnen geschädigt. Darunter leidet unter anderem auch die Muskelkontraktion des Magens, so dass dieser sich nicht mehr ausreichend entleeren kann. Es dauert länger, bis die über die Nahrung aufgenommenen Kohlenhydrate aufgenommen werden, was sich fatal auf den Blutzuckerspiegel auswirken kann (Unterzuckergefahr). Hinzu kommen häufig Völlegefühl, Übelkeit und Sodbrennen.
Blasenschwäche: Diabetiker haben etwa doppelt so oft Inkontinenz-Probleme wie Nicht-Diabetiker. Zum einen liegt es daran, dass hohe Blutzuckerspiegel harntreibend wirken: Der Körper versucht überschüssigen Zucker über den Urin loszuwerden. Zum anderen schädigt hoher Blutzucker auf Dauer jene Nerven, die die Blasenentleerung steuern. Typisch dafür ist die Reizblase. Schließlich neigen Diabetiker häufiger zu Blasenentzündungen.
Immunsystem: Bei Patienten mit Typ-1-Diabetes richtet sich das Immunsystem gegen die Zellen der Bauchspeicheldrüse und verhindert somit Insulinbildung. Solche autoimmunen Prozesse können sich auch gegen andere körpereigene Gewebe richten, wie z. B. die Schilddrüse. Typ-1-Diabetiker erkranken bis zu fünfmal öfter an einer Schilddrüsenunterfunktion als Nicht-Diabetiker, wobei Frauen häufiger betroffen sind. Auch Typ-2-Diabetikerinnen nach den Wechseljahren leiden vermehrt unter der so genannten „Autoimmun-Thyreoiditis“ (AIT).
Diabetische Mastopathie: Hierbei handelt es sich um die Bildung gutartiger Knoten in der Brust. Mit einer Häufigkeit von weniger als einem Prozent gehört diese Wucherung zu den eher seltenen Erkrankungen. Die Ursachen sind kaum bekannt, doch Wissenschaftler vermuten, dass zu hohe Blutzucker die vermehrte Bildung von Bindegewebe fördern. Zusätzlich könnten Entzündungen eine Rolle spielen. Möglicherweise werden die mit Glukose beladenen Zellen vom eigenen Körper auch als Fremdkörper angesehen, so dass autoimmune Vorgänge stattfinden.
Osteoporose: Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Diabetiker ein erhöhtes Risiko für Osteoporose und entsprechend auch für Knochenbrüche haben. Vor allem bei Patienten mit Typ-1-Diabetes ist die Neubildung von Knochen vermindert. Ursache könnte das fehlende Insulin mit seiner anabolen Wirkung sein. Außerdem ist ein Wachstumsfaktor, der für die Knochenneubildung wichtig ist, bei Typ-1-Diabetes erniedrigt. Auch Typ-2-Diabetiker leiden vermehrt unter verminderter Knochendicht, jedoch nicht in dem Ausmaß wie Typ-1-Diabetiker.
Franziska Wartenberg
Quellen:
Pressemitteilung diabetesDE, 20.7.2010
Beitrag PD Dr. med. I.A. Harsch, Gemeinsame Tagung der DDG und DAG, 6.11.2009, Berlin
So sage ich es meinem Kunden – Folgeerkrankungen bei Menschen mit Diabetes
Bei der Beratung in der Apotheke ist es oft erforderlich, Patienten komplexe Zusammenhänge kurz und verständlich zu erklären. Bringen Sie dabei Ihr Fachwissen ganz einfach auf den Punkt. Schon mit wenigen Worten lassen sich erklärende Antworten zu jenen Fragen formulieren, die Ihnen im Patienten-Gespräch begegnen könnten.
Neben meinen „Zuckertabletten“ soll ich jetzt auch Tabletten gegen zu hohen Blutdruck einnehmen. Reicht es nicht, wenn ich nur etwas gegen den hohen Zucker nehme?
Als Typ-2-Diabetiker haben Sie auch ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Ein erhöhter Blutdruck kann bereits darauf hinweisen und sollte deshalb frühzeitig behandelt werden. Auch Ihre Niere wird durch die blutdrucksenkenden Medikamente entlastet. Sie leidet sowieso schon unter dem Diabetes.
Meine Diabetologin hat mich ermahnt, ein- bis zweimal im Jahr zum Augenarzt zu gehen. Was hat denn die Sehkraft mit dem Diabetes zu tun?
