29.06.2009
Topthema
PTAheute 13+14-2009
Was soll es bedeuten...? Cholesterin-Messwerte in der Apotheke richtig erläutern
Thema des Monats Juli

Gesundheitstests erfreuen sich großer Beliebtheit – das gilt auch für Messaktionen in der Apotheke. Während die Blutzuckerbestimmung inzwischen praktisch jede Apotheke anbietet, kann man mit Cholesterinwert- Bestimmungen bei den Kunden noch richtig punkten. Vorausgesetzt, die Messung läuft professionell ab und der Kunde erfährt anschließend von Ihnen, was die ermittelten Werte für ihn konkret bedeuten bzw. welche Konsequenzen er daraus ziehen sollte.
Natürlich dürfen, können und wollen wir in der Apotheke nicht den Arzt ersetzen und keine Diagnosen stellen. Doch was im Rahmen von Präventionsleistungen Sinn macht und wozu Sie Ihre Ausbildung als PTA befähigt, sind Gesundheitstests wie die Cholesterinblutwert-Bestimmung, die im Apothekenalltag als Kundenservice gut durchführbar sind. Dass solche Messungen nicht nur fürs Apotheken-Marketing, sondern auch unter medizinischem Aspekt nützlich sind, zeigen Screening-Untersuchungen, wonach jeder dritte Deutsche zu hohe Cholesterin-Werte hat.
Jeder sollte ihn kennen
Der Cholesterinspiegel ist ein entscheidender Risikofaktor für Arteriosklerose und koronare Herzkrankheit (KHK). Nicht umsonst fordert die Deutsche Herzstiftung: „Jeder sollte seinen Cholesterinwert kennen!“ Der Cholesterin-Messservice in der Apotheke dient somit unmittelbar der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen.
Egal, ob Sie dabei den Gesamtcholesterinwert mit einem optisch auswertbaren Teststreifen (z.B. Cholesterin-Vorsorge Test care diagnostica®) oder mit einem Gerät (z.B. Accutrend® GC bzw. plus) bestimmen oder ein ganzes Lipidprofil mit einer Messstation (z.B. Cholestech LDX® Analysator, Reflotron®) erstellen − mit den nackten Messwerten fängt der Kunde wenig an. Es kommt also entscheidend darauf an, dass Sie mit Ihrem Fachwissen die Messergebnisse richtig einordnen können und dem Kunden die notwendigen Erläuterungen dazu mitgeben. Das können Verhaltens- oder Ernährungstipps sein, der Rat zum Arzt zu gehen oder einfach die Erinnerung an den nächsten Kontrolltermin.
Hier geht’s ums Prinzip
Bei der Cholesterinwert-Bestimmung in der Apotheke wird wie bei der Blutzuckermessung eine kleine Menge Kapillarblut aus der Fingerbeere oder dem Ohrläppchen entnommen. Für die praktische Vorgehensweise gelten dabei im Wesentlichen dieselben Tipps wie bei der Blutentnahme für die Glukosebestimmung (siehe PTAheute Nr. 19 / 2008, S. 26-30).
Die Cholesterin-Messung wird idealerweise im Nüchternzustand, d.h. frühestens 12 Stunden nach einer Mahlzeit durchgeführt. Nach Schwangerschaft oder schwerer Krankheit sollte mit der Messung drei Monate, nach einem leichten Infekt drei Wochen gewartet werden, um aussagekräftige Werte zu erhalten.
Da das Messprinzip bei der Cholesterinbestimmung auf einer quantitativ erfassten chemischen Redoxreaktion beruht, können hohe Mengen Vitamin C die Ergebnisse erniedrigen. Aber auch Arzneistoffe wie Novaminsulfon und Methyldopa sowie erhöhte Hämoglobin-, Hämatokrit- oder Bilirubinwerte können die Resultate verfälschen.
Übrigens: Nicht nur genetische Veranlagung oder falsche Ernährung, auch eine längerfristige Einnahme von Cortison, Betablockern, Diuretika oder oralen Kontrazeptiva können zu erhöhten Cholesterinspiegeln führen!
