01.11.2006
topthema
PTAheute 11-2006
Blähungen im Griff
von Dr. Michael Schmidt, Rottenburg

Das Phänomen ist ebenso weit verbreitet wie tabuisiert. Über Flatus, Furz, Pups & Co. redet niemand gern. In der Apotheke gibt es eine Reihe von Mitteln, die den blähenden Gasansammlungen im Darm zuverlässig ihren Schrecken nehmen - und gar nicht so wenig Medikamente, die als Nebenwirkung Winde verursachen.
Ab 200 ml steigt der Druck
Dass sich im Magen-Darm-Trakt Gase bilden, ist ganz normal. Vor allem beim Übertritt des von Magensäure durchsetzten Speisebreis in den durch das Hydrogencarbonat der Bauchspeicheldrüse alkalisierten Dünndarm entsteht eine Menge Kohlendioxid. Weitere Gase werden von den Darmbakterien produziert - wer Wasser, Zucker und Hefe mischt, kann die Entstehung beträchtlicher Gasmengen beobachten. In der Regel ist der Körper in der Lage, die anfallenden Gasmengen nach einer Passage über das Blut und die Lunge auszuatmen. Bei einer übermäßigen Gasproduktion genügen diese Mechanismen nicht; der Betroffene klagt zunächst über drückende "Luft im Bauch", später über abgehende Winde.Physiologisch findet sich ein Gasgemisch von rund 50 ml im Magen. Der Dünndarm enthält nur wenig Gas, der Dickdarm etwa 100 ml. Übersteigt das Gasvolumen im Magen-Darm-Trakt 200 ml, spricht der Arzt von Meteorismus. Der medizinische Begriff Flatulenz bezeichnet vornehm den vermehrten Abgang von Darmgasen durch den After.Auf Blähungen spezialisierte Forscher konnten berichten, dass die Menge täglich peranal abgehender Darmgase interindividuell stark schwankt. Der willkürliche oder unwillkürliche peranale Abgang der täglich 500 bis 1200 ml Gas, so die Messwerte der Flatologen, erfolge beim Gesunden in etwa 12 Einzelportionen, davon die erste am Morgen beim Aufstehen.
Viele mögliche Ursachen
An verstärkter Gasbildung können blähende Nahrungsmittel (siehe Tabelle 1) schuld sein, aber auch zu reichliche Mahlzeiten.
Manchmal treten Blähungen vor dem Hintergrund einer Verdauungsschwäche (Enzymmangel), einer Nahrungsmittel-unverträglichkeit (z.B. Milchzucker/ Laktose, Gluten, Fruchtzucker/ Fructose), einer gestressten Lebensweise mit zu wenig Bewegung und hektischen Mahlzeiten, einer Darmverstopfung (Obstipation), eines Reizmagens oder Reizdarms auf. Und manchmal begleiten Blähungen akute oder chronische Allgemeinerkrankungen und sind erste Anzeichen auf schwerwiegende Organschäden. Bei ausgeprägten und anhaltenden Blähungsbeschwerden sollte deshalb stets eine diagnostische Abklärung durch einen Arzt erfolgen. Beispiel: Das Roemheld-Syndrom ist ein Symptomenkomplex, bei dem ein Oberbauchmeteorismus zu Herz-Kreislauf-Beschwerden führen kann.
Auch im Bereich der Veterinärmedizin kennt man Gesundheitsprobleme, die Folge einer abnormen Gasansammlung im Magen-Darm-Kanal von Haustieren sind, besonders im Pansen der Wiederkäuer. Ursache für das auch als Aufblähen, Trommelsucht oder Tympanie bezeichnete Phänomen sind meist Fütterungsfehler, Magen-Darm-Erkrankungen oder Parasiten (Würmer). In Notfällen greift der Tierarzt zum "Entlüften" einer kritisch geblähten Kuh zum Trokar, einer Art Stilett mit Ventilkanüle.
Blähende Arznei
Wer täglich mit Medikamenten zu tun hat, sollte wissen, dass bei vielen Arzneistoffen als Nebenwirkung Völlegefühl, Blähungen, Flatulenzen und Meteorismus auftreten können. Tabelle 2 enthält eine Auswahl der in der aktuellen Roten Liste aufgeführten Arzneimittel mit bekanntem Blähungsrisiko.
