28.06.2010
Topthema
PTAheute 15-16-2010
Gut geimpft in den Urlaub! Mehr Reisegenuss durch optimale Vorbereitung
Thema des Monats Juli

von Dr. Bettina Hellwig, Konstanz
Bei Reisen in fremden Ländern drohen zahlreiche Infektionskrankheiten. Viele davon kommen bei uns gar nicht vor oder spielen heute dank der Schutzimpfungen keine Rolle mehr. Deshalb wird oft vergessen, wie gefährlich eine Ansteckung sein kann.
Das zeigt auch eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK). Forsa befragte dazu insgesamt 1.020 deutschsprachige Personen aus Hessen ab dem 18. Lebensjahr. Demnach lässt sich zum Beispiel nur jeder vierte Fernreisende gegen alle Krankheitserreger im Urlaubsgebiet impfen. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung im Reisegebiet sehr hoch ist, schützt sich nur die Hälfte aller Befragten durch Impfungen, und fast jeder Zehnte lehnt Reiseimpfungen grundsätzlich ab. Diese Haltung kann Gesundheit und im schlimmsten Fall das Leben kosten.
Mangelnde Hygiene und Stechmücken
Bei Reisen in Länder mit einem niedrigen Hygienestandard drohen Erkrankungen, die fäkal-oral übertragen werden, zum Beispiel durch verschmutztes Trinkwasser oder verunreinigte Nahrungsmittel. Dazu gehören Hepatitis A, Cholera, Polio und Typhus.
Andere gefährlicher Erreger werden in warmen Ländern durch Mücken übertragen. Dazu gehören die Malaria, gegen die es (noch) keine Impfung gibt, aber auch das Gelbfiebervirus und die Japanische Enzephalitis.
Bei direktem Kontakt von Mensch zu Mensch ist eine Ansteckung mit Diphtherie und verschiedene Formen der Meningokokken-Enzephalitis möglich.
Rechtzeitig planen
Eine geplante Reise ist eine gute Gelegenheit, eventuell verjährte Impfungen gegen Hepatitis A und B und gegen Tetanus aufzufrischen. Auch der Impfschutz gegen Masern sollte überprüft werden, denn diese Virusinfektion tritt in vielen Reiseländern noch häufig auf. So wurden zum Beispiel auf den Philippinen seit Jahresbeginn 1.794 Masern-Infektionen gemeldet. Dagegen werden Impfungen gegen Cholera, Gelbfieber, Japanische Enzephalitis und Typhus nur bei Reisen in betroffene Gebiete benötigt. Viele Krankenkassen übernehmen die Kosten für alle empfohlenen Reise-Schutzimpfungen. Mit dem Impfen sollte rechtzeitig begonnen werden, denn manche Impfungen erfordern mehrere Spritzen nach einem festen Zeitplan. Außerdem vertragen sich manche Wirkstoffe nicht miteinander, so dass zwischen mehreren Impfungen eine längere Pause notwendig sein kann. Die letzte Spritze sollte etwa vier Wochen vor Reiseantritt gesetzt sein. So kann der Körper einen ausreichenden Schutz aufbauen und hat genügend Zeit, sich zu erholen.
Hepatitis A und B: Impfschutz auffrischen
Hepatitis A ist in Asien, Afrika, Mittel- und Südamerika verbreitet, auch in einigen Ländern des Mittelmeerraumes sowie in Osteuropa ist das Risiko erhöht. Das Virus wird fäkal-oral übertragen, zum Beispiel durch Trinkwasser, Nahrungsmittel wie fäkaliengedüngte Salate und Muscheln oder Kontakt mit infektiösen Ausscheidungen. Im Kindesalter sind die Symptome meist nur leicht, und die Infektion hinterlässt eine lebenslange Immunität. Bei Erwachsenen kann die Erkrankung mit Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Fieber, Durchfall und Abgeschlagenheit schwerer verlaufen. Sie heilt in der Regel jedoch wieder vollständig aus und endet nur in 0,25 % der Fälle tödlich. Die Impfung wird zweimalig mit einem Totimpfstoff im Abstand von sechs Monaten durchgeführt. Zehn Tage nach der ersten Impfung besteht ein ausreichender Impfschutz für sechs bis zwölf Monate, nach zwei Impfungen hält der Schutz etwa zehn Jahre an. Die Hepatitis B ist wesentlich gefährlicher: Sie führt bei etwa 10 % der Erwachsenen zu einer chronischen Infektion der Leber und kann schwere Leberschäden und Leberkrebs auslösen. Das Hepatitis-B-Virus wird durch sexuelle Kontakte und durch Blut- und Blutprodukte übertragen. Die Impfung wird bei uns vor allem für Risikogruppen wie medizinisches Personal und Personen mit häufigem Partnerwechsel empfohlen und ist auch bei Reisen in Gebiete mit hohem Durchseuchungsgrad sinnvoll. Dazu gehören China, Südostasien, der Nahe und Mittlere Osten, die Türkei und Teile Afrikas. Zur Immunisierung werden drei Injektionen mit einem Totimpfstoff im Abstand von sechs Monaten benötigt, eine Schnellimmunisierung ist mit drei Injektionen im Abstand von sieben und 14 Tagen möglich. Der Impfschutz hält etwa zehn Jahre an. Eine Kombinationsimpfung gegen Hepatitis A und B ist möglich.
