01.03.2006
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Lyme-Borreliose, die Chamäleon-Krankheit
von Dr. Michael Schmidt, Rottenburg

Wenn im Frühjahr die Sonne wieder wärmer scheint, weckt sie auch die Zecken aus ihrer Winterruhe. Damit steigt die Gefahr der Übertragung verschiedener Infektionskrankheiten auf den Menschen, beispielsweise der Borreliose. Wie man diese Infektion erkennen und behandeln kann, erläutert der folgende Beitrag.
1975 entdeckte Wanderröte
Lyme ist eine Ortschaft im US-Staat Connecticut, wo vor 30 Jahren erstmals die "Wanderröte" (Erythema migrans), eines der möglichen Symptome einer beginnenden Borreliose, beobachtet und berichtet wurde. Die Entdeckung des Erregers der Lyme-Borreliose erfolgte 1981 durch den Bakteriologen und Zoologen Willy Burgdorfer - ihm wurde mit der Genospecies-Bezeichnung Borrelia burgdorferi ein kleines wissenschaftliches Denkmal gesetzt.
Der zur Gruppe der Spirochäten gehörende Erreger Borrelia sowie die von ihm verursachte Borreliose verdanken ihre Bezeichnung nicht dem italienischen Mathematiker und Physiker Giovanni Alfonso Borelli (1608 - 1679), sondern dem Straßburger Bakteriologen Amédée Borrel (1867 - 1936).
Von den bisher beschriebenen zehn Borrelia-Genospecies ist für Deutschland vor allem B. burgdorferi von Bedeutung. Wichtigster Überträger auf den Menschen in Mitteleuropa ist die Zecke (Gemeiner Holzbock, Ixodes ricinus). Kleine Nagetiere und Vögel stellen das wesentliche Erregerreservoir, andere Tiere wie Rehe oder Hirsche spielen eine wichtige Rolle als Wirtstiere für Zecken.
Nach Schätzungen des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) kommt es in Deutschland jährlich zu über 60.000 Neuerkrankungen an Lyme-Borreliose (Quelle: Epidemiologisches Bulletin Nr. 32/2005).
Multisystem-Erkrankung
Die Lyme-Borreliose ist eine Multisystem-Erkrankung, das heißt es können mehrere Organe gleichzeitig befallen werden. Sie kann in Stadien ablaufen und die Krankheitsbilder können denen anderer Erkrankungen ähneln - eine echte Chamäleon-Krankheit. Besonders tückisch: Jedes Krankheitsstadium kann übersprungen werden, auch eine Spontanheilung ist in jedem Stadium möglich.
Die Experten unterscheiden folgende typische Beschwerdebilder in den Stadien I bis III:
- Stadium I: Erythema migrans (oft ringförmige Hautrötung, die von der Einstichstelle weg wandert);
- Stadium II: Meningopolyneuritis, Lymphozytom (Hautgeschwür);
- Stadium III: Arthritis, chronische Entzündungen von Gehirn und Rückenmark (Encephalomyelitis) mit Lähmungen, fleckige "Papierhaut" (Akrodermatitis chronica atrophicans), Herzmuskelentzündungen (Karditis).
Wenige Tage nach dem Stich einer Borrelien-tragenden Zecke können unspezifische grippeartige Beschwerden auftreten: Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber. Im Verlauf der nächsten Wochen kann von der Zeckeneinstichstelle ein roter Fleck auswandern, während weiterhin Müdigkeit, Kopf- und Nackenschmerzen sowie Fieber bestehen.
In der medizinischen Literatur findet man interessante Fälle, die belegen, wie wenig man noch über die Zusammenhänge weiß. So ließ sich ein Haarausfall am Ober- und Hinterkopf einer Patientin als Folge einer Borrelien-Infektion bestätigen und durch Antibiotikagaben stoppen. Andere Autoren beobachteten eine deutliche Besserung der neurologischen Beschwerden von Parkinson-Patienten nach Doxycyclin-Gabe und vermuteten einen erforschenswerten Zusammenhang zwischen Borrelia und der Schüttellähmung.
Richtige Diagnose
Anfangs wurde die Lyme-Borreliose noch als Modekrankheit belächelt bzw. auf Grund von Fehldiagnosen (z.B. Sommergrippe, Rheuma, Ekzem) gar nicht erkannt. Heute stehen für die diagnostische Absicherung, unter anderem für den Nachweis von Antikörpern gegen Borrelia burgdorferi, zahlreiche moderne Methoden zur Verfügung.