Durch die hohen Zuckerwerte werden feine Gefäße in den Augen, vor allem im Bereich der Netzhaut, geschädigt. Dadurch kann die Sehfähigkeit eingeschränkt werden. Unbehandelt und bei weiterhin zu hohen Blutzuckerwerten droht sogar Erblindung. Daher ist es notwendig, regelmäßig zum Augenarzt zu gehen, um mögliche Veränderungen rechtzeitig zu erkennen.
Mir tun beim Gehen in letzter Zeit die Beine immer so weh. Der Schmerz lässt nach, wenn ich ein Weilchen stehen bleibe. Kann das mit meinem Diabetes zusammenhängen?
Es kann sich bei diesen Beschwerden um eine Durchblutungsstörung der Beine handeln, die wahrscheinlich durch zu hohe Blutzuckerwerte hervorgerufen wird. Der viele Zucker in ihrem Blut verursacht Schäden in den großen Gefäßen und es kommt zu Stauungen in den Beinen. Sie sollten unbedingt auf ihren Blutzucker achten und darüber hinaus einen Diabetes-Facharzt aufsuchen.
Der Arzt hat mir Clopidogrel verordnet. Darf ich das Medikament bei Diabetes überhaupt einnehmen?
Clopidogrel ist ein Wirkstoff, der verhindert, dass Bestandteile des Blutes „verklumpen“. Das kann gerade bei erhöhtem Blutzucker passieren. Die Gefäße werden enger und die Durchblutung schlechter – Sie merken es vielleicht schon beim Laufen, wenn Ihnen öfter die Beine weh tun. Durch blutverdünnende Arzneimittel wird der Stau in den Beinen verhindert. Sie sollten die Tabletten deshalb immer regelmäßig einnehmen und außerdem sorgfältig auf optimale Blutzuckerwerte achten.
Diabetestherapie
Dauerhaft implantierbarer Glucosesensor im Test
San Diego - Glucosesensoren, die den Zuckerspiegel im subkutanen Gewebe messen, um die Substitution von Insulin bei Patienten mit Diabetes mellitus zu optimieren, sind in verschiedenen Modellen auf dem Markt, sie können jedoch nur für höchstens eine Woche implantiert werden. In den USA wurde ein dauerhaft implantierbarer Glucosesensor entwickelt und im Tierversuch erfolgreich getestet. Eine klinische Studie soll folgen.
Ein Team um den Bioingenieur David Gough von der University of California in San Diego hat in Zusammenarbeit mit der Firma GlySens einen neuen Glucosesensor bei zwei Schweinen über die Dauer von 222 bzw. 520 Tagen getestet. Wie bei bereits marktgängigen Sensoren beruht die Funktion des getesteten Sensors auf der indirekten Messung der Aktivität des Enzyms Glucose-Oxidase anhand der elektrochemischen Messung des Sauerstoffgehalts im Gewebe. Er wurde zwei Wochen nach der Implantation, in denen er in das Gewebe eingewachsen war, kalibriert.
Die Forscher verglichen die Messwerte des Glucosesensors mit den Messwerten eines herkömmlichen Blutzuckerspiegelmessgerätes. Ein Abfall bzw. Anstieg des Blutzuckerspiegels zeigte sich mit einer Verzögerung von durchschnittlich zwölf bzw. sieben Minuten im Gewebe. Ansonsten entsprachen die im Blut und im Gewebe gemessenen Werte einander, und zwar sowohl bei normaler Stoffwechsellage als auch bei einer künstlich erzeugten diabetischen Stoffwechsellage. Während der gesamten Testperiode arbeitete der Sensor zuverlässig.
Gough und Mitarbeiter wollen in wenigen Monaten beginnen, eine klinische Studie mit dem scheibenförmigen, etwa 3 x 1,5 cm messenden, aus Titan gefertigten Sensor durchzuführen. Durch die Kopplung des Sensors an eine Insulinpumpe könnten Schwankungen des Insulinspiegels vermieden und damit die Therapie des insulinpflichtigen Diabetes optimiert werden.
DAZ-online, Dr. Wolfgang Caesar / 02.08.2010
Quelle: Gough DA, et al. Function of an implanted tissue glucose sensor for more than 1 year in animals. Sci Transl Med 2010:2(42):42ra53; DOI: 10.1126/scitranslmed.3001148.