Cholera-Impfung: nur bei hohem Risiko
Der Erreger der Cholera, das Bakterium Vibrio cholerae, breitet sich vor allem unter schlechten hygienischen Bedingungen aus und wird durch Nahrungsmittel und Wasser übertragen. Der Erreger befällt vorwiegend den Dünndarm und führt zu einer schweren Darmerkrankung mit plötzlich einsetzenden, extremen Durchfällen und starkem Erbrechen, meist ohne Fieber. Innerhalb von Stunden kann es zu lebensbedrohlichen Flüssigkeitsverlusten von mehreren Litern kommen, was bei 20 bis 70 % der Betroffenen zum Tod führt. Die wichtigste therapeutische Maßnahme ist der Ersatz von Flüssigkeit. Betroffen sind Nord- und Zentralafrika sowie Südamerika und Südostasien. Zwar ist das Risiko bei kürzeren Aufenthalten oder Geschäftsreisen nur gering, dennoch verlangen einige Länder bei der Einreise einen Impfnachweis. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt die Impfung nur für Personen mit einem erhöhtem Infektionsrisiko, zum Beispiel bei Hilfseinsätzen in Risikogebieten und längeren Trekkingtouren. Zur Impfung wird ein Totimpfstoff subkutan injiziert, auch eine Schluckimpfung mit einem Lebendimpfstoff ist möglich. Die Impfstoffe bieten einen Schutz von mindestens 60 %, wirken aber nicht gegen alle Stämme. Ihre Wirkung tritt nach acht Tagen ein, der Impfschutz hält sechs bis zwölf Monate an.
Polio-Schutz in Asien und Afrika
Das Poliomyelitis-Virus wird fäkal-oral übertragen, vor allem durch kontaminierte Nahrungsmittel. Das Virus vermehrt sich zunächst im Darm. In 95 % aller Fälle bleibt die Infektion unbemerkt und hinterlässt lebenslange Immunität. Bei einem kleinen Teil der Infizierten kommt es nach einer Inkubationszeit von sieben bis 14 Tagen zu Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Verdauungsstörungen. Bei 5 bis 10 % der symptomatisch Erkrankten gelangt das Virus ins Zentralnervensystem und kann eine „paralytische Poliomyelitis“, die klassische Form der Kinderlähmung, mit schlaffen Lähmungen auslösen. Ist das Zwerchfell betroffen, kommt es zum tödlichen Atemstillstand. Heilt diese Form der Polio aus, kann sie bleibende Schäden hinterlassen, vor allem Lähmungen der Gliedmaßen. In den Industrienationen kommt Polio heute dank der Impfmaßnahmen kaum noch vor, und die WHO hat im Jahr 2002 ganz Europa für poliofrei erklärt. Die Infektion findet sich aber noch in einer Reihe von Entwicklungsländern Asiens und Afrikas, und in Russland traten seit Mai 2010 die ersten vier Polio-Erkrankungen seit dreizehn Jahren auf. Die Kinder stammen aus Tadschikistan, wo derzeit über 400 Polio-Erkrankungen bekannt sind. Als Folge dürfen seit Anfang Mai Kinder unter sechs Jahren nicht mehr aus Tadschikistan nach Russland einreisen. Geimpft wird heute mit einem Totimpfstoff, mit zwei Injektionen im Abstand von ein bis sechs Monaten. Der Impfschutz beträgt etwa 90 %, beginnt 14 Tage nach der Impfung und hält sieben bis zehn Jahre an.