Keine starren Grenzwerte
Der Gesamtcholesterinspiegel dient als Basisgröße zur groben Abschätzung des Fettstoffwechselstatus. Für die Grenzwerte existiert dabei kein starres Raster. Denn ein Gesamtcholesterinwert, der bei dem einen Patienten noch akzeptabel ist, kann für den nächsten schon definitiv zu hoch sein. Das hängt von den weiteren KHK-Risikofaktoren einer Person ab. Dazu zählen insbesondere Übergewicht, Rauchen, Diabetes, Bluthochdruck, Schilddrüsen- oder Lebererkrankungen, höheres Lebensalter, Bewegungsmangel, Stress, bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder familiäre Veranlagung.
In der Apotheke kann man sich am Schwellenwert von bis zu 200 mg/dl für das Gesamtcholesterin orientieren. Bei Kerngesunden ohne jegliche Risikofaktoren wird von Ärzten manchmal auch noch ein Gesamtcholesterinspiegel von 240 mg/dl toleriert. Bei Vorliegen von Risikofaktoren sind die Grenzen jedoch strenger zu ziehen. Und für Herz-Kreislauf-Patienten wird in der Regel ein Gesamtcholesterinspiegel von unter 150 mg/dl angestrebt.
Haben Sie also bei einem Kunden in der Apotheke einen Gesamtcholesterinwert von über 200 mg/dl ermittelt, sollten Sie ihn zu fettarmer Ernährung, zum Rauchverzicht und zu mehr Bewegung motivieren und ihn zur weiteren Abklärung zum Arzt schicken.
Je kleiner, desto besser
Bei erhöhtem Gesamtcholesterin hängt die endgültige Beurteilung maßgeblich von den Cholesterinunterfraktionen HDL (high density lipoprotein) und LDL (low density lipoprotein) ab. Arbeiten Sie in der Apotheke mit einem Gerät, das auch diese Werte ermitteln kann, dann sollten Sie Ihr Augenmerk besonders auf das LDL lenken. Ein erhöhter Gesamtcholesterinwert ist nämlich dann besonders ernst zu nehmen, wenn er mit einem hohen LDL-Wert einhergeht. Denn dies ist das „schlechte“ Cholesterin mit atherogenem Potenzial, das Gefäßwandablagerungen fördert. Für den LDL-Wert gilt daher: Je niedriger, desto besser.
Ein LDL-Wert von 130 mg/dl wird heute meist als oberer Grenzwert betrachtet: Was darüber liegt, ist Sache für den Arzt. Haben Sie es mit einem Kunden zu tun, der bereits unter einer Gefäßerkrankung leidet oder einen der oben aufgeführten Risikofaktoren aufweist, dann sollte er sich schon ab einem LDL-Wert von 100 mg/dl in ärztliche Behandlung geben. Für Patienten, deren Herzinfarktrisiko zusätzlich erhöht ist (z.B. durch gleichzeitigen Diabetes), liegt der LDL-Zielwert sogar unter 70 mg/ dl.
Je größer, desto besser
Der Normwert für HDL wird heute mit mindestens 35 mg/dl angegeben. Da das „gute“ HDL überschüssiges Cholesterin aus dem Körper zum Abbau in die Leber transportiert, wird ihm ein gewisser Schutzeffekt vor atherosklerotischen Erkrankungen zugeschrieben. Für den HDL-Wert gilt folglich: je höher, desto besser! Ein erniedrigter HDL-Wert ist dagegen ein eigenständiger Risikoparameter, der mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko einhergeht. Sind bei erniedrigtem HDL gleichzeitig die LDL-Werte erhöht – eine häufig anzutreffende Konstellation − ist das Arterioskleroserisiko besonders hoch. Anders formuliert: Wegen ihrer Gegenspielerfunktion ist der Quotient aus LDL- und HDL-Wert wichtig. In Untersuchungen ließ sich mit diesem Quotienten das KHK-Risiko recht treffend voraussagen. Ungünstig ist ein LDL-HDL-Quotient >4, günstig ein Quotient <3. Es kommt also hier weniger auf die absoluten Messwerte, als vielmehr auf ihre Relation an. Somit stellt sich bei erhöhtem Gesamtcholesterin die Frage, ob dieses durch viel günstiges HDL- oder viel ungünstiges LDL-Cholesterin zustande kommt. Und natürlich kann bei ungünstiger LDL-HDL-Konstellation selbst bei normalem Gesamtcholesterinwert das KHK-Risiko dennoch erhöht sein!
