27.10.2008
Topthema
PTAheute 21-2008
Zigarettenrauchen - Tödliche Verführung
Thema des Monats November

Bettina Hellwig, Stuttgart
Glutrot versinkt die Sonne hinter dem Horizont, und glutrot flammt knisternd die Zigarettenspitze auf. Lässig stützt sich der Marlboro-Man Wayne McLaren auf sein Sattelhorn, starrt gedankenverloren in die unendliche Weite der Prärie und genießt rauchend den verdienten Feierabend. Bei diesem Genuss unterstützt ihn das Nicotin aus seiner Zigarette.
Der Rauch befördert das Nervengift über die Lunge direkt ins Gehirn. Dort bindet Nicotin an körpereigene Rezeptoren, stimuliert das Nervensystem und führt dazu, dass Raucher angenehme Erfahrungen intensiver erleben.
Angenehme Dinge erscheinen intensiver
So lieben viele Raucher die Zigarette zum Kaffee, weil der dann durch die Nicotinwirkung besser schmeckt, und auch die Zigarette „danach“ dürfte ähnlich wirken. Wahrscheinlich rauchen viele Menschen vor allem deshalb, weil sie dadurch ihr Erleben und ihre Gefühle beeinflussen können. Das könnte erklären, warum es so schwer ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Wenn jemand daran gewöhnt ist, dass angenehme Dinge sich durch Rauchen besser anfühlen, fehlt ihm ohne das Nicotin etwas Wesentliches. Und das macht süchtig nach mehr.
Vielleicht trägt Nicotin auch dazu bei, unangenehme Erfahrungen erträglicher zu machen, zum Beispiel im Krieg. Rauchwaren, sagte Ernesto Che Guevara, seien fundamental im Leben des Guerillero: „Der Rauch, den er in den Augenblicken der Ruhe ausstoßen kann, ist der große Gefährte des einsamen Soldaten."
Nicotin stimuliert das Nervensystem
Aus pharmazeutischer Sicht ist die Zigarette eine besonders raffinierte Darreichungsform für das Nervengift. Nicotin wird über die riesige Oberfläche in den Lungenbläschen rasch resorbiert und gelangt ohne Umwege über den Blutkreislauf ins Gehirn, wo es zahlreiche angenehme Wirkungen auslöst. Bei einer gesunden Lunge ist die Resorptionsfläche etwa so groß wie ein halbes Fußballfeld.
Im vegetativen Nervensystem bindet Nicotin an nicotinerge Acetylcholinrezeptoren und fördert die Ausschüttung des Hormons Adrenalin sowie der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin. Als Folge beschleunigt sich der Herzschlag, und der Blutdruck erhöht sich. Dadurch entsteht der Eindruck, nach einer Zigarette wacher und leistungsfähiger zu sein.
Diese Steigerung ist allerdings nur von kurzer Dauer, denn bei Dauergebrauch erhöht der Körper die Anzahl seiner Rezeptoren, und die zur Stimulation notwendige Nicotinmenge erhöht sich.
Nicotin macht genauso süchtig wie Heroin
Die Kehrseite der angenehmen Wirkungen von Nicotin: Der Genuss von Zigaretten führt über den Botenstoff Dopamin im Belohnungszentrum des Gehirns zu ähnlichen Reaktionen wie der Konsum von Heroin.
Von Natur aus wird dieses Belohnungszentrum nur aktiv, wenn wir etwas Tolles geleistet haben und darüber in hohem Maße zufrieden sind. Dopamin wird unter anderem ausgeschüttet, wenn wir Vergnügen an lebensnotwendigen Dingen wie Essen oder Sex haben oder uns irgendeine Art von Glück widerfährt. Nicotin gaukelt dem Gehirn vor, dass genau das der Fall ist, und der Raucher wird mit dem Wohlfühl-Botenstoff Dopamin belohnt. Er zündet sich eine an - und hat alles, was das Herz begehrt, Stress, Langeweile oder Frust sind kein Problem.
Vielen Rauchern und Raucherinnen ist ihre Abhängigkeit bewusst. Die meisten von ihnen versuchen immer wieder, von der Droge loszukommen, so wie der Schriftsteller Mark Twain, der Schöpfer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. „Mit dem Rauchen aufzuhören ist ganz einfach“, soll er gesagt haben, „ich selbst habe es schon hundert Mal geschafft“.
Erlernte Sucht bleibt fürs Leben
Beim Entzug ist die körperliche Abhängigkeit nach etwa drei Wochen Abstinenz überwunden. Dann haben sich die Rezeptoren wieder auf Normalniveau eingestellt. Während dieser Zeit kann es zu Unruhe und Gereiztheit bis hin zu Aggressivität sowie zu Depressionen kommen. Die körperlichen Entzugserscheinungen können Nicotinersatzpräparate lindern.
