30.11.2009

Topthema

PTAheute 23-2009

Individuelle Lösungen für „Känguruhs“

Thema des Monats Dezember

Svenja war 15, als sie an Morbus Crohn erkrankte und laufend unter Durchfall, Schmerzen und Fistelgängen litt. Nach zehn Jahren wurde sie zum ersten Mal operiert. Nach mehreren weiteren Operationen blieb vom Dickdarm nur das Sigma mit einer Länge von 27 cm erhalten, und auch der letzte Teil des Dünndarms wurde entfernt. Heute ist Svenja 27 Jahre alt. Sie ist schlank, hübsch und blond und lebt mit einem künstlichen Darmausgang. Seit einem Jahr ist sie Mitglied bei den Känguruh-Rockern. So bezeichnen sich Stomaträger, die Motorrad fahren.

Ein Stoma, Anus praeter oder künstlicher Darmausgang, wird notwendig, wenn Darm oder Darmausgang nicht mehr richtig arbeiten. Das kann viele Gründe haben. Bei älteren Menschen ist es häufig Darmkrebs, der operiert werden muss und zur Anlage eines künstlichen Darmausgangs zwingt. Bei jüngeren Menschen wie Svenja kann eine entzündliche Darmerkrankung dazu führen, dass Teile des Darms entfernt werden müssen.

 

 

Künstlicher Darmausgang

Ein Dickdarmausgang, ein Kolostoma wird unter anderem angelegt, wenn der Schließmuskel zerstört ist, zum Beispiel durch einen Unfall oder Krebs. Dabei wird ein Teil des Dickdarms durch die Bauchdecke an der linken Bauchseite angenäht. Der Kot eines Dickdarmstomas ist meistens geformt und relativ fest. Bei Svenja waren die Schleimhäute von Dünn- und Dickdarm so stark geschädigt, dass Teile davon entfernt werden mussten und sie ein Ileostoma, ein Dünndarmstoma, erhielt. Dieses wird auf der rechten Bauchseite angebracht und ist dort bei Svenja als tiefrote erhöhte Öffnung, ähnlich einem Mund, deutlich sichtbar. Bei einem Dünndarmstoma ist der Kot dickflüssig oder sogar vollständig flüssig.

 

Auch eine Rückverlagerung ist möglich

Für die Betroffenen ist ein künstlicher Darmausgang zunächst einmal ein Schock, und sie müssen lernen, mit den einschneidenden Veränderungen umzugehen. Dabei helfen Stomatherapeuten und extra dafür ausgebildete Schwestern. Svenja beschreibt, was sie als menschliches „Känguruh“ zu Beginn empfand: „Nackt fühlte ich mich gar nicht attraktiv. Ob in der Sauna, beim Sex oder einfach so, immer baumelte etwas vor mir rum.“

Bei manchen Erkrankungen kann auch nur zeitweise ein künstlicher Darmausgang nötig werden, um den Darm zu entlasten und beispielsweise Entzündungen auszuheilen. Dabei werden beide Darmenden in die Bauchwand eingenäht. Bei einer Rückverlagerung sind die Enden dann leicht zu erreichen und können wieder miteinander vernäht werden.

Auch bei Svenja war der künstliche Darmausgang zunächst nur zeitweise vorgesehen. Bald wurde das Stoma für sie jedoch alltäglich und die Freude überwog, „keine Schmerzen durch den Crohn mehr zu haben. Ich blühte auf und gab richtig Gas!“ Sie versuchte eine Rückverlegung des Stomas, aber ein bereits verheilter Fistelgang brach wieder auf. Heute hat sie ein bleibendes Stoma. Ihr Darm ist komplett durchtrennt, das eine Ende wurde in die Bauchwand eingenäht. „Nun sind viele Jahre vergangen und ich habe mich an mein Stoma gewöhnt“, erzählt sie.

 

Wundheilung nach der Stomaoperation

Nach einer Stomaoperation muss die Wunde zunächst abheilen. Dabei helfen moderne Wundauflagen, -salben und gele, die eine feuchte Wundheilung ermöglichen und im Bedarfsfall auch noch antiseptisch wirken. Die Wundverbände sollten möglichst nicht täglich gewechselt werden, um die Wundheilung nicht zu stören.

Als Wundauflagen werden zum Beispiel Hydrokolloide, auch mit keimabtötendem Silber, und Alginate eingesetzt. Sie schaffen ein ideal feuchtes Mikroklima, besonders bei mäßig bis schwach sezernierenden Wunden. Bei stark nässenden oder blutenden, infizierten Wunden sind sie nicht geeignet. Vor der Anwendung wird die Wundtasche mit 0,9-prozentiger Natriumchloridlösung oder Ringerlösung gespült, bei Infektionen zusätzlich mit einem Antiseptikum.

Die Wundauflage wird mit einem weiteren Verband abgedeckt, zum Beispiel einer Hydrokolloidplatte, die auch den Wundrand schützt. Bei einem Stoma sollten Hydrokolloide in extra dünner Form und mit glatter Oberfläche verwendet werden, da sonst die Stomaplatte nicht mehr haftet.

