23.03.2009
Topthema
PTAheute 7-2009
Wir reden darüber – aber wie? Beratungsgespräche rund um Sexualität
Thema des Monats April

Wenn Ihnen ein Rezept über Viagra vorgelegt wird, wissen Sie gleich, worum es geht. In der Selbstmedikation dagegen liegt das Thema nicht immer so klar auf dem Tisch. Sie müssen oft erst herausfinden, was der Kunde oder die Kundin von Ihnen erwarten. Dazu im Folgenden einige Tipps.
Während hormonelle Kontrazeptiva, Präparate gegen Libidoprobleme oder Erektionsstörungen wahrscheinlich schon mit dem behandelnden Arzt besprochen worden sind, ist es bei Zusatzempfehlungen oder in der Selbstmedikation durchaus schwieriger, in das richtige Thema einzusteigen. Bei der Belieferung eines Rezepts konzentriert sich die pharmazeutische Beratung zunächst auf mögliche Wechselwirkungen und Einnahmehinweise; in der Selbstmedikation hingegen kann das Thema durchaus plötzlich eine ganz andere Wendung nehmen, z. B. wenn sich das anfängliche Thema „trockene Vaginalschleimhaut“ als ein Symptom einer Hormonumstellung erweist.
Drei Aspekte sind bei der Beratung zu sexuellen Themen in der Apotheke zu berücksichtigen:
- Worin besteht bei Beratungsthemen rund um Sexualität die Kernkompetenz einer Apotheke – Ergänzung zur ärztlichen Beratung oder „Lotse“ für weitere Schritte?
- Erfordert bereits die Abklärung einer Selbstdiagnose eine medizinische oder psychologische Ausbildung, die über die zu erwartende Kompetenz einer Apotheke hinausgeht?
- Welche Ermutigung können Kund/innen in jedem Fall in der Apotheke bekommen, egal welche weiteren (klärenden) Schritte noch nötig sind?
Erkennen, um welches Thema es geht
Wie schwierig es ist, das Beratungsthema überhaupt zu erkennen, zeigte mir eine Diskussion unter PTAs und Apothekerinnen: In einer Seminargruppe zur Beratung bei heiklen Themen testeten die Teilnehmerinnen sich gegenseitig, welche Beschwerden sie aus Einstiegssätzen von Kund/innen erkannten. Zitat einer Kundin: „Ich glaube, ich bin irgendwie kalt.“ So kann ein Beratungsgespräch beginnen, wenn die Kundin unsicher ist, ob sie das Thema überhaupt auf den Tisch bringen soll; hier ging es um den Mangel an sexuellem Interesse und Lustempfinden, und nicht, wie vielleicht manche von Ihnen gedacht haben, um einen Harnwegsinfekt.
Wie auch sonst in der Selbstmedikation ist die Aufgabe der Apotheke, die Selbstdiagnose der Kund/innen zu überprüfen, um dann eine geeignete Empfehlung zu geben. Nun hat das Thema Sexualität aber so viele Aspekte, dass schon die Abklärung der dargelegten Diagnose manchmal eine umfangreiche Beratung erfordern würde. Bei Libidoproblemen zum Beispiel kommen eine Fülle von Gründen in Frage. In diesem Beispiel liegt die Kernkompetenz der Apotheke darin abzuklären, wie plötzlich die Beschwerden aufgetreten sind und ob es einen Zusammenhang zu anderen Umständen gibt, die bei der Auswahl von Maßnahmen zu berücksichtigen sind, z. B. Hormonschwankungen oder Nach- und Nebenwirkungen anderer Medikamente.
Mit den Fragen „warum jetzt?“ und „warum hier?“ kann die Vielfalt der möglichen Beratungsansätze auf das in der Apotheke Mögliche eingegrenzt werden: Wie erklärt sich die Kundin denn selbst, dass sie dieses Problem gerade jetzt hat? Was erwartet sie gerade hier in der Apotheke an Unterstützung? Nachdem dies angesprochen wurde, ist es für PTAs und Apothekerinnen leichter zu entscheiden, ob ärztliche Hilfe hinzugezogen werden sollte oder ob die Kundin mit Mitteln der Selbstmedikation Hilfe bekommt. Eine wichtige Ermutigung am Schluss des Gesprächs ist in jedem Fall der Dank an die Kundin, dass sie sich an die Apotheke gewandt hat, und ein Hinweis wie: „Sie sind mit diesem Problem nicht allein. Es gibt gute Möglichkeiten, wie Sie Ihre Beschwerden überwinden. Jetzt haben Sie schon den ersten Schritt dazu getan.“
Rücksicht nehmen auf Schamgefühle
Diskretion heißt die wichtigste Maßnahme, wenn Sie Beratungsbedarf zu einem Thema rund um Sexualität entdecken. Nutzen Sie Ihren Beratungsplatz und ermöglichen Sie Ihren Kund/innen, Ihnen alles zu sagen, was zur Auswahl geeigneter Mittel dienen kann. Laden Sie Ihre Kund/innen ein, von sich zu berichten: „Wenn ich ein bisschen besser verstehe, was Ihr Problem ist, kann ich Ihnen gezielt etwas empfehlen“. Insbesondere jüngeren PTAs fällt es manchmal schwer, sich einfach auf ein Gespräch einzulassen, z. B. wenn sie sich nicht vorstellen können, dass eine Frau sie als Beraterin Ernst nimmt, die erkennbar älter ist als die PTA. Schade – eigentlich sollte sie stolz sein darauf, wie selbstverständlich sich die Kundin oder der Kunde ihr als Fachfrau anvertraut!
Mit einem kleinen Trick kommt man über diese „Schrecksekunde“ hinweg: Hören Sie erst einmal nur konzentriert zu und lassen Sie sich Zeit. Man darf ruhig auch mal nur mit einem „hm“ und freundlichem Blickkontakt antworten und warten, ob die Kundin vielleicht noch einen Satz mehr sagt. Wer sich mit einem Problem im Themenkreis Sexualität an die Apotheke wendet, hat genug Zeit mitgebracht. Als PTA müssen Sie hier nicht wie aus der Pistole geschossen ein Frageschema durcharbeiten. Oft hilft es auch, die Aussagen der Kund/innen möglichst wörtlich zu nehmen. In Markus Wiesenauers Beitrag über Homöopathie bei sexuellen Problemen (PTA Nr. 6/2009, S. 54) finden Sie ein schönes Beispiel für die Ideen, die erst bei gutem Zuhören aufkommen, Stichwort: Belladonna D6 bei hochakuter Vaginalentzündung.
Die Dinge zur Sicherheit einmal beim Namen nennen
In Gesprächen über Sexualität fällt es manchen Menschen schwer, Körperteile, Aktivitäten oder Symptome konkret zu benennen. Als PTA können Sie Ihren Kund/innen dies leichter machen, indem Sie die Dinge so selbstverständlich wie möglich beim Namen nennen. Dazu übersetzen Sie in verständliche Fachsprache, was Ihre Kundin sagt: „Ich glaube, ich habe mir im Urlaub etwas eingefangen. Immer, wenn ich mit meinem Freund zusammen war, habe ich in den Stunden danach so ein Gefühl, dass ich dauernd auf die Toilette muss, und es brennt, wenn ich dann gehe.“
Der Verdacht auf eine so genannte honeymoon-Zystitis liegt nahe. Ihre Antwort könnte lauten: „Ich habe eine Vermutung, wie das kommt. Solche Schmerzen beim Wasserlassen nach dem Geschlechtsverkehr treten oft auf, wenn der Eingang der Harnröhre sehr heftig gereizt worden ist und sich entzündet hat.“ Der Gesichtsausdruck Ihrer Kundin wird Ihnen sagen, ob Sie richtig liegen. (Wenn wir das Problem missverstanden haben und es um etwas anderes ging, wird die Kundin uns jetzt einen Hinweis geben.)
Ich rate Ihnen davon ab, verniedlichende Umschreibungen oder gar Abkürzungen zu verwenden. „GV“ statt Geschlechtsverkehr ist eine respektlose Distanzierung, die nicht zu einer vertrauensvollen Patientenberatung passt. Sobald klar ist, dass die Formulierung „mit meinem Freund zusammen sein“ in diesem Gespräch auch wirklich „vaginaler Geschlechtsverkehr“ bedeutet, können Sie die Sprache der Kundin übernehmen. Bei Ihrer ersten Antwort jedoch empfehle ich Ihnen, einmal um der Klarheit willen deutlichere Worte zu verwenden.
Hier ein paar gängige Formulierungen für Umschreibungen, die zwar meistens vaginalen Geschlechtsverkehr bedeuten, deren individuelle Bedeutung Sie aber sicherheitshalber durch die oben beschriebene „Übersetzung“ einmal überprüfen sollten:
- beim Sex (Was ist das? Fragen Sie Bill Clinton…)
- wenn Mann und Frau zusammenkommen
- im Bett
- wenn ich mit meinem Partner zusammen bin
- Spaß haben
Berücksichtigen Sie auch, dass lesbische Frauen und schwule Männer sich manchmal sehr neutral ausdrücken, wenn sie ihre sexuelle Orientierung nicht offen legen möchten, und dass manche intimen Probleme auch ganz ohne Partner/in entstehen können (z. B. wunde Haut nach einer Intimrasur). Wenn Sie nicht sicher sind, leiten Sie Ihre Frage oder Ihre Beratungsempfehlung mit der Formulierung ein: „Bitte korrigieren Sie mich gleich, wenn ich falsch liege.“ Dann erkennt Ihr/e Gesprächspartner/in, dass Sie offen sind für andere Deutungen, und dass man Ihnen zum Zwecke einer guten Beratung auch etwas mehr anvertrauen darf.
Gespräche beenden, bevor sie „zu weit gehen“
Ist die Apotheke überhaupt der richtige Ort, um über sexuelle Probleme zu reden? Gegenfrage: Für welche Probleme des körperlichen und seelischen Wohlbefindens und der Gesundheit wäre die Apotheke nicht der richtige Ort? Viele Menschen besprechen intime Probleme erst einmal mit Vertrauten, mit Freund/innen oder Partner/innen. Dort dürfen sie persönlichen Zuspruch erwarten, manchmal auch einen guten Rat. Wenn sie in die Apotheke kommen, haben sie sich bereits intensiv mit dem Thema beschäftigt. Wer diese privaten Ressourcen jedoch nicht hat, beginnt das Gespräch in der Apotheke mit deutlich mehr Klärungsbedarf. Manche Dinge muss man auch für sich selbst erst einmal erarbeiten; nicht jeder kann ein sexuelles Problem ohne weiteres auf Anhieb genau beschreiben.
Für manche Kund/innen ist es so erleichternd, wenn sie zum ersten Mal auf ein offenes Ohr stoßen, dass sie die Grenzen einer professionellen Beratung in der Apotheke nicht erkennen und sozusagen alle Hemmungen fallen lassen. Als PTA müssen Sie selbst dafür sorgen, dass das Gespräch nicht zu weit geht, d. h. dass nicht unnötig zusätzlich intime Details oder eine ganze Beziehungsgeschichte ausgebreitet werden. Was Sie als unnötig betrachten, unterliegt Ihrem persönlichen Urteil!
Bei aller Liebe zu einer fundierten Abklärung von Symptomen und Umständen ist Ihr Angebot eben nicht „Gesprächstherapie“, sondern die gezielte Auswahl von Präparaten oder anderen unterstützenden Maßnahmen. (Ihr guter Zuspruch wirkt selbstverständlich auch therapeutisch.) Einen Kunden auf Therapieangebote bei Ärzten, Psychologen, Pro Familia oder Familienberatungsstellen hinzuweisen, entspricht durchaus der Kernkompetenz einer Apotheke; das Ergebnis Ihrer Diagnoseüberprüfung ist in dem o. g. Beispiel nicht nur „trockene Vaginalschleimhaut aufgrund einer Hormonumstellung“, sondern auch „intensiver Klärungs- und Gesprächsbedarf“. Sie dürfen die Kundin ruhig ermutigen, diesen Pfad weiter zu verfolgen: „Es ist gut, dass Sie sich mir anvertraut haben. Vielleicht ist es sinnvoll, wenn Sie außerdem noch einen Arzt zu Rate ziehen, gemeinsam können wir Ihnen bestimmt helfen.“
Nutzen Sie Ihre persönliche Intuition, um die Grenze zu erkennen: Wenn Sie sich unsicher oder bedrängt fühlen, sollten Sie das Gespräch unbedingt beenden, z. B. so: „Ich habe jetzt einen Eindruck bekommen, was Sie alles beschäftigt; wenn es Ihnen hilft, darüber zu sprechen und sich noch weiteren Rat zu holen, sollten Sie einmal in Ruhe mit Ihrem Arzt sprechen.“
Verfasserin
Vera Naumann, Kommunikation & Organisation