15.09.2008

Topthema

PTAheute 19-2008

Vorbildlich Messen - Worauf es beim Blutzuckermessen in der Apotheke ankommt

Thema des Monats Oktober

von Christiane Weber, Reutlingen

 

Die Blutzuckermessung am Kunden gehört in der Apotheke inzwischen zum Standard-Service. Ist ja auch kein Hexenwerk - vorausgesetzt, man ist mit dem jeweiligen Messgerät vertraut und kann die kritischen Fehlerquellen meistern. Seien Sie dem Kunden dabei ein Messvorbild! Verstecken Sie keinesfalls Ihr Wissen, sondern erläutern Sie beim Messvorgang laienverständlich jeden Arbeitsschritt. Außerdem sollte der Kunde von Ihnen erfahren, was das ermittelte Messergebnis konkret bedeutet.



Gegenüber der Beratung am HV-Tisch haben Sie beim Blutzuckermessen den Vorteil: Sie können sich mit dem Kunden in die Beratungsecke zurückziehen und dort alles in Ruhe unter vier Augen besprechen. Das sollte nicht nur an Blutzuckermess-Aktionstagen, sondern während des ganzen Jahres selbstverständlich sein. Schließlich kann diesen Service - im Gegensatz zu DocMorris & Co. - nur die Apotheke vor Ort bieten!

Von vorneherein sollte jedoch klar sein: Blutzuckerkontrollen in der Apotheke können und sollen den Arztbesuch nicht ersetzen. Vielmehr geht es darum, für Kunden eine jederzeit verfügbare erste Anlaufstelle mit niedriger Hemmschwelle zu sein. Bei auffälligen Werten sollten Sie die Betroffenen dann an einen Arzt verweisen.

Die richtige Vorbereitung

Ist Ihr Platz zur Blutzuckermessung in der Apotheke jederzeit nutzbar? Nichts ist lästiger, als vor den Augen des wartenden Kunden erst sein Handwerkszeug zusammensuchen zu müssen. Ein regelmäßiger Check auf einsatzfähige Teststreifen, funktionsfähiges Messgerät, genügend Lanzetten, Pflaster, Einmalhandschuhe, Einweghandtücher, Diabetiker-Tagebuch etc. lohnt sich. Aus hygienischen Gründen bzw. zu Ihrer eigenen Sicherheit macht das Tragen von Einmalhandschuhen bei der Blutzuckermessung Sinn. Außerdem unterstreicht das Ihre professionelle Arbeitsweise.

Loben Sie Ihren Kunden zuallererst für seine Eigeninitiative: „Prima, dass Sie sich um Ihre Gesundheit kümmern und Ihren Blutzuckerwert kontrollieren lassen - das mache ich gerne für Sie!” Auf dem Weg zur Beratungsecke erkundigen Sie sich gleich, ob es einen bestimmten Grund für die gewünschte Blutzuckermessung gibt. Fühlt sich Ihr Kunde unwohl oder schwindelig? Oder handelt es sich um eine reine Routinemessung? Außerdem sollten Sie im Hinblick auf die Auswertung des Messergebnisses wissen, ob Sie einen Diabetiker vor sich haben. Welche Medikamente setzt er ein? Wann, was und in welchem Umfang hat er zuletzt gegessen oder getrunken?

 

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Mit Teststreifen sorgfältig umgehen

Bedenken Sie: Beim Blutzuckermessen am Kunden sind Sie für ihn ein fachlich kompetentes Vorbild im weißen Kittel! So wie Sie die Messung durchführen, wird er es vielleicht schon bald als Selbstmesser zu Hause nachahmen. Gehen Sie also besonders korrekt und sorgfältig vor. Das fängt schon mit den Teststreifen an: Überprüfen Sie demonstrativ, ob die Chargennummer mit dem im Gerät eingestellten Code übereinstimmt - eine in der Praxis gängige Fehlerquelle. Aus diesem Grund haben einige Geräteanbieter ihre neuesten Modelle auf automatische Codierung umgestellt.