Indien: Typhus-Impfung empfohlen
Auch Typhus-Bakterien, Salmonella typhi, werden mit verunreinigter Nahrung und Trinkwasser aufgenommen. Die Krankheit kann sehr schwer verlaufen. Nach einer Inkubationszeit von ein bis drei Wochen entwickelt sich hohes Fieber mit schwerem Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen und Verstopfung. Im zweiten Stadium treten Hautveränderungen auf, Leber und Milz vergrößern sich stark, es kann zu Durchfällen kommen, Komplikationen wie Darmdurchbruch und Bauchfellentzündung können tödlich verlaufen. Weitere Komplikationen sind Hirnhaut-, Lungen-, Herz- und Knochenentzündungen. Typhus und der milder verlaufende Paratyphus, der durch Salmonella paratyphi ausgelöst wird, sind vor allem auf dem indischen Subkontinent sehr verbreitet. Die Infektionsgefahr für Kurzzeitreisende ist gering. Bei länger dauernden Reisen in Länder mit unzureichender Hygiene und Trinkwasserversorgung wird eine Impfung empfohlen, insbesondere in Nordafrika, Süd- und Südostasien bei Reisen unter einfachen Bedingungen und engem Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Geimpft wird mit einer einmaligen Injektion mit dem Totimpfstoff oder einer dreimaligen Schluckimpfung mit Lebendkeimen. Die Impfung schützt nur vor 50 bis 60 % der Infektionen, eine Auffrischung ist nach ein bis drei Jahren erforderlich.
Afrika und Südamerika: Impfung gegen Gelbfieber
Das Gelbfiebervirus ist in tropischen und subtropischen Gebieten vor allem in Afrika und Südamerika verbreitet, in Asien kommt es nicht vor. Das Virus wird durch tag- und nachtaktive Mücken übertragen. Der Erreger kommt vor allem in Affen vor. Sticht eine Mücke zunächst einen infizierten Affen und danach einen Menschen, kommt es zum sylvatischen oder Dschungel-Gelbfieber. In dichter besiedelten Gebieten kann das Virus von der Mücke auch von Mensch zu Mensch übertragen werden und zu epidemischen Ausbrüchen führen, was als urbanes oder Stadt-Gelbfieber bezeichnet wird. Die Infektion beginnt plötzlich mit hohem Fieber und allgemeinen Krankheitserscheinungen. Oft heilt die Krankheit danach aus. Nach einer Woche kann es jedoch zu einer dramatischen Verschlechterung mit Gelbsucht und Blutungen kommen, gefolgt von Herz-, Kreislauf-, Leber- und Nierenversagen, die oft zum Tode führen. Das Gelbfieber unterliegt einer strengen internationalen Meldepflicht. Eine Impfung ist bei der Einreise in betroffene Länder in der Regel vorgeschrieben. Verwendet wird ein Lebendimpfstoff zur Injektion, mindestens zehn Tage vor Reiseantritt. Der Mindestabstand zu anderen Lebendimpfungen beträgt vier Wochen. Die Impfung bietet einen fast 100-prozentigen Schutz und ist zehn Jahre lang gültig. In Deutschland darf sie nur von staatlich zugelassenen Gelbfieber-Impfstellen durchgeführt werden.
Schutz vor Japanischer Enzephalitis
Die Japanische Enzephalitis ist eine weitere Viruserkrankung, die durch nachtaktive Stechmücken in Feuchtgebieten übertragen wird, vor allem in ländlichen Gegenden des Reisanbaus in Ost- und Südostasien. Das Virus kommt bei Haustieren vor, insbesondere in Schweinen, aber auch bei Nagern und Vögeln, und wird von hier aus auf Menschen übertragen. Bei Kurzaufenthalten ist das Übertragungsrisiko gering. Es steigt jedoch mit der Aufenthaltsdauer im ländlichen Raum. Das Virus kann schwere Hirn- und Hirnhautentzündungen mit hohem Fieber, starken Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, Lähmungserscheinungen, Verwirrtheit und Bewusstlosigkeit auslösen. Die Sterblichkeit ist sehr hoch, heilt die Erkrankung aus, bleiben häufig Hirnschäden bestehen. Die Impfung wird für Asienreisende empfohlen, die sich mehr als einen Monat oder während mückenreichen Jahreszeiten in Endemiegebieten aufhalten. Eine dreimalige Impfung mit dem Totimpfstoff im Abstand von jeweils sieben Tagen schützt zwischen 80 und 100 %. Eine Auffrischung ist nach zwei Jahren erforderlich.
