29.11.2010

Topthema

PTAheute 23-2010

Probiotika – Unterstützung für die Darmflora

Thema des Monats Dezember

von Dr. Bettina Hellwig, Konstanz

Jeder Darm ist von unzähligen Mikroorganismen besiedelt. Bei einem gesunden Erwachsenen mittleren Alters besteht dieses Ökosystem aus zehn bis 100 Billionen hauptsächlich anaeroben Bakterien, von denen sich die meisten im Dickdarm befinden. Diese Mikroben unterstützen Verdauungsvorgänge und bilden B-Vitamine sowie Vitamin K.

Jeder Mensch hat seine eigene individuelle Darmflora. Deren Zusammensetzung wird unter anderem durch die Ernährung und durch Krankheiten beeinflusst.

So genannte Probiotika, die von außen zugeführt werden, können die Darmflora ebenfalls verändern. Unter diesem Begriff werden heute lebende Mikroorganismen zusammengefasst, die dem Wirt einen wissenschaftlich belegten gesundheitlichen Nutzen bieten.

Zeitlich begrenzte Ansiedelung

Probiotika werden entweder als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen oder Lebensmitteln wie Joghurt zugesetzt. Nach der Aufnahme siedeln sich diese Mikroorganismen zeitlich begrenzt in der vorhandenen Darmflora an und verändern deren Eigenschaften. So sollen sie krankheitserregende Keime im Darm verdrängen und zum Beispiel die Dauer von Durchfallerkrankungen verkürzen. Ebenso sollen sie Allergien, Neurodermitis und Infektionen bei Frühgeborenen positiv beeinflussen.

Für viele dieser Stämme sind unterschiedliche positive Wirkungen in klinischen Studien belegt. Allerdings wurde hier jeweils nur ein bestimmter Stamm untersucht, so dass die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf andere Stämme übertragbar sind.

Verschiedene Stämme

Viele Joghurt- und Sauermilchkulturen enthalten von Natur aus Mikroorganismen. Diese werden jedoch zum größten Teil während der Passage durch Magen und Dünndarm abgetötet. Probiotisch wirksame Bakterien unterscheiden sich von herkömmlichen Milchsäurebakterien unter anderem dadurch, dass sie in ausreichender Menge in aktiver Form in den Darm gelangen, weil sie widerstandsfähiger gegen Magensäure und die Verdauungsenzyme im Darm sind und sich besser an die Darmschleimhaut anheften können.

Medizinisch eingesetzt werden 20 bis 30 verschiedene Probiotika. Dazu gehören zahlreiche Lactobacillus- und Bifidobacterium-Arten, außerdem Enterococcus faecium, Streptococcus thermophilus, Propionibacteria und Escherichia coli sowie der Hefepilz Saccharomyces boulardii (auch cerevisiae).

Vielfältige Wirkungen

Probiotika haben vielfältige Wirkungen: Sie führen zu einer Senkung des intestinalen pH-Werts, produzieren bakterizide­ Substanzen wie kurzkettige Fettsäuren und Wasserstoffperoxid und setzen Subs-tanzen wie Arginin und Glutamin frei, die im Verdauungstrakt als Schutzfaktoren wirken. Wahrscheinlich können einige Bakterienkulturen auch pathogene Substanzen absorbieren und abbauen.

Probiotika können außerdem eine Laktoseintoleranz bessern. Sie fördern die Verdauung von Laktose, indem sie Beta-Galactosidase bilden, die die Hydrolyse von Laktose im Darm unterstützt.

Die Mikroben der Darmflora stehen im ständigen Kontakt mit der Schleimhaut des Darms, die eine Vielzahl an Immunzellen beherbergt, und beeinflussen so die Abwehrkräfte des Körpers. Von außen zugeführte Probiotika beeinflussen nachweisbar die Immunzellen im Darm: Unter anderem aktivieren sie Fresszellen, die Makrophagen, und regeln die Antikörperproduktion und die Freisetzung von Zellbotenstoffen wie Interferonen und Tumornekrosefaktor.