Unauffällige Versorgung

Die Stomaversorgung sollte mit dem Stoma weitgehend abschließen und die Haut abdecken, um diese vor Stuhlausscheidung zu schützen. Svenja formuliert eine weitere Forderung der Känguruhs: „Wir wünschen uns alle, dass die Versorgung unauffällig ist!“

Direkt auf das Stoma wird eine Basisplatte angebracht. Diese muss gut haften und außerdem hautverträglich sein. Es gibt sie z.B. mit semipermeablen Folien, mit Alginaten, mit Vliesrand, mit Hydrokolloid und mit einer Kombination aus Pektinen und Gelatine.

 

Einteilig oder zweiteilig?

Einteilige Versorgungssysteme aus Stomaplatte und Beutel werden hauptsächlich bei einem Kolostoma verwendet. Sie können je nach Haftung der Basisplatte und Inhalt des Beutels höchstens einen Tag auf der Haut verweilen, außerdem ist auch das Beutelvolumen klein.

Bei zweiteiligen Versorgungssystemen sind Basisplatte und Beutel getrennt und werden über verschiedene Mechanismen miteinander verbunden. Eine Platte kann etwa drei bis fünf Tage auf der Haut verbleiben. In der ersten Zeit nach Anlage eines Stomas muss sie spätestens nach zwei Tagen gewechselt werden, da sich sonst die Haut entzünden kann. In die Beutel werden außerdem Geruchsfilter eingebaut.

 

Wie getuppert

Svenja besitzt ein zweiteiliges System aus einer Basisplatte mit einem Kunststoffring, an den ein Beutel zur Kotaufnahme angeschlossen wird: „Dieses System funktioniert in etwa wie bei den Tupperware-Dosen. Die Platte wird in der Mitte mit einem Loch in Größe des Stomas versehen, danach wird sie einfach auf die Bauchdecke geklebt, so dass das Stoma daraus hervorschauen kann. Auf den oben aufgebrachten Ring wird der Beutel getuppert, und schon ist das Ganze fertig.“

 

Stomaversorgung individuell anpassen

Svenja schildert einige der praktischen Probleme, mit denen Stomaträger laufend konfrontiert sind. Sie klagt über die Platten, die so groß sind, dass sie aus jeder Unterwäsche herausschauen.

„Außerdem bekommen die Beutel immer mehr Verkleidungen, und die Verschlüsse werden immer voluminöser. Luftfilter verkleben oder laufen aus – ständig muss deswegen der Beutel gewechselt werden.“ Ein Problem sind auch beidseitig mit Vlies beschichtete Beutel, denn diese halten Wasser und Schweiß zurück, wodurch ein feuchtwarmes Klima in der Wäsche entsteht.

„Ich wünsche mir blickdichte, farbige und nicht stinkende Beutel, die sich mit kleinen zarten Spangen verschließen lassen“, sagt Svenja. „Wir wollen nicht krank aussehen!“ Svenja passt ihre eigene Versorgung ihren individuellen Wün­schen an und schneidet sie entsprechend zurecht, so dass sie nicht so aufträgt und besser in die Unterwäsche oder Bademode passt.

 

Hautschutzpaste und Geruchsneutralisierer

Svenja weiß, dass sie die Haut um das Stoma herum gut pflegen muss. Dafür verwendet sie Tupfer, die mit lauwarmem Wasser getränkt sind. Nicht geeignet sind Wundbenzin, Alkohol, Desinfektionsmittel, Öle, fettende Cremes oder Salben, Pflegeschaum, Pflegetücher oder zellstoffhaltige Materialien.

Unebenheiten in der Bauchdecke lassen sich mit Pasten (z. B. Stomahesive®) ausgleichen. Laut Svenja hat die Salbe „in etwa eine Konsistenz wie Holzkitt“.

Vorsicht ist bei stark gereizter Haut oder kleinen Verletzungen geboten, da die Stomahesive-Paste Alkohol enthält und an solchen Stellen „fürchterlich brennt“. Ein entsprechender Puder wird bei nässenden Schäden der Haut verwendet.

Um die Haut im Bereich des Stomas vor Urin, Stuhl, aggressiven Körperflüssigkeiten, Darmsekret, Klebstoffen und Reibung zu schützen, eignen sich Hautschutzmittel wie zum Beispiel Cavilon®-Spray oder -Creme. Cavilon® schützt die Haut bis zu 72 Stunden und brennt auch dann nicht, wenn es auf geschädigte, wunde Haut aufgetragen wird. Es bildet einen alkoholfreien flüssigen Schutzfilm, der schnell trocknet und eine atmungsaktive transparente Schicht auf der Haut hinterlässt.

Ernährung anpassen

Svenja weiß, dass sie nicht jedes Nahrungsmittel verträgt. Besonders unangenehm sind Blähungen. „Diese füllen den Beutel mit Luft, und auch wer einen Filter hat, riecht oft sehr unangenehm“, erzählt sie. Außerdem sind Blähungen schmerzhaft, „da wir nicht in der Lage sind, diese wirklich herauszudrücken“. Sie isst daher nichts, was blähen könnte. Dazu gehören Zwiebeln, Porree, Sellerie, Hülsenfrüchte und frische Früchte.

Gegen Blähungen nimmt Svenja Lefax® oder auch Sab simplex®: „Beide Mittel arbeiten ähnlich wie Seife im Schaumbad und lösen die Gase im Bauch auf.“

Wenn das letzte Stück Dünndarm fehlt, kann der Körper über die Ernährung kein Vitamin B12 aufnehmen, und Svenja bekommt alle vier bis sechs Wochen eine Vitamin-B12-Spritze.

Verfasser

von Dr. Bettina Hellwig, Konstanz

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