10.01.2011

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Atemwegsinfekte – Bei hohem Fieber zum Arzt

Thema des Monats Januar

von Dr. Bettina Hellwig, Konstanz

Rund viermal pro Jahr leidet jeder Erwachsene unter einem relativ harmlosen grippalen Infekt, der vor allem zu einer verschnupften Nase führt. Die echte Virusgrippe, die Influenza, ist dagegen glücklicherweise seltener, denn sie verläuft meist schwerer und kann sogar tödlich enden. Für beide Infektionskrankheiten sind unterschiedliche Viren verantwortlich.

Während ein grippaler Infekt, eine Erkältung, in erster Linie unangenehm und lästig ist und in der Regel komplikationslos innerhalb einer Woche ausheilt, führt die echte Grippe, die Influenza, meistens zu einem schweren Krankheitsgefühl mit stark eingeschränkter Leistungsfähigkeit. Eine Virusgrippe dauert in der Regel ein bis zwei Wochen und beeinträchtigt Erkrankte anschließend noch wochenlang.

Der auffälligste Unterschied: Bei einem grippalen Infekt machen sich die typischen Erkältungserscheinungen Husten, Schnupfen oder Halsweh langsam bemerkbar und werden innerhalb von ein bis drei Tage stärker. Eine Virusgrippe beginnt dagegen plötzlich, oft innerhalb weniger Stunden, und führt rasch zu Schüttelfrost, starken Kopf- und Gliederschmerzen, Halsschmerzen und Heiserkeit. Typisch ist ein trockener Husten von Beginn an und starkes Fieber mit Temperaturen über 38 °C.

Ein Schnupfen heilt normalerweise innerhalb von einer Woche aus. Eine Virusgrippe benötigt bis zu 14 Tage, kann aber noch über längere Zeit ein allgemeines Schwächegefühl hinterlassen.

Symptome ernst nehmen

Weil eine Grippe im Gegensatz zur Erkältung mit lebensgefährlichen Komplikationen einhergehen kann, sollte sie immer ärztlich behandelt werden. So kann es durch die Ausbreitung der Grippeviren in die Lunge zu einer viralen Lungenentzündung kommen. Auch können die Viren den Körper so stark schwächen, dass Erkrankte innerhalb weniger Stunden am Herz-Kreislauf-Versagen sterben.

Pro Jahr sterben bei uns zwischen 5.000 und 10.000 Menschen an den Folgen der Influenza. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Personen mit schwerwiegenden Grunderkrankungen, wie Asthma bronchiale und chronisch obstruktiver Bronchitis (COPD). Vor allem Raucher müssen bei einer Grip-peinfektion durch die Vorschäden an den Atemwegen vermehrt mit Komplikationen rechnen. Sie haben auch ein erhöhtes Risiko für die tödlichen Folgen einer Grippe.

In den ersten 48 Stunden nach Krankheitsausbruch können Grippeviren mit den Neuraminidasehemmern Zanamivir und Oseltamivir wirkungsvoll bekämpft werden, so dass der Verlauf der Erkrankung abgemildert wird. Patienten, bei denen der Verdacht auf eine Virusgrippe besteht, sollten daher möglichst rasch einen Arzt aufsuchen.

Schnelltest ist möglich

Der Arzt kann den Grippeerreger in den ersten Tagen nach Krankheitsbeginn mit einem Schnelltest nachweisen, der das Ergebnis innerhalb von 15 Minuten anzeigt. Bei diesem Test werden Virusproteine mit einem farblich markierter Antikörper auf einem Teststreifen sichtbar gemacht. Als Probenmaterial dienen Nasenspülflüssigkeit und Nasen- oder Rachenabstriche. Der Test zeigt in rund 80 % der Fälle eine Infektion mit dem Influenzavirus korrekt an, kann allerdings zum Beispiel durch Nahrungsaufnahme leicht verfälscht werden, da die Anzahl der Viren im Rachenraum dann verringert ist. Spezifischer, allerdings auch aufwendiger und teurer, ist der Test mit der Polymerase-Chain-Reaction, der PCR, bei dem die Gene des Erregers nachgewiesen werden.