Was jeder tun kann
Wer bei Ihnen in der Apotheke seinen Cholesterinwert bestimmen lässt, sollte – wie seine Werte auch ausfallen – zunächst mal anerkennende Worte von Ihnen hören, z.B.: „Sehr gut, dass Sie sich um Ihre Cholesterinwerte kümmern, schließlich besteht der erste Schritt für einen gesunden Fettstoffwechsel darin, die eigenen Werte zu erfahren!“ Lagen die Messwerte außerhalb des grünen Bereichs und ist nach Ihrer Einschätzung sogar ein Arztbesuch ratsam, sollten Sie Ihre Mess-Kandidaten dennoch nicht einfach wegschicken. Nutzen Sie lieber die Beratungssituation dazu, ein paar grundlegende Verhaltens- und Ernährungstipps anzubringen:
- Wer vegetarisch lebt, ernährt sich automatisch cholesterinärmer, da Cholesterin in erster Linie in tierischen Nahrungsmitteln vorkommt.
- Empfehlenswert ist eine mediterrane Küche mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten sowie Oliven- und Rapsöl als Fettlieferanten.
- Wer auf Fleisch nicht ganz verzichten will, sollte statt Rind- und Schweinefleisch Wild und Geflügel bevorzugen.
- Fisch ist erlaubt. Seefisch soll aufgrund seiner Omega-3-Fettsäuren sogar HDL-erhöhend wirken. Krusten- oder Schalentiere sowie Aal und Tintenfisch sind aber recht cholesterinreich.
- Mehrfach ungesättigte Pflanzenöle wie Sonnenblumen-, Distel- oder Olivenöl können dem LDL-Anstieg entgegen wirken.
- Sojaprodukte sind cholesterinfrei und können wegen ihres Lecithingehalts den Cholesterinanstieg sogar etwas bremsen.
- Süßigkeiten wie Schokolade, Mehlspeisen und Sahneeis stets nur in kleinen Mengen konsumieren.
- Kampf dem Blutdruck und dem Übergewicht! Beide sind eigenständige KHK-Risikofaktoren, welche die negativen Effekte erhöhter Cholesterinwerte potenzieren. Pro abgebautes Kilo Körpergewicht steigt der HDL-Wert statistisch um 1%.
- Regelmäßige körperliche Bewegung (dreimal pro Woche je 30 Minuten) wirkt sich positiv auf den Fettstoffwechsel aus (v.a. HDL-Erhöhung).
Und damit Ihr Kunde den Erfolg seiner Lebensstiländerung auch selbst mitverfolgen kann, bieten Sie ihm am besten gleich den nächsten Cholesterinblutwert-Kontrolltermin in ca. 4 bis 6 Wochen an!
Orientierungswerte für die Cholesterinwert-Bestimmung in der Apotheke
Gesamtcholesterin:
- als normal gelten Werte bis 200 mg/dl
- über 200 mg/dl → ärztliche Konsultation ratsam
- für Herz-Kreislauf-Patienten gilt: höchstens 150 mg/dl
LDL-Cholesterin:
- Werte über 130 mg/dl → weitere Abklärung notwendig
- bei Risikofaktoren ab 100 mg/dl → ärztliche Beurteilung
HDL-Cholesterin:
- Werte sollten > 35 mg/dl liegen
HDL-LDL-Quotient:
- günstig < 3
- ungünstig > 4
(in Anlehnung an Empfehlungen der Deutschen Herzstiftung e.V. und der Deutschen Lipid Liga e.V.)