Besserung von Verdauungsbeschwerden

Nachgewiesen ist auch, dass sich leich-te unspezifische Verdauungsprobleme, zum Beispiel bei Menschen mit einem Reizdarmsyndrom, durch den regelmäßigen Verzehr des probiotischen fermentierten Milchproduktes Activia® mit der probiotischen Kultur Bifidobacterium lactis bessern können. So verzehrten in einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie 197 Frauen mit leichten unspezifischen Verdauungsproblemen im Alter zwischen 18 und 60 Jahren über vier Wochen entweder zweimal täglich 125 g fermentierte Milch mit Bifidobacterium lactis oder ein nicht-fermentiertes Kontrollmilchprodukt.

Bei den Patienten, die die Probiotika erhalten hatten, traten Verdauungsbeschwerden, wie Bauchschmerzen, Blähungen, Flatulenz und Bauchgrummeln, seltener auf als bei den Patienten der Kontrollgruppe. Das „Darmwohlbefinden“ war unter der Probiotika-Anwendung nach vier Wochen signifikant besser, und Verdauungsprobleme ließen deutlich nach. Für diese Wirkung ist allerdings eine regelmäßige Einnahmen nötig: Wurden die Probiotika abgesetzt, gingen die positiven Wirkungen innerhalb von vier Wochen zurück.

Hilfe gegen Durchfall

Verschiedene Bakterienkulturen können durch Rotaviren und andere Erreger ausgelöste Durchfälle verhindern oder ihre Dauer verkürzen. Nach heutigem Wissensstand sollten für diesen Zweck vor allem Präparate mit Saccharomyces boulardii oder Lactobacillus GG empfohlen werden, für die eine entsprechende Wirkung in wissenschaftlichen Studien als ausreichend belegt gilt.

Probiotika eignen sich auch zur Vorbeugung und Behandlung von Diarrhöen durch eine Therapie mit Antibiotika, bei der die nützlichen Darmbakterien abgetötet werden. Probiotika beschleunigen die Regeneration der natürlichen Darmflora und verkürzen dadurch die Dauer dieser Durchfälle. Ein Probiotikum kann standardmäßig zur Antibiotikatherapie empfohlen werden, bei der Einnahme sollte ein Abstand von rund zwei Stunden zu den Antibiotika eingehalten werden.

In einer britischen Studie reduzierte die zweimal tägliche Einnahme eines probiotischen Joghurtdrinks mit Lactobacillus casei, Lactobacillus bulgaricus und Streptococcus thermophilus während und nach einer Antibiotikatherapie die Zahl von Diarrhöen bei insgesamt 135 älteren Patienten mit einem Durchschnittsalter von 74 Jahren: In der Joghurt-Gruppe entwickelten in der Woche nach der Antibiotikaeinnahme 12 % und in der Kontrollgruppe 34 % der Patienten eine Diarrhö.

Entzündliche Darmerkrankungen

Auch der Einsatz von Probiotika bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn könnte sinnvoll sein. Die Darmflora von Patienten mit der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn unterscheidet sich von der Darmflora Gesunder: Die Erkrankten haben mengenmäßig weniger und auch weniger unterschiedliche Darmbakterien der Abteilung Firmicutes, vor allem ist die Art Faecalibacterium prausnitzii verringert. Wahrscheinlich haben diese Bakterien eine entzündungshemmende Wirkung, die zumindest teilweise auf ausgeschiedene Metabolite zurückzuführen ist. Der Einsatz von F. prausnitzii als Probiotikum könnte ein neuer Ansatz zur Therapie von Morbus Crohn sein; derzeit wird der Einsatz dieser Darmkeime an Tieren getestet.

