Zertifikatskurs Diabetes
Wenn die „Zentralstelle“ unterzuckert (24-2010)
Für seine vielfältigen Funktionen ist unser Gehirn ist auf eine regelmäßige Zufuhr von Glukose angewiesen, da es selbst nur sehr geringe Mengen dieses Energielieferanten speichern kann. Bei einem Blutzuckerabfall aufgrund einer Hypoglykämie bei Diabetikern wird folglich auch die Energiezufuhr im Gehirn gedrosselt. Die „Schaltzentrale“ unseres Körpers reagiert sehr rasch auf den Lieferengpass, da neuronale Glukose-Sensoren im Hypothalamus die Konzentration des Zuckers im Gehirn dauerhaft überwachen. Zunächst wird die weitere Ausschüttung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse heruntergefahren und gleichzeitig die Insulingegenspieler Adrenalin und Glukagon auf den Plan gerufen. Der Patient beginnt zu schwitzen und zu zittern. Fällt die Blutzuckerkonzentration weiter ab, treten erste kognitive Funktionsstörungen im Gehirn auf. Das bedeutet, dass die Fähigkeit, Dinge richtig wahrzunehmen und Informationen entsprechend zu verarbeiten, abnimmt. In der Folge lassen auch Gedächtnis und Konzentration nach. Interessanterweise lässt sich bei hypotonen Diabetikern eine erhöhte Aufmerksamkeit auf Nahrungsreize feststellen. Darüber hinaus sinkt mit fallendem Blutglukosespiegel die Körpertemperatur, was sich nach Annahme der Fachleute vermutlich günstig auf die Nervenzellen auswirkt.
Veränderte Wahrnehmung
Es ist klinisch belegt, dass diabetische Patienten, die häufig unterzuckern, die Anzeichen von Hypoglykämien schlechter oder später wahrnehmen als gut eingestellte Diabetiker. So beginnt die Gegenregulation des Gehirns auf eine verminderte Glukosezufuhr erst bei deutlich tieferen Blutzuckerwerten. Das Gehirn scheint sich an niedrige Glukosespiegel gewöhnen zu können – der genaue Mechanismus dazu ist noch nicht abschließend geklärt. Man vermutet unter anderem, dass die Zahl der Glukosetransporter an der Blut-Hirnschranke hoch reguliert wird. Im Rahmen des Gewöhnungseffektes treten auch die kognitiven Funktionsstörungen erst verzögert auf. Unbeeinflusst bleiben dagegen die Aufmerksamkeit für Nahrungsreize, Hungergefühle oder die Verminderung der Körpertemperatur. Einen besonderen Zustand des Gehirns stellt der Schlaf dar. Bei Hypoglykämien ist die Gegenregulation durch das Gehirn im Schlaf deutlich reduziert oder erfolgt erst bei niedrigen Blutzuckerwerten. Wissenschaftler erklären sich diesen Effekt mit einem verringerten Glukoseverbrauch während der Ruhephasen. Das Gehirn scheint dann Unterzuckerungen besser zu tolerieren. Harmlos sind nächtliche Hypoglykämien jedoch nicht. Sie beeinträchtigen offenbar die Gedächtnisleistungen der Betroffenen und führen zu Heißhunger am nächsten Tag, was langfristig eine Gewichtszunahme zur Folge hat. Gesunde Menschen wachen in der Regel auf, wenn ihr Blutzucker Werte unter 50mg/dl erreicht. Untersuchungen nach scheint dies bei Patienten mit Typ-1-Diabetes seltener der Fall zu sein. Die Wissenschaftler erklären sich damit die Ursache nächtlicher Todesfälle dieser Patientengruppe.
Franziska Wartenberg
Kognitive Funktionen bei Typ 2 Diabetes verschlechtert
(16.09.2010) Unter kognitiven Funktionen versteht man alle bewussten und unbewussten Vorgänge, welche bei der Verarbeitung von Informationen ablaufen. Zu diesen Funktionen zählen beispielsweise die Gedächtnis- und Sprachfunktionen, die Merkfähigkeit sowie logisches und räumliches Denken.
Forscher aus den Niederlanden gingen nun der Frage nach, ob eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen mit dem Vorliegen eines Typ 2 Diabetes einhergeht. Sie untersuchten dazu die kognitiven Funktionen von 2.613 Frauen und Männern in einem Alter von 43-70 Jahren. Die Untersuchung fand zweimal innerhalb eines 5-Jahres-Intervalls statt.
Es zeigte sich bei den Teilnehmern der Studie mit einem Typ 2 Diabetes ein deutlicherer Verlust der gesamten kognitiven Fähigkeiten als bei den Teilnehmern ohne Diabetes mellitus. Zudem fanden die Wissenschaftler einen Unterschied zwischen den Teilnehmern, die bereits bei der ersten Untersuchung an einem Typ 2 Diabetes erkrankt waren und den Teilnehmern, die innerhalb des 5-Jahres-Intervalls erkrankten: Je länger die Erkrankung andauert, umso größer ist der Verlust der kognitiven Fähigkeiten. Eine Erklärung dafür könnten erhöhte Blutzuckerwerte (Hyperglykämien) sein: sie verursachen so genannten oxidativen Stress, welcher zu einer funktionellen und strukturellen Veränderung der Proteine im Gehirn führen kann. Erhöhte Nüchternblutzuckerwerte beeinträchtigen ebenso die Durchblutung mancher Hirnregionen. Eine Verbesserung der Blutzuckerkontrolle könnte demnach zu einer Verbesserung der kognitiven Leistung führen und auch die Risiken für Herzkreislauf-Erkrankungen reduzieren.
Quelle: Original-Pressmitteilung des Deutschen Diabetes-Zentrums an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vom 16.09.2010