Eine wesentlich größere Rolle spielt bei der Sucht jedoch das erlernte Verhalten. Dieser Lernprozess kann nur durch starke Selbstmotivation oder professionelle Verhaltenstherapien rückgängig gemacht werden.
Zusatzstoffe erhöhen das Suchtpotenzial
Um die Aufnahme des Nicotins und dessen Wirkung im Körper zu beschleunigen und damit das Suchtpotenzial zu erhöhen, werden dem Tabak unterschiedliche Stoffe zugesetzt. Der wichtigste Beschleuniger ist Ammoniak, das als Base die Resorption des Alkaloids Nicotin verbessert.
Andere Substanzen sollen den Geschmack verbessern und den Tabakrauch selbst für Kinder erträglich machen. Dazu gehören Zucker und Glykol, die zusammen mit dem Ammoniak karamellisieren und dadurch einen weichen Geschmack erzeugen, ebenso Honig, Lakritze, Kaffee, Tee und Kakao, die den Rauch milder machen sollen. Menthol und Gewürznelken vermindern das Reiz- und Schmerzempfinden der Lunge, sodass der Rauch tiefer und beschwerdefreier inhaliert werden kann. Dadurch soll die Akzeptanz bei Kindern und Jugendlichen erhöht werden.
Andere Beimischungen dienen zum Feuchthalten, zum Konservieren, für bessere Verbrennung und zum Binden der Bestandteile.
Giftig für Insekten...
Nicotin ist ein Naturstoff. Das Alkaloid kommt vorwiegend in den Blättern der Tabakpflanze, Nicotiana tabacum, aus der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae), vor und dient dort zur Abwehr von Schadinsekten. Für diesen Zweck, nämlich als Pestizid gegen Blattläuse, wurde reines Nicotin früher auch im Pflanzenschutz eingesetzt. Die Reinsubstanz ist eine wasserlösliche, farblose, ölige Flüssigkeit, die sich an der Luft rasch braun färbt.
Wegen seiner hohen Toxizität für den Menschen ist die Anwendung von Nicotin für den Pflanzenschutz jedoch seit den Siebziger Jahren verboten. Als Ersatz werden heute synthetisch hergestellte Insektizide wie E605 verwendet.
... und Menschen
Der Konsum kleiner Mengen Nicotin ist nicht unmittelbar schädlich, weil sich das Gift schnell im Körper verteilt und mit einer Halbwertszeit von zwei Stunden zu Cotinin und anderen Metaboliten abgebaut und ausgeschieden wird.
Eine Zigarette enthält etwa 12 mg Nicotin. In den Rauch gelangt jedoch nur ein kleiner Teil davon, weil das Nicotin beim Rauchen größtenteils einfach verbrennt, bevor es eingeatmet wird. Mit dem Rauch einer Zigarette werden zwischen 0,5 und 2 mg Nicotin aufgenommen. Filterzigaretten sind genauso schädlich wie filterlose, und auch vermeintlich „leichte“ Zigaretten sind nicht gesünder, weil hier die Raucher mehr rauchen und tiefer inhalieren.
Nicotinkaugummis für die Raucherentwöhnung enthalten 2 bis 4 mg Nicotin, Pflaster zwischen 8,3 bis 52,5 mg, das über 16 oder 24 Stunden abgegeben wird.
Nicotin kann töten
Die tödliche Dosis Nicotin für einen erwachsenen Menschen liegt bei oraler Aufnahme zwischen 40 und 60 mg, das entspricht etwa vier Zigaretten. Damit ist Nicotin giftiger als Arsen oder Zyankali, und für ein Kleinkind kann das Gift einer einzigen Zigarette tödlich sein. Jährlich müssen in Deutschland fast 15.000 Kleinkinder wegen einer Nicotinvergiftung behandelt werden, das sind rund 40 pro Tag. Wenn ein Kind mehr als eine halbe Zigarette gegessen hat, sollte die nächste Giftnotrufzentrale oder der Notarzt angerufen werden.
Symptome einer Nicotinvergiftung sind Kopfschmerzen, Brennen im Mund, Übelkeit, Diarrhö, Schwächegefühl in den Beinen, Herzrasen, blasse Haut, Krämpfe, kalter Schweiß und Sehstörungen. Der Tod tritt durch Atemlähmung ein.