Nicht-medikamentöse Helfer
Wer es schafft, den täglichen Stress zu reduzieren und genügend Zeit für ruhige Mahlzeiten einplant, hat eine gute Grundlage für die Vermeidung von Blähungen.
Gegen Völlegefühl und Blähungen helfen Bewegung (Empfehlung: ein kleiner Spaziergang nach dem Essen), ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Bauchmassage und Bauchumschläge (z.B. Wärmflasche, Wickel, Dinkel- oder Kirschkernkissen).
Beruhen die auch als Drei-Monats-Koliken bezeichneten Blähungen beim Säugling auf einer noch nicht ausgereiften Milchzucker-Verwertung, empfiehlt sich eine Babynahrung mit leicht verdaulichen Maltodextrinen und verringertem Laktosegehalt (z.B. Novalac® BK).
Zu den alten Hausmitteln, mit denen sich bei geblähten Säuglingen die sanfte Bauchmassage rund um den Nabel herum unterstützen lässt, gehört die Majoranbutter. Eine alte Herstellungsvorschrift für Majoransalbe findet sich im Ergänzungsbuch zum DAB 6 (Erg.-B. 6).
Ein weiteres Hausmittel bei Blähungen im Säuglingsalter ist ein "Windsaft" nach M. Pahlow auf der Grundlage von Honig:
- Ätherisches Anisöl 80 mg
- Ätherisches Fenchelöl 160 mg
- Gereinigter Honig 1000 g
Hiervon genügt ein Teelöffel pro Flaschenmahlzeit; gestillten Säuglingen gibt man einen halben Teelöffel voll in den Mund.
Abgeraten wird heute von der früher oft praktizierten Methode, den Schnuller immer wieder in Fenchelhonig zu tauchen. Dies führt oft zu Durchfällen.
Karminativa
Als Karminativa (= Carminativa) bezeichnet man in der Pharmazie die blähungstreibend (= karminativ) wirkenden Mittel aus pflanzlichen Drogen. Sie wirken im Magen-Darm-Trakt gärungswidrig, verdauungsfördernd und krampflösend (spasmolytisch).
Zu den Klassikern in der Küche und der Apotheke zählen:
- Kümmelfrüchte (Carvi fructus),
- Anisfrüchte (Anisi fructus),
- Korianderfrüchte (Coriandri fructus),
- Fenchelfrüchte (Foeniculi fructus).
Für die Apotheke bietet es sich an, die vorhandenen Standardzulassungen zu nutzen. Diese erlauben das Abfüllen der Drogen im Voraus, also die Herstellung eines Fertigarzneimittels. Die Monografien zu den Standardzulassungen machen exakte Angaben zur Kennzeichnung - beispielsweise zu Indikation, Neben- und Wechselwirkungen, Gegenanzeigen sowie korrekter Zubereitung.
Sinnvoll ergänzen lassen sich die genannten Karminativa durch
- Kamillenblüten (Matricariae flos),
- Kalmuswurzelstock (Calami rhizoma),
- Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium),
- Angelikawurzel (Angelicae radix),
- Wermutkraut (Absinthii herba),
- Schafgarbenkraut (Millefolii herba),
- Ingwer (Zingiberis rhizoma).
Nutzen lassen sich die Herstellungsvorschriften für verschiedene standardzugelassene Magen- und Darmtee-Mischungen, außerdem gibt es zahlreiche Empfehlungen für Individualrezepturen.
So enthält das in jeder Apotheke als Pflichtausstattung vorhandene Neue Rezeptur-Formularium (NRF) zwei gegen Blähungen einsetzbare pflanzliche Zubereitungen:
- Blähungstreibender Tee (Species deflatulentes) NRF 6.4,
- Bittere Tinktur (Tinctura amara) NRF 6.3.
