27.04.2009
Topthema
PTAheute 9-2009
Herzschrittmacher – Der Wächter in ihrer Brust
Thema des Monats Mai

Sie nennt ihn R2D2 – nach dem freundlichen Roboter aus dem Film „Krieg der Sterne“. Wenn Anke P., 49, dem Gerät in ihrer Brust einen Namen gibt, kann sie leichter akzeptieren, dass eine Maschine die Kontrolle über ihr Herz übernommen hat. Unter der etwa 5 cm langen Narbe unterhalb des linken Schlüsselbeins kann sie die leichte Erhebung unter der Haut tasten. Damit gehört Anke seit ein paar Wochen zu den mehr als zwei Millionen Menschen auf der Welt, die einen Herzschrittmacher tragen.
Lebenswichtige Muskelpumpe
Das Herz pumpt venöses Blut vom rechten Vorhof (Atrium) in die rechte Herzkammer (Ventrikel) und von dort in die Lunge. Mit Sauerstoff angereichertes Blut kehrt zurück und wird dann vom linken Vorhof über die linke Kammer in den Körper gepumpt. Für die rhythmische Kontraktion des Herzmuskels sorgen elektrische Impulse, die im Sinusknoten im rechten Vorhof gebildet und zum Atrioventrikularknoten (AV-Knoten) am Übergang vom rechten Vorhof zur rechten Kammer geleitet werden. Von hier breitet sich die Erregung über das gesamte Herz aus. Jeder Impuls löst zunächst in den Vorhöfen eine Kontraktion aus, durch die das Blut von dort in die Herzkammern gepumpt wird, dann wird der elektrische Impuls in die Kammern weitergeleitet, die sich daraufhin zusammenziehen und das Blut in den Kreislauf ausstoßen.
Normalerweise schlägt das Herz eines Erwachsenen zwischen 60 und 80 Mal, bei körperlicher Betätigung oder emotionalem Stress auch mehr als 100 Mal pro Minute. Wird die elektrische Erregungsleitung gestört, kommt es zu Rhythmusstörungen, den so genannten Arrhythmien.
AV-Block: gestörte Reizleitung
Ankes Sinusknoten konnte den Takt nicht mehr halten: Ihr Herz schlug vor der Operation manchmal nur noch mit 39 Schlägen pro Minute. Für ein Sportlerherz wäre das normal, für die Hobbysportlerin Anke ist es lebensgefährlich, denn sie leidet unter einer bradykarden Herzrhythmusstörung.
Herzrhythmusstörungen begleiten sie schon ein Leben lang. „Früher haben mich die Aussetzer nie gestört“, sagt sie. Seit 2004 machten sie sich jedoch immer stärker bemerkbar, vor allem nachts. Dann lag Anke wach und konnte spüren, wie ihr Herz „bockte, hüpfte und stolperte“. Sie schob die Verschlechterung auf die beginnenden Wechseljahre und die damit verbundene Hormonumstellung. Als die Beschwerden immer stärker wurden, suchte sie ihren Hausarzt auf. Der vermutete zunächst lediglich eine leichte Störung und verschrieb ihr Kalium, zum Elektrolytausgleich.
Doch die Rhythmusstörungen verstärkten sich weiter. Manchmal arbeitete das Herz nur noch so schwach, dass Anke nicht mehr genügend Sauerstoff erhielt, sich schwindelig fühlte und manchmal fast ohnmächtig wurde.
Nach einem besonders starken Anfall suchte sie ein Krankenhaus auf. Dort riet man ihr zu einem Langzeit-EKG, in dem festgestellt wurde, dass ihr Herzschlag immer wieder bis zu drei Sekunden lang stockte. „Zum Glück waren die Aussetzer an diesem Tag massiv“, sagt Anke, „sonst hätte man wieder nichts bemerkt.“
Die Diagnose: AV-Block dritten Grades. Dabei ist die Überleitung der elektrischen Signale vom Sinusknotens im Vorhof zum AV-Knoten in der Herzkammer gestört oder sogar vollständig unterbrochen. Möglicherweise ist bei Anke eine frühere Infektion mit dem ECHO-Virus schuld.
Die Operation
„Nach der Diagnose ging alles sehr schnell“, erzählt Anke, „am Montag hatte ich das EKG, am Freitag lag ich schon auf dem OP-Tisch“.
Bei einem AV-Block dritten Grades wird dringend zur Implantation eines Herzschrittmachers geraten. Dieser übernimmt die Funktion der natürlichen Taktgeber des Herzens und stimuliert den Herzmuskel durch sorgfältig eingestellte elektrische Impulse so, dass der Rhythmus wieder dem eines gesunden Herzens entspricht.
