24.11.2008
Topthema
PTAheute 23-2008
Hormonsubstitution bei Männern: Der Kick für Körper und Geist
Thema des Monats Dezember

Bettina Hellwig, Stuttgart
Testosteron macht den Mann zum Mann. Das Steroidhormon fördert den
Aufbau von Muskelmasse, aktiviert die Psyche und ermöglicht das
sexuelle Lustempfinden. Leider vermindert der Körper mit zunehmenden
Alter die Produktion dieses Hormons, und auch Männer kommen in die
Wechseljahre, allerdings nicht so zwangsläufig und eindeutig wie
Frauen.
Wie Frauen können auch Männer unter dem Wechselbad der Gefühle leiden, das durch Hormonschwankungen ausgelöst wird. Der leicht übergewichtige Beamte Gerhard W., 49., weiß nicht genau, wann es angefangen hat. Schon seit längerem fühlt er sich traurig und schlecht gelaunt. An machen Tagen ist er so gefühlsgeladen, dass er jederzeit in Tränen ausbrechen könnte.
Das passt nicht zu seinem männlichen Selbstbild, und er versuchte lange, seine Gefühlschwankungen zu verstecken – auch vor seiner Frau. Die erlebte ihn als immer abweisender, und Sex hatten die beiden seit Monaten nicht mehr. Auch im Beruf bekam Gerhard Probleme. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren und vergaß mehrmals wichtige Termine.
Jetzt hat er auf Drängen seiner Frau endlich seine Hausärztin aufgesucht, die eine „depressive Episode“ diagnostiziert und ihm Antidepressiva verschrieben hat. Außerdem hat sie Gerhard zu einem Besuch beim Andrologen geraten. Dieser hat festgestellt, dass Gerhard nur einen relativ niedrigen Blutspiegel des männlichen Geschlechtshormons Testosteron hat.
Schlecht gelaunt und traurig: das Irritable male syndrome
Testosteron macht den Mann zum Mann. Schon im Mutterleib ist es dafür verantwortlich, dass sich ein männlicher Fetus entwickelt. In der Pubertät sorgt das Hormon für die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale, und beim erwachsenen Mann steuert es alle Fortpflanzungsfunktionen, wie die Bildung der Spermien, die Erektionen und das sexuelle Verlangen.
Darüber hinaus hat Testosteron eine Reihe weiterer Wirkungen, die für das Wohlbefinden und die Gesunderhaltung des Mannes eine entscheidende Rolle spielen. Ein Mangel an Testosteron kann Männer depressiv machen, denn männliche Sexualhormone beeinflussen nicht nur die Sexualität, sondern auch das Denkvermögen und die Psyche. Ein hoher Testosteronspiegel fördert die Libido und Antrieb, Ausdauer und Lebenslust sowie dominante und aggressive Verhaltensweisen.
Bei einem Abfall des Testosteronspiegels zeigen männliche Säugetiere Anzeichen für Verstimmungen – sie werden gereizt und nervös. Auf der anderen Seite können Stress, Trauer oder eine Krankheit zu einem Sinken des Testosteronspiegels führen.
Für den hormonell bedingten Zustand der Lethargie, Depression und Nervosität gibt es bereits einen englischen Begriff, das „Irritable male syndrome“, abgekürzt IMS
Die Wechseljahre des Mannes
Bei alternden Männern nimmt die Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron allmählich ab, was auch als Wechseljahre des Mannes, Klimakterium virile oder Andropause bezeichnet wird. Vor einigen Jahren ist dafür außerdem der Begriff PADAM (partielles Androgendefizit des alternden Mannes) eingeführt worden.
Anzeichen für einen Testosteronmangel sind häufig Hitzewallungen und ein Verlust der Libido. Die nachlassende Hormonproduktion kann neben depressiven Verstimmungen auch zu körperlichen Veränderungen führen: Die Muskelmasse nimmt ab, das Körperfett zu, die Haut wird trockener und durch den Knochenabbau steigt das Osteoporoserisiko. Mitunter klagen Betroffene über Beschwerden wie Antriebsmangel oder Erschöpfung.
Probleme müssen nicht sein
Im Gegensatz zum weiblichen Klimakterium verlaufen die Wechseljahre beim Mann schleichender und weniger eindeutig; hinzu kommen große individuelle Unterschiede. Bei Männern stellen die Gonaden ihre Funktion nicht abrupt und deutlich spürbar ein, und die Hormonproduktion kann bis ins hohe Alter erhalten bleiben.
Problematisch wird eher die Zeugungsfähigkeit: Bei den 60-Jährigen sind rund ein Drittel infertil, bei den 80-Jährigen etwa die Hälfte. Auch hier kommen große Schwankungen vor, und es gibt 90-Jährige mit nachgewiesener Fertilität - wobei in diesen Fällen die Frau entsprechend jung war.
Im Mittel gehen beim Mann zwischen dem 35. und 65. Lebensjahr die Blutspiegel zahlreicher Hormone um 30 bis 80 % zurück. Diese physiologischen Vorgänge schwanken individuell stark: bei 20 % ist der Testosteronspiegel zu niedrig, und andererseits verfügen viele Männer auch noch im höheren Lebensalter noch über einen hohen Testosteronspiegel und ein befriedigendes Sexualleben.