Der Blick in die Rote Liste führt in der Indikationsgruppe 60 (Magen-Darm-Mittel) rasch zur Untergruppe "Pflanzliche Karminativa/ Antiflatulentia", die sich wie folgt weiter untergliedert:
- 6.A.1 Einzelstoffe (z.B. Pfefferminzöl-Kapseln),
- 6.A.2 Kombinationen
- 6.A.2.1 Kombinationen mit Kümmel
- 6.A.2.1.1 Kombinationen mit Kümmel und Pfefferminze
- 6.A.2.1.2 Kombinationen mit Kümmel, Fenchel und Pfefferminze
- 6.A.2.1.3 Andere Kombinationen mit Kümmel6.A.2.2 Andere Kombinationen
Beispiele für aktuelle Handelsnamen und Darreichungsformen nennt Tabelle 3.
Entschäumer
Vor allem bei gestörter Darmbewegung (Peristaltik) und übermäßiger Gasproduktion bilden sich im Darm zähe Schäume, in denen die Darmgase bläschenförmig fest eingeschlossen sind. Hier helfen die auch als Notfallarznei in der Behandlung von Tensid-Intoxikationen bewährten Entschäumer auf Silicium-Basis wie Dimeticon (chemisch: Dimethylpolysiloxan) oder Simeticon (= Dimeticon-Siliciumdioxid). Der Wirkmechanismus dieser Substanzen ist rein physikalisch und beruht nicht auf Resorption, sondern auf der gezielten Senkung der Oberflächenspannung der Gasbläschen. Die Schäume zerfallen rasch, die freigesetzten Gase können vom Darm abtransportiert werden.
Die Standardzulassungen enthalten Monographien für Dimeticon-Kapseln zu 80 mg und 100 mg. Die NRF-Vorschrift 6.13 beschreibt die Herstellung von Dimeticon-Kapseln zu 40 mg oder 80 mg. Da die NRF-Kapseln neben Dimeticon auch hochdisperses Siliciumdioxid enthalten, könnte man den Wirkstoff auch als Simeticon bezeichnen.
Entschäumer sind in verschiedenen Darreichungsformen für alle Altersstufen im Handel, beispielsweise als Kautabletten (z.B. Ceolat®, Elugan® N, Lefax®), als Weichkapseln (Espumisan® Perlen, Imogas®), als Tropfen (Elugan®) oder Suspension (sab simplex®, Lefax® Pump-Liquid). Ein Teil dieser Präparate wird aufgrund der physikalischen Wirkung nicht als Arzneimittel, sondern nach den Regeln des Medizinprodukterechts in den Verkehr gebracht.
Verdauungsenzyme
Manche blähungstreibende Mittel enthalten Verdauungshilfen wie Pankreatin, eine Mischung aus den Verdauungsenzymen Lipasen (= Fettspalter), Amylasen (= Kohlenhydratspalter) und Proteasen (= Eiweißspalter). Kritiker wenden ein, dass Enzympräparate nur bei nachgewiesenem Mangel an Pankreasenzymen wirklich sinnvoll sind und dann höhere Dosen eingesetzt werden müssen.
Das zugelassene Fertigarzneimittel Enzym Lefax® Kautabletten kombiniert standardisiertes Pankreaspulver vom Schwein mit dem Entschäumer Simeticon. Studien zeigten: Die Verträglichkeit ist gut, der Nutzen für den Anwender offenbar auch.
Entblähende Potenzen
Die homöopathische Medizin setzt zur Behandlung von Blähungen beispielsweise Potenzen von Asa foetida (Stinkasant), Carbo vegetabilis (Holzkohle), Lycopodium (Bärlapp) oder Mandragora ein.
Die aktuelle Rote Liste enthält ein homöopathisches Komplexmittel (Löwe-Komplex Nr. 6 Tropfen) mit 11 Komponenten für die Indikation "Blähsucht, Gärungs- und Fäulnisdyspepsie".
Ebenfalls in der Roten Liste findet sich das auf der Hauptkomponente eines Kümmelfrüchteextraktes basierende Kombinationspräparat Carum carvi Kinderzäpfchen/ Zäpfchen der anthroposophischen Firma Wala.
Anschrift des Verfassers:
Dr. Michael Schmidt, Fachapotheker für öffentliches Gesundheitswesen und Fachjournalist, Pfeiferstr. 15, 72108 Rottenburg