Während Sie die Teststreifendose nach der Entnahme wieder schließen, bringen Sie einen wichtigen Hinweis an: „Die Teststreifen enthalten eine hochmoderne Technologie. Sie müssen daher immer im gut verschlossenen Originalgefäß aufbewahrt werden. Darin sind sie vor Licht, Luft und Feuchtigkeit am besten geschützt”.

Was auch in der Apotheke oft vernachlässigt wird: regelmäßige Gerätefunktionskontrollen mit den gerätespezifischen Kontrolllösungen. Ein guter Zeitpunkt ist der Anbruch einer neuen Teststreifen-Charge oder wenn das Gerät längere Zeit nicht benutzt wurde oder wenn Ihnen die Messergebnisse seltsam vorkommen. Ist die gewünschte Messeinheit (in Westdeutschland meist mg/dl, in Ostdeutschland mmol/l) im Gerät eingestellt? Dann kann es jetzt an die Bluttropfengewinnung gehen.

Den Piks vorbereiten

Banal aber wichtig: Die Haut am Finger, der gepikst werden soll, muss sauber und trocken sein. Schon winzige Rückstände von Obst, Süßigkeiten, Limonade, Cremes, Schweiß etc. können den Blutzuckerwert erheblich verfälschen. Wer seinen Kunden nicht zum Waschbecken schicken will, kann alternativ am Messplatz auch eine Schale oder Spritzflasche mit Wasser sowie Küchentücher zum Abtrocknen bereit stellen. Erfrischungstücher oder Alkoholtupfer sind weniger geeignet, da eventuelle Rückstände bzw. nicht vollständig verdunsteter Alkohol die Messung stören können.

Während Sie eine frische Lanzette in die Stechhilfe einlegen und die Stechtiefe entsprechend der Hautdicke des Kunden einstellen, bietet sich an zu erklären: „Selbstverständlich verwenden wir schon allein aus hygienischen Gründen jedes Mal eine neue Lanzette. Und auch weil die fein geschliffenen Metallspitzen nach dem ersten Mal schon abgestumpft sind und dann unnötige Schmerzen verursachen würden”.

Vor allem Messneulinge sollten Sie beruhigen: “Es ist nur ein winziger Bluttropfen für die Messung notwendig. Dazu pikse ich Sie jetzt ganz kurz mit dieser Stechhilfe - davon werden Sie kaum etwas spüren”.

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Ein Tröpfchen geht immer

Moderne Blutzuckermessgeräte kommen mit einem Blutvolumen von unter 1 µl aus. So einen Stecknadelkopf-kleinen Blutstropfen kann man jedem - auch scheinbar blutleeren Kunden - entlocken. Entscheidend ist dabei die richtige Technik: Die Stechhilfe nicht mittig, sondern seitlich auf die Fingerbeere aufsetzen. Dort ist nicht nur die Durchblutung besser, sondern auch die Schmerzempfindlichkeit geringer. Da die Hornhaut an Daumen und Zeigefinger meist dicker ist, nutzt man bei Rechtshändern vorzugsweise Mittel-, Ring- oder kleinen Finger der linken Hand. Wer mit kalten Händen zu Ihnen kommt, sollte vor der Messung die Hände kurz massieren oder unter warmes Wasser halten.

Selbst wenn Sie alles richtig gemacht haben, kann der benötigte Bluttropfen auf sich warten lassen. Greifen Sie sofort ein, wenn der Kunde seinen Finger selbst “melken” möchte: „Dabei würde Gewebewasser in den Bluttropfen gequetscht und das Messergebnis verfälscht. Lassen Sie den Arm lieber einfach kurz nach unten hängen.” Auch vorsichtiges Schütteln oder sanftes Ausstreichen der Handflächen in Richtung Finger beschleunigt den Blutaustritt. Für solche Fälle ist ein Blutzuckermesssystem mit Nachtropffunktion von Vorteil. Dabei kann innerhalb eines begrenzten Zeitraums (bis zu 1 Min.) weiteres Blut auf denselben Streifen aufgebracht werden. Das rettet Ihnen die Messung und senkt den Teststreifenverbrauch.