Aus Ungarn sind zwei Fälle bekannt, bei denen eine 28 und eine 48 Jahre alte Frau ihre Ehemänner mit als Pflanzenschutzmittel verwendeter Nicotinlösung umbrachten, im dritten Fall ermordete ein junger Mann seine Geliebte mit in Schnaps gemischtem Nicotin. Auch Agatha Christie verwendet in ihrem Roman „Nicotin“ das Alkaloid als Mordgift.
Durchblutungsstörungen als Spätfolgen
Außer den angenehmen stimulierenden Wirkungen hat Nicotin zahlreiche weitere Effekte. So verringert es zwar den Appetit, und fördert die Darmtätigkeit, was häufig erwünscht ist, steigert auf der anderen Seite aber auch die Magensaftproduktion und führt dadurch zu Magenbeschwerden.
Außerdem verengt Nicotin die Blutgefäße in Armen und Beinen. Spürbar ist dies an der sinkenden Hauttemperatur nach einer Zigarette. Bei dauerhafter Anwendung kann Nicotin zu ernsthaften Durchblutungsstörungen und Arteriosklerose führen.
Eine Folge des Rauchens ist das so genannte Raucherbein, auch periphere arterielle Verschlusskrankheit genannt. Dabei wird das Gewebe so schlecht durchblutet, dass es abstirbt. Häufig muss das kranke Bein amputiert werden. In Deutschland werden jedes Jahr etwa 30.000 bis 35.000 Amputationen wegen dieser Durchblutungsstörungen erforderlich. Raucher entwickeln dreimal häufiger eine arterielle Verschlusskrankheit als Nichtraucher.
Eine Spätfolge der verminderten Durchblutung sind Potenzstörungen bei Männern. Auch an der Haut macht sich die schlechte Durchblutung bemerkbar: Raucherinnen und Raucher haben häufig eine fahle Haut, die frühzeitig Falten bildet, und Wunden heilen bei ihnen deutlich langsamer als bei Nichtrauchern.
Eine weitere Folge der schlechten Durchblutung: Im Alter steigt die Gefahr für eine Makuladegeneration und damit Blindheit.
Karzinogene im Tabakrauch
Für viele Effekte des Tabakkonsums ist nicht alleine das Nicotin verantwortlich. Der Zigarettenrauch, dem auch Passivraucher zwangsweise ausgesetzt sind, enthält noch zahlreiche weitere toxische Substanzen. Dazu gehören Kohlenmonoxid, Benzol und Formaldehyd sowie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, aromatische Amine und N-Nitrosamine, die als starke Karzinogene wirken. Eine weitere Gefahr geht von der Feinstaubbelastung aus. Diese Partikel gelangen bis in die Lungen und lagern sich mitsamt den Schadstoffen dort ab. Tumoren der Atemwege, wie Lungenkrebs, Kehlkopf-, Mund- und Luftröhrenkrebs, sind eine sichtbare Folge der Belastung durch Zigarettenrauch.
Die Giftstoffe lassen sich nicht einmal durch gründliches Lüften unschädlich machen. Noch nach Stunden gelangen sie aus Teppichen, Gardinen und Tapeten in die Raumluft, und ungefährliche Mengen gibt es nicht.
Auf keinen Fall in der Schwangerschaft
In der Schwangerschaft erhöht Rauchen das Risiko von Früh- und Totgeburten. Außerdem führt es zu vermehrten Missbildungen, und das Geburtsgewicht das Babys ist um durchschnittlich 200 g erniedrigt.
Auch in Gegenwart von Kindern sollte Rauchen tabu sein: Sie erkranken vermehrt an den Atemwegen, wenn die Eltern in der Wohnung oder im Auto rauchen.
Der Marlboro-Man starb an Lungenkrebs
Wie gefährlich Rauchen ist, musste der Marlboro-Man am eigenen Leib erfahren: Wayne McLaren war Stuntman und Rodeo-Reiter, bevor er von Philip Morris 1976 zur Werbefigur für Marlboro gemacht wurde. McLaren, der jahrelang für die bekannte Zigarettenmarke als Inbegriff von Freiheit und romantischen Abenteuern warb und eineinhalb Schachteln pro Tag rauchte, starb 1992 im Alter von 49 Jahren an Lungenkrebs.
Natürlich gibt es auch besonders glückliche Naturen, wie den heute 104-jährigen Schauspieler und Raucher Johannes Heesters, die aber eher die Ausnahme sind. Wahrscheinlich verfügt ihr Organismus über sehr wirkungsvolle Schutzmechanismen. Viel häufiger dürfte es Rauchern ergehen wie dem im Januar 2000 mit 53 Jahren an Lungenkrebs verstorbenen Schauspieler Diether Krebs. Er hatte bis zu 80 Zigaretten am Tag geraucht.