Erkältung durch Rhinoviren

Der harmlosere grippale Infekt wird durch verschiedene Virustypen ausgelöst, unter anderem das Respiratory-Syncytial-Virus, das Adenovirus und das Enterovirus.

In rund der Hälfte der Fälle sind Rhinoviren verantwortlich, die zur Virusgruppe der Picornaviridae gehören, zur selben Familie wie das Poliovirus. Ihre Bezeichnung leitet sich von der griechischen Silbe „pico“ für klein und der Abkürzung „RNA“ für die enthaltene Erbsubstanz ab. Rhinoviren bestehen aus einzelsträngiger Virus-RNA, die nicht von einer Lipidschicht umhüllt wird, sie ist sozusagen „nackt“.

Rhinoviren vermehren sich am besten bei Temperaturen von 3 °C bis 33 °C, also unterhalb der Körpertemperatur. Bei nass-kaltem Wetter ist die Infektionsgefahr besonders groß: Wenn der Mensch friert, ziehen sich die Blutgefäße in der Nasenschleimhaut zusammen. Die Temperatur sinkt, und jetzt fühlen sich die Viren besonders wohl, wie auch die Bezeichnung „Erkältung“ aussagt.

Viren zerstören das Nasenepithel

Eine Infektion mit Rhinoviren bleibt in der Regel auf die Schleimhäute des Nasen- und Rachenraums beschränkt. Die Viren können aber auch tiefer vordringen und zu schwereren Erkrankungen führen. Außerdem können sie ein Asthma bronchiale oder eine chronisch obstruktive Bronchitis verschlimmern. Nach der Infektion zerstören die Viren innerhalb von 48 Stunden das Epithel im Nasen- und Rachenbereich. Auf diese Attacken reagiert der menschliche Körper mit einer Entzündung der Nasenschleimhaut, die zu den typischen Schnupfensymptomen führt. Die Gefäße werden durchlässiger, Flüssigkeit tritt aus, die Nase läuft. Später schwillt die Schleimhaut auf bis zu einen halben Zentimeter Dicke an, wodurch das Atmen durch die Nase so gut wie unmöglich wird. Hinzu kommen eventuell Unwohlsein und Kopfschmerzen. Zur spezifischen Abwehr von Rhinoviren stehen keine wirksamen Arzneimittel zur Verfügung. Eine Bekämpfung ist daher kaum möglich, aber auch nicht nötig, da das menschliche Immunsystem alleine mit der Infektion fertig wird. Der Körper stellt sich innerhalb von einer Woche auf die viralen Angreifer ein. In der Regel ist ein Schnupfen nach dieser Zeit meist vorbei und heilt ohne Folgeschäden ab.

Kugelförmige Influenzaviren mit Hülle

Auch die echte Grippe beschränkt sich beim Menschen normalerweise auf die oberen Atemwege. Erreger der echten Grippe sind vor allem die Influenza-

viren der Typen A und B. Diese Viren sind kugelförmig und besitzen eine Hülle. Hier sind unterschiedliche Proteine und Glykoproteine verankert, die als stachelförmige Fortsätze über die Virusoberfläche hinausragen. Dazu gehören Hämagglutinin („H“) und Neuraminidase („N“), deren Form charakteristisch für den jeweiligen Virustyp ist. Die harmloseren Influenza-C-Viren sind etwas einfacher aufgebaut und besitzen keine Neuraminidase.

Hämagglutinin sorgt für die Verschmelzung von Virushülle und Zellmembran, so dass das Virusgenom ins Zellinnere gelangen kann. Normalerweise bindet das Virusprotein an Zellen in den oberen Atemwegen. Durch Veränderungen kann es aggressiver werden und Infektionen des Gehirns, der Skelettmuskulatur und des Herzmuskels auslösen.

Neuraminidase wirkt als „enzymatische Schere“. Das Enzym ist notwendig, damit die in der Zelle neu gebildeten Viren diese wieder verlassen können. Es spaltet das Virus-Hämagglutinin und die Sialinsäure an der Zelloberfläche und zerschneidet so die Bindungsstellen der neu entstehenden Viren, so dass diese in die Umgebung freigesetzt werden und dort weitere Zellen infizieren können.