Neurodermitis und Ekzeme

In Australien zeigten Probiotika in einer Studie an über 50 Kleinkindern mit Hautekzem eine gute Wirkung: Je die Hälfte erhielt über einen Zeitraum von acht Wochen ein Probiotika-Präparat oder ein Placebo. Nach weiteren acht Wochen ohne Behandlung hatten die Kinder aus der Verumgruppe deutlich weniger Ekzeme als diejenigen, die das Scheinpräparat erhalten hatten.

Bereits 2001 war in einer finnischen Studie die Zahl von Neurodermitis-Fällen bei atopisch gefährdeten zweijäh­rigen Kindern um fast 50 % gesunken, wenn ihre Mütter vier Wochen vor und sechs Monate nach der Geburt ein Lactobacillus-Präparat eingenommen hatten. Dieser präventive Effekt blieb auch noch nach vier Jahren bestehen, insgesamt wurde das Risiko um 43 % reduziert.

Bisher kein Nachweis zur Prävention von Infekten

Probiotika sollen auch zur Prävention von respiratorischen Infekten, Autoimmunerkrankungen, in der Darmkrebs- und Kariesprävention, bei Hy­percholesterinämie und zur Optimierung der Mineralstoffresorption nützlich sein. Hier sind jedoch noch klinische Studien mit größeren Probandenzahlen notwendig, bevor klare Aussagen darüber gemacht werden können, ob und welche dieser Probiotika-Effekte medizinisch nutzbar sind. In einer kleinen Studie zeigten Wissenschaftler der Universität Newcastle, dass Milchsäurebakterien Sportlern mit einem schwachen Immunsystem wieder auf die Beine helfen können. Bei acht Sportlern war die Produktion von Interferon gamma erniedrigt, und sie hatten im Speichel vermehrt Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Dieses Interferondefizit konnte durch eine vierwöchige Behandlung mit Lactobacillus acidophilus wieder ausgeglichen werden.

Vorsicht bei Schwerkranken

Nicht immer wirken sich Probiotika vorteilhaft auf den Organismus aus. Für Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder schweren Grunderkrankungen können sie sogar schädlich sein. So führten Probiotika bei 298 Patienten mit einer akuten Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) in einer randomisierten kontrollierten Studie in den Niederlanden zu einer deutlich erhöhten Sterblichkeit. Die Probiotika sollten Entzündungskeime im Darm bekämpfen, weil Antibiotika nicht mehr halfen. Mit den Probiotika, so die Hoffnung der Ärzte, sollte die Darmflora hin zu weniger pathogenen Keimen verändert werden.

Dazu erhielten die Patienten randomisiert und verblindet maximal vier Wochen lang zweimal täglich entweder ein Gemisch aus sechs verschiedenen Lactobacillus- und Bifidobacterium-Spezies oder ein Placebo. Als Folge kam es innerhalb kurzer Zeit zu schweren Komplikationen im Darm, und unter der Probiotika-Einnahme starben statistisch signifikant mehr Patienten als unter Placebo (24 Todesfälle vs. neun Todesfälle unter Placebo). Hier kam es bei neun Patienten zu einer Darm-Ischämie, die bei acht Patienten tödlich endete, unter der Placebo-Behandlung trat diese Komplikation nicht auf.

Möglicherweise hat die zusätzliche Gabe von etwa zehn Milliarden Bakterien den durch die Pankreatitis vorgeschädigten Darm mit ohnehin einge-schränkter Durchblutung der Darmschleimhaut überfordert, und die Blutgefäße konnten den erhöhten Sauerstoffbedarf nicht mehr decken. Die probiotischen Bakterien könnten sogar die entzündlichen Vorgänge in der Mukosa gesteigert haben.

Nach den Ergebnissen dieser Untersuchung sind Probiotika keine harmlosen Nahrungsergänzungen, insbesondere nicht für Patienten mit schweren Erkrankungen. Auch bei Patienten auf einer Intensivstation ist häufig der Darm so stark geschädigt, dass Probiotika dort wahrscheinlich eher schaden als nützen.