Diphtherie-Impfung: besonders für Osteuropa
Die Diphtherie wird durch Corynebakterium diphtheriae ausgelöst, das in der Regel durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion von Mensch zu Mensch übertragen wird. Die Krankheit äußert sich zunächst mit Fieber, Rachenentzündung und einer Halsschwellung. Die Bakterien produzieren Giftstoffe, vor allem das Diphtherie-toxin, die mit dem Blut auch zu entfernt von der Entzündungsstelle liegenden Organen transportiert werden und in Herz, Leber und Niere lebensbedrohliche Komplikationen auslösen können, beispielsweise eine Herzmuskelentzündung und Nervenlähmungen. Diphtherie-Bakterien können sich auch auf Hautentzündungen ansiedeln, was als Wunddiphtherie bezeichnet wird. Die Diphtherie ist heute vor allem in Osteuropa und Asien weit verbreitet. Eine Impfung gegen Diphtherie, die eigentlich laut Impfkalender der STIKO (Ständige Impfkommission) alle 10 Jahre auch bei Erwachsenen aufgefrischt werden sollte (siehe dazu auch die Tabelle auf S. 37), wird bei entsprechenden Reisezielen besonders dringend empfohlen. Geimpft wird mit einem Totimpfstoff, der das Toxoid enthält. Der Impfschutz beträgt etwa 90 %, beginnt 14 Tage nach der Impfung und hält sieben bis zehn Jahre an.
Tröpfcheninfektion: Meningokokken-Meningitis
Ebenfalls durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch wird der Erreger Neisseria meningitidis übertragen. Die Bakterien heften sich mit Hilfe kleiner Fortsätze (Pili) an die Schleimhäute des Nasenrachenraumes. Von hier aus können sie in den Organismus eindringen und eine bakterielle Hirnhautentzündungen auslösen, die gefürchtete Meningokokken-Meningitis. Die Krankheit beginnt plötzlich mit hohem Fieber, starken Kopfschmerzen und Nackensteife, es kann zu schweren Verläufen kommen, etwa 10% der Patienten sterben daran. Unterschiedliche Stämme der Meningokokken sind auf der ganzen Welt verbreitet. Besonders häufig ist die Erkrankung im so genannten „Meningitis-Gürtel“ Afrikas, südlich der Sahara und nördlich des Äquators von der Ost- bis zur Westküste, sowie in Südamerika und Asien in Regionen südlich des Himalaya. Der Impfstoff enthält die gereinigten Bestandteile der Bakterienhülle und wirkt gegen die Serotypen A, C, W135, Y. Eine einmalige Impfung ist ausreichend und schützt nach rund zwei bis drei Wochen drei Jahre lang. Bei Pilgerreisen nach Mekka verlangt Saudi-Arabien eine aktuelle Impfbescheinigung. Allerdings bietet die Impfung keinen Schutz gegen die in Mitteleuropa und Brasilien häufiger vorkommenden Meningokokken der Gruppe B.
Todesurteil Tollwut
Durch den Biss infizierter Tiere kann das Rabies-Virus übertragen werden, der Auslöser der Tollwut. Ansteckungsgefahr besteht vor allem bei Langzeitaufenthalten und Abenteuerreisen in Ländern mit hohem Risiko, zum Beispiel im Süd-Himalaya und Indien. Auch auf der Urlaubsinsel Bali, die bisher als tollwutfrei galt, traten in den vergangenen Monaten Tollwut-
erkrankungen mit derzeit über 50 Todesfällen auf. Die Infektion gleicht einem Todesurteil: Das Virus wandert ins zentrale Nervensystem und löst eine Gehirnentzündung aus, die in der Regel innerhalb von 15 bis 90 Tagen zum Tod führt. Der Impfstoff enthält abgetötete Viren und bietet nach drei Impfungen im Abstand von sieben und 21 Tagen einen relativ guten Schutz, der nach drei Wochen beginnt und drei bis fünf Jahre anhält. Eine Impfung kann auch nach dem Biss eines Tieres noch erfolgreich sein, vor allem, wenn die Wunde relativ weit vom Kopf entfernt liegt und keine Venen verletzt wurden (mehr zur Tollwut in diesem Heft auf Seite 28).