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Blutzucker-Richtwerte

  normal: verdächtig: Diabetes:
nüchtern: < 100 mg/dl 100-110 mg/dl >110 mg/dl
2 Stunden
nach dem Essen
< 140 mg/dl 140-200 mg/dl >200 mg/dl

(Richtwerte für die Blutzuckermessung mit Kapillarblut aus der Fingerbeere gemäß Diabetes-Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG))

Nach dem Messen

Ist der Bluttropfen erschienen, lassen Sie ihn vom Teststreifen einsaugen. Während nun der Mess-Countdown läuft, bieten Sie Ihrem Kunden einen Tupfer oder ein Pflästerchen für seinen gepiksten Finger an. Nach wenigen Sekunden ist zwar der Messvorgang beendet, Ihre Beratungstätigkeit jedoch noch längst nicht. Denn das Messergebnis muss dem Kunden noch erklärt werden. Hängen Sie sich hierzu als “Spickzettel” eine Kopie der Blutzucker-Richtwerte-Tabelle in der Beratungsecke auf.

Am häufigsten interessiert natürlich die Frage, ob ein Verdacht auf Diabetes vorliegt. Hierzu gilt die Faustregel: „Dreistellige Nüchternwerte, also alles über 100 mg/dl, sind verdächtig”, d.h. eine ärztliche Abklärung ist notwendig. Nüchternwerte über 110 mg/dl oder jenseits von 140 mg/dl nach einer Mahlzeit sprechen für einen manifesten, behandlungsbedürftigen Diabetes. Aber auch andere Erkrankungen (z.B. Schilddrüsenüberfunktion) oder manche Medikamente (z.B. hoch dosiertes Cortison) können eine Hyperglykämie verursachen.

An zu geringen Blutzuckerkonzentrationen ist in vielen Fällen schlicht eine zu geringe Kalorienzufuhr schuld. Doch auch Betablocker, Diuretika oder überdosierte Antidiabetika können eine Hypoglykämie verursachen. Hormon- oder Leberfunktionsstörungen sowie Alkoholexzesse lassen den Blutzucker ebenfalls in den Keller fahren. Im Gegensatz zur Hyperglykämie, die zunächst keine spürbaren Beschwerden verursacht, fühlen sich unterzuckerte Patienten meist elend, zittrig, übernervös und wackelig auf den Beinen.

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Damit nicht alles umsonst war

Nachdem Ihr Kunde hautnah erlebt hat, wie einfach und problemlos die Blutzuckermessung funktioniert, können Sie ihn vielleicht zum Kauf eines eigenen Geräts motivieren. Insbesondere für Typ-2-Diabetiker dient dabei als Argumentationshilfe: Untersuchungen haben gezeigt, dass auch nicht-insulinpflichtige Diabetiker von der Blutzuckerselbstkontrolle nachweislich profitieren. Denn sie können souveräner mit ihrer Erkrankung umgehen, erzielen im Schnitt bessere Blutzuckerwerte und sind seltener von diabetischen Folgeschäden betroffen.

Verabschieden Sie Ihren Kunden nie, ohne ihm das Messergebnis mit Datum, Uhrzeit und zeitlichem Essabstand in schriftlicher Form mitzugeben - am besten in einem Blutzuckerpass. Das ist vor allem im Hinblick auf einen Arztbesuch wichtig. Last but not least: Denken Sie auch daran, die Schutzgebühr für Ihre Dienstleistung zu verlangen!

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Quellen

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Anschrift der Verfasserin

Christiane Weber, Apothekerin und Fachjournalistin, Peter-Rosegger-Str.194, 72762 Reutlingen

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