Aber selbst Johannes Heesters hat mit 103 Jahren die Zigaretten in die Ecke geworfen und mit dem Rauchen aufgehört, nachdem er fast 90 Jahre lang gequalmt hatte, zuletzt zwischen fünf und sechs Zigaretten am Tag. „Nach einer kleinen Erkältung vor einem Monat, während der ich ohnehin nicht rauchte, dachte ich mir: 'Ach, bleib doch dabei'", sagte er im März 2007 dem Nachrichtenmagazin Focus.
Wenn die Luft knapp wird
Nicht alle Raucher bekommen Lungenkrebs, aber sehr viele entwickeln eine Raucherlunge, eine so genannte chronisch obstruktive Bronchitis oder COPD. Dabei werden durch die chronische Entzündung der Schleimhaut die kleinen Bronchien und Lungenbläschen zerstört, die für den Austausch der Atemluft und die Sauerstoffversorgung zuständig sind. Als Folge verschlechtert sich die Lungenfunktion allmählich schleichend.
Jeder vierte über 45-jährige Raucher leidet an einer COPD. Viele merken lange Zeit jedoch nichts von der heimtückischen Krankheit, da Beschwerden häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium auftreten. Raucher sind zudem daran gewöhnt, bereits am Morgen nach dem Aufstehen zu husten und den Husten als Raucherhusten zu verharmlosen.
Im weiteren Verlauf der COPD bekommen die Patienten keine Luft mehr, und viele sind auf permanente Sauerstoffzufuhr angewiesen. Die meisten COPD-Patienten ersticken aber nicht, sondern sterben an Herzversagen.
Bei ehemaligen Rauchern gleicht sich die Lungenfunktion langsam wieder an den Normalwert an. Wenn bereits anhaltende Schädigungen entstanden sind, normalisiert sich die Lungenfunktion jedoch auch nach dem Rauchstopp nicht mehr.
Raucher altern schneller
Etwa jeder vierte Raucher stirbt an den Folgen seiner Sucht, jährlich sind das in Deutschland rund 110.000 Menschen. Weltweit geht die Weltgesundheitsorganisation pro Jahr von 3,5 Millionen Todesfällen durch die Folgen von Tabakkonsum aus.
Im Durchschnitt opfert ein Raucher für den zweifelhaften Genuss zehn Jahre seines Lebens. Die Todesursachen sind vielfältig. Außer Lungen- und Krebserkrankungen fördert Rauchen thrombotische Erkrankungen, bei denen ein Gefäß durch ein Blutgerinnsel verstopft wird, beispielsweise Herzinfarkt und Schlaganfall.
Dass Raucher schneller altern, konnten britische Forscher in einer Untersuchung an 1122 gesunden Frauen im Alter von 18 bis 76 Jahren im Erbgut zeigen. Die Chromosomen sind normalerweise von Schutzkappen bedeckt, den Telomeren, Diese verkürzen sich mit jeder Zellteilung, so dass die Telomere mit zunehmendem Alter schrumpfen. Wer täglich eine Packung Zigaretten raucht, verkürzt seine Telomere damit um zusätzliche 18 Prozent pro Jahr. In 40 Jahren Raucherkarriere summiert sich dies auf 7,4 Jahre vorzeitige biologische Alterung.
Bei ehemaligen Rauchern gleicht sich die Lungenfunktion langsam wieder an den Normalwert an. Wenn bereits anhaltende Schädigungen entstanden sind, normalisiert sich die Lungenfunktion jedoch auch nach dem Rauchstopp nicht mehr.
„Rauchen ist das nicht wert“
Wayne McLaren erkrankte 1990 an Lungenkrebs. Chemotherapie und die Entfernung eines Lungenflügels konnten die Krankheit nicht stoppen, der Krebs verursachte Metastasen im Gehirn. Zwei Jahre nach der Diagnose erlag McLaren seinem Leiden. Diese Jahre verbrachte er mit einem engagierten Kampf gegen den Tabak. Bei seinem letzten TV-Interview sagte er: „Meine Sucht hat sich gerächt. Ich beende mein Leben unter einem Sauerstoffzelt. Ich sage euch, Rauchen ist das nicht wert.“
Bei ehemaligen Rauchern gleicht sich die Lungenfunktion langsam wieder an den Normalwert an. Wenn bereits anhaltende Schädigungen entstanden sind, normalisiert sich die Lungenfunktion jedoch auch nach dem Rauchstopp nicht mehr.
Anschrift der Verfasserin
Dr. Bettina Hellwig, Apothekerin, Chopinstr. 76, 70195 Stuttgart, E-Mail: bhellwig@matwa.de