Testosteron wirkt auch bei Frauen
Nicht nur bei Männern fördert Testosteron die Libido. Auch Frauen produzieren das männliche Steroidhormon, indem sie es aus Östrogen umwandeln. Bei Frauen, die kein Östrogen mehr bilden können, soll das niedrig dosierte Testosteronpflaster Intrinsa® den Spaß am Sex zurückbringen: Es soll nach der Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken die Libido steigern, wenn eine Frau unter mangelndem sexuellen Verlangen leidet.
Dicke produzieren weniger Testosteron
Jeder fünfte Mann, der sich in hausärztlicher Behandlung befindet, hat einen niedrigen Testosteronspiegel. Betroffen sind vor allem chronisch Kranke mit einem metabolischen Syndrom, einer Funktionsstörung der Leber oder entzündlichen Erkrankungen. Auch Übergewichtige mit einer ungünstigen Fettverteilung im Körper haben häufig zu wenig Testosteron, denn im Fettgewebe wird ein Großteil des Testosterons abgebaut und in sein weibliches Pendant Östrogen verwandelt.
Ankurbeln können Männer ihre Testosteronproduktion, indem sie Sport treiben. Sport stimuliert bei Männern die Produktion des Geschlechtshormons, vor allem mäßiger Ausdauersport. Und wenn Männer beim sportlichen Wettkampf oder beim Spiel gewinnen, schießt ihr Testosteronspiegel erst recht in die Höhe.
Testosteron in Spritzen, Pflastern und Gel
Im Blut wird Testosteron an Transportproteine (Sexualhormon bindendes Globulin) gebunden, seine Hormonwirkung kann es jedoch nur in der freien Form entfalten. Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf einen Androgenmangel, sollten Testosteron und das Sexualhormon bindende Globulin an zwei verschiedenen Tagen morgens bestimmt werden. Bei einem erwachsenen Mann liegt der Testosteronspiegel zwischen 12 und 40 nmol/l, unter 12 nmol/l gilt ein Testosteronmangel als nachgewiesen.
Gerhard hat einen Testosteronspiegel von 20 mg/dl und liegt damit im unteren Normbereich. Nachdem er eine Prostataerkrankung ausgeschlossen hat, hält der Androloge einen Therapieversuch mit Testosteron für gerechtfertigt.
Zur Hormonersatztherapie gut geeignet sind intramuskuläre Testosteron-Depotspritzen, die Testosteronester enthalten (Testoviron® Depot, Wirkdauer zwei bis drei Wochen; Nebido®, Wirkdauer drei Monate) sowie Gele (Testogel®, Androtop®), die täglich aufgetragen werden und aus denen das Testosteron zu rund 10% gut über die Haut aufgenommen wird. Pflaster wie Androderm® werden am rasierten Skrotum appliziert.
Orale Testosteronpräparate (Andriol®) eignen sich weniger, da sie nicht zuverlässig und nur zu etwa 7% resorbiert werden. In einigen Ländern sind auch Testosteronimplantate zugelassen, die in einer kleinen, ambulanten Operation unter die Haut appliziert werden und das Hormon etwa ein halbes Jahr freisetzen.
Gerhard entscheidet sich nach der Beratung mit seinem Andrologen für das Pflaster.
Nur bei nachgewiesenem Mangel
Bei Gerhard scheint die Behandlung anzuschlagen: Schon nach wenigen Tagen bessert sich seine Stimmung, und über die zunehmende Libido freut sich auch seine Frau.
Von einer Testosteronsubstitution profitieren nur die Männer, bei denen ein Mangel an diesem Hormon vorliegt und die darunter leiden. Aber auch in diesen Fällen müssen die Vorteile mit den Risiken einer langjährigen Hormonbehandlung abgewogen werden, denn die Folgen einer Testosteronsubstitution bei Männern ist längst nicht so gut untersucht wie die Hormonsubstitution bei Frauen. Durch die Gabe von Testosteron nimmt die Muskelmasse zu und der Fettanteil ab, und die Knochendichte steigt.
Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht Testosteron nach heutigen Kenntnisstand nicht, sondern scheint im Gegenteil das Gefäßsystem zu schützen: Männer über 40, die einen niedrigen Testosteronspiegel haben, sterben früher als ihre Geschlechtsgenossen mit normalen Hormonwerten.
PSA-Wert muss kontrolliert werden
Andererseits kann Testosteron das Wachstum von hormonabhängigen Prostatazellen stimulieren und so möglicherweise die Entwicklung einer benignen Prostatahyperplasie oder eines bisher unerkannten Prostatakarzinoms beschleunigen. Daher müssen Patienten, die Testosteron anwenden, engmaschig überwacht werden.
Auch Gerhard sollte zweimal jährlich seinen Andrologen aufsuchen und seine Prostata untersuchen lassen.
Anschrift der Verfasserin
Dr. Bettina Hellwig, Apothekerin und DAZ-Redakteurin, Birkenwaldstr. 44, 70191 Stuttgart