Das RKI hat mit den Falldefinitionen für meldepflichtige Krankheiten folgende Angaben zum labordiagnostischen Nachweis von Borrelia burgdorferi veröffentlicht (Epid. Bull. Nr. 2/2002, S. 11):
Erythema migrans (EM): Positiver Befund mit einer oder mit beiden der nachfolgend aufgeführten Methoden:
- IgM-Antikörper-Nachweis* (z.B. ELISA, IFA) bestätigt durch Immunoblot,
- IgG-Antikörper-Nachweis* (z.B. ELISA, IFA) bestätigt durch Immunoblot.
- Spezifische Antikörper sind nur in 50 % aller Fälle von EM nachweisbar. Daher erfolgen Diagnose und Therapie unabhängig von den Laborergebnissen.
Frühe Neuroborreliose: Positiver Befund mit den nachfolgend aufgeführten Methoden:
- Lymphozytäre Pleozytose im Liquor
und mindestens einer der folgenden Befunde:
- erhöhter Liquor/Serum-Antikörper-Index zum Nachweis intrathekal gebildeter Antikörper,
- Erregerisolierung (kulturell) aus Liquor,
- Nukleinsäure-Nachweis (z.B. PCR) aus Liquor.
Spezialisten am Nationalen Referenzzentrum für Borrelien in München oder am Brandenburger "Zecken-Institut", das über jahrzehntelange Erfahrung in der Borreliose-Epidemiologie verfügt, helfen den Ärzten bei Bedarf weiter, insbesondere bei Fragen zur Sero-Diagnostik (Anschriften siehe Kasten).
Frühe Antibiotikagabe
Bei Verdacht auf eine Lyme-Borreliose muss mit einem Antibiotikum behandelt werden, wobei die Wahl des Antibiotikums, die Therapiedauer und die Applikationsweise (parenteral, oral) vom klinischen Stadium abhängig sind. Der Kasten nennt beispielhaft für die Therapie im Stadium I eine Auswahl von Antibiotika mit Applikationsart, Tagesdosis und empfohlener Behandlungsdauer.
Je früher therapiert wird, desto sicherer werden gefährliche Spätkomplikationen vermieden. Eine generelle prophylaktische Antibiotikagabe nach Zeckenstich wird nicht empfohlen.
Wie grundsätzlich bei jedem Thema der Medizin, so gibt es auch zur Therapie der Borreliose Vorschläge, die sich mangels wissenschaftlicher Belege nicht durchsetzen konnten. Hierzu gehört beispielsweise die "gepulste Antibiotikagabe", die auf der Verabreichung von Antibiotika an 2 bis 3 aufeinander folgenden Tagen pro Woche und anschließenden Therapiepausen basiert. Die Gesamtdauer dieser Behandlung liegt über 20 Wochen, die Zuverlässigkeit der Spirochäten-Abtötung ist nicht belegt. Noch exotischer ist der Ansatz des US-Landarztes Shoemaker, der 2001 eine Heilung der Borreliose binnen 36 Stunden versprach - mit Hilfe der Kombination des Lipidsenkers Colestyramin (zur Bindung von Neurotoxinen) und des Antidiabetikums Pioglitazon.
Prävention nützt
Wer sich vor einer Borreliose schützen will, muss zwischen März und Oktober den Kontakt zu Zecken meiden. Besonders gefährdet sind Menschen, die sich in Beruf oder Freizeit in der Nähe bewaldeter Gegenden mit Gewässern aufhalten, u.a. Wald- und Forstarbeiter, Schäfer, Jäger und Förster, Camper und Sportler. Auch Gartenarbeit in Gegenden mit hoher Zeckendichte kann gefährlich sein. Zecken lassen sich nicht von Bäumen oder Büschen fallen, sondern sie sitzen an der Spitze von Gräsern und anderen Pflanzen und werden vom Wirt abgestreift. Glücklicherweise ist nicht jede Zecke "scharf", also Trägerin gefährlicher Mikroorganismen.
Solange es noch keinen Impfstoff gibt, kommt dem konsequenten Einsatz bewährter Vorsichtsmaßnahmen große Bedeutung zu:
- Tragen körperbedeckender und heller Kleidung,
- Auftragen von Repellents (nach 2 Stunden wiederholen),
- Absuchen des Körpers, vor allem am Haaransatz, im Genitalbereich und in den Achselhöhlen.
Diese Maßnahmen schützen auch vor weiteren durch einheimische Zecken übertragene Infektionskrankheiten, beispielsweise Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), Ehrlichiose, Rickettsiose und Babesiose.
Hunde- und Katzenbesitzer sollten sich im Klaren darüber sein, dass Zeckenbisse auch für Haustiere gefährlich sind. Es empfiehlt sich daher das regelmäßige Absuchen der Tiere nach Spaziergängen im Grünen - auch um einen Übergang der Zecken vom Tier auf den Menschen zu verhindern.
Anschrift des Verfassers:
Dr. Michael Schmidt, Pfeiferstr. 15, 72108 Rottenburg