Gefährliche Subtypen durch Antigen-Shift und -Drift

Die Oberflächenantigene Hämagglutinin und Neuraminidase verändern sich durch Mutationen so schnell, dass sie die Immunabwehr immer wieder unterlaufen können, was als Antigendrift bezeichnet wird.

Die Entstehung eines völlig neuen Subtyps, der zum Beispiel durch Austausch von genetischem Material eines menschlichen Influenza-A-Virus mit einem Vogelgrippevirus entsteht, bezeichnet man als Antigenshift. Dadurch kann sich ein Influenza-A-Virus so stark verändern, dass es gleichermaßen Tiere und Menschen infizieren kann.

Influenza-B-Viren befallen ausschließlich den Menschen. Sie können gefährlich werden, wenn das Oberflächenprotein Hämagglutinin sich so verändert, dass es sich an viele unterschiedliche Körperzellen anheften und deshalb zu schweren Krankheitsverläufen führen kann.

Die Bezeichnung eines Virusstamms richtet sich nach dem Virustyp, dem Ort der erstmaligen Isolierung, der Isolierungsnummer und dem Isolierungsjahr (z. B. Influenza B/Shanghai/361/2002). Influenza-A-Viren werden zusätzlich nach dem Oberflächenantigen benannt, zum Beispiel Influenza A/California/7/2004 (H3N2).

Bisher wurden alle gefährlichen Epidemien von Typ-A-Viren ausgelöst. Das so genannte Vogelgrippevirus war ein Typ-A-Virus vom Subtyp A/H5N1, die „Neue Grippe“ oder „Schweinegrippe“ wurde durch das Influenza-A-Virus H1N1 verursacht. Beide Virustypen waren nicht so gefährlich wie ursprünglich befürchtet. So wurde das Vogelgrippevirus bisher nicht von Mensch zu Mensch übertragen, und die „Neue Grippe“ verlief bislang in der Regel leicht und ohne Komplikationen. Dabei besteht immer die Gefahr, dass sich ein Virus durch Mutationen so stark verändert, dass es gefährlich wird.

Grippeimpfung: Wettrennen von Hase und Igel

Die hohe Mutationsrate ist auch der Grund dafür, dass die Grippeimpfung jährlich angepasst und erneuert werden muss. Nur so kann das Immunsystem den jeweils neuen Erreger kennenlernen und im Ernstfall rechtzeitig aktiv werden. Dieses Wettrennen zwischen der Grippeimpfung, dem langsamen Igel, und dem neuen Erreger, dem schnellen Hasen, können wir Menschen nur gewinnen, wenn wir den Igel, also die Impfung, rechtzeitig vor der Grippewelle zwischen September und November an den Start bringen. Bei einer drohenden Grippewelle ist die Impfung auch zu einem späteren Zeitpunkt noch sinnvoll. Der Impfschutz ist nach rund zwei Wochen voll ausgebildet und hält für etwa sechs Monate an. Welche Virusstämme im Impfstoff enthalten sind, wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich neu entschieden.

Keine Impfung gegen Rhinoviren

Weit unterschiedlicher als Influenzaviren sind die Erreger des grippalen Infekts. Vom häufigsten Erreger, den Rhinoviren, sind über 100 Serotypen bekannt. Aus diesem Grund hinterlassen Infektionen mit diesen Erregern nur kurzzeitig eine Immunität gegen die jeweiligen Virustypen und schützen nicht vor einer erneuten Infektion mit einem anderen Serotyp. Deshalb konnte bisher auch noch keine Schutzimpfung entwickelt werden.

Tröpfcheninfektion und direkte Übertragung

Sowohl die Erreger des grippalen Infekts als auch der echten Virusgrippe werden mit verschiedenen Körperflüssigkeiten beim Niesen oder Husten von bereits infizierten Menschen ausgeschieden und dann über die Luft eingeatmet (Tröpfcheninfektion) oder direkt über Hände und Gegenstände durch den Mund aufgenommen (Schmierinfektion). Auf glatten Oberflächen können die Viren zwei Tage lang aktiv bleiben. Besonders leicht werden die Viren in Menschenansammlungen übertragen. Einen Schutz vor Ansteckung und Verbreitung bieten Atemmasken. Eine weitere vorbeugende Maßnahme ist regelmäßiges Lüften, weil so die