Die Operation dauerte rund 40 Minuten. Anke blieb bei vollem Bewusstsein und wurde nur örtlich betäubt. Zusätzlich erhielt sie beruhigende und entspannende Arzneimittel und ein Antibiotikum, um postoperative Infektionen zu vermeiden. Während der Operation wurde ihr Gesicht so abgedeckt, dass sie keine direkte Sicht auf das Operationsfeld hatte, „aber in der Spiegelung der Lampe konnte ich alles sehen“, sagt sie. Sie beobachtete, wie ihre Haut an einer Stelle kurz unterhalb des Schlüsselbeins aufgeschnitten wurde. Irgendwann schloss sie die Augen, wegen des vielen Blutes.
Elektronik im Titangehäuse
An der Stelle des Einschnitts schiebt der Arzt zwei Elektroden durch die Hohlvene ins Herz. Sie registrieren die Herzfunktion und leiten die Informationen an die Steuerelektronik des Schrittmachers weiter, die gemeinsam mit der Lithiumbatterie von einem Gehäuse aus Titan umschlossen wird. Wenn die Elektroden an der richtigen Stelle sitzen, werden sie an das Titangehäuse angeschlossen. Die Einheit aus Steuerelektronik und Lithiumbatterie wird als Aggregat bezeichnet, ist kaum größer als eine Briefmarke und wiegt etwa 20 Gramm.
Damit der Schrittmacher eingesetzt werden kann, muss der Chirurg das Gewebe aufdehnen. „Er sagte, er müsse jetzt eine Tasche machen“, erinnert sich Anke, „und dann hatte ich ein Gefühl, als würde er mir das Schlüsselbein rausreißen.“
Das Aggregat wird an der präparierten Stelle eingesetzt und dort mit Nähten fixiert. Zum Schluss vernäht der Arzt die Hautwunde. Nach dem Einbau werden die Elektroden angeschlossen, und der Arzt prüft, ob alle Kontakte vorhanden sind und ob die Reizleitung funktioniert.
Anke hat einen Zweikammerschrittmacher erhalten, den am häufigsten verwendete Schrittmachertyp. Er stimuliert bei Bedarf Vorhof und Kammer in physiologischer Reihenfolge. Von nun an überwacht die Elektronik Ankes Herzschlag. Setzt das Herz zu lange aus, wird über die Elektrode ein kurzer elektrischer Impuls abgegeben. Bei ausreichender Ventrikelaktivität ist der Schrittmacher nicht aktiv.
Anke war froh, als alles vorbei war. Schon zwei Stunden nach der Operation konnte sie aufstehen und nach Hause gehen. Die ersten Tage danach musste sie sich möglichst ruhig verhalten, da sich die Elektrodenkabel in dieser Zeit noch durch heftige Bewegungen oder Aktivitäten lockern oder verschieben können. „Einen Handstand sollte ich jedenfalls nicht machen“ sagt Anke.
Die Frequenz wird eingestellt
Nach der Operation wurde der Schrittmacher auf die für Anke richtige Frequenz eingestellt. Die hierfür nötigen Daten wurden dabei von außen abgelesen. Besonders zu Beginn hatte sie Anpassungsschwierigkeiten, denn der Herzschrittmacher jagte ihr Herz auf einen ungewohnt hohen Rhythmus. „Ich konnte nächtelang nicht schlafen“, erzählt Anke. Mittlerweile stimmt die Einstellung, und auch in Zukunft muss Anke sie regelmäßig kontrollieren lassen.
Anke hat einen Herzschrittmacher-Ausweis, der wichtige Angaben über Art und Funktion des Schrittmachers enthält, und den sie immer bei sich führt. Nach etwa zehn Jahren muss das Aggregat, das umgangssprachlich auch als Batterie bezeichnet wird, in einer kleinen Operation ersetzt werden, aber daran will sie heute noch nicht denken.
Vorsicht bei elektromagnetischer Strahlung
Anke weiß, dass der Herzschrittmacher durch starke elektromagnetische Felder gestört werden kann. Zum Beispiel können Hochspannungsanlagen, Elektromotoren und Reizstromapparate seine Funktion beeinträchtigen. Zu den Geräten, die elektromagnetische Strahlen aussenden, gehören auch Überwachungsanlagen in Kaufhäusern und Flughäfen. Anke sollte diese Einrichtungen möglichst zügig passieren und in den entsprechenden Bereichen nicht stehen bleiben.
Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt beim Gebrauch von Mobiltelefonen einen Mindestabstand von 20 cm zum implantierten Schrittmacher, Schnurlos-Telefone gelten als unbedenklich. Ebenso sollten andere elektrische Geräte vorsichtshalber 15 bis 20 cm von einem Herzschrittmacher entfernt gehalten werden. Kopfhörer von MP3-Playern enthalten die Substanz Neudym, die magnetische Eigenschaften hat, und können Herzschrittmacher beeinflussen.
Generell meiden sollten Herzschrittmacherträger die Magnetresonanztomografie (MRT) da diese starke wechselnde Magnetfelder erzeugt. Damit darf Anke keine kernspintomografischen Aufnahmen machen, sondern muss sich im Bedarfsfall röntgen lassen.
Verfasserin
Dr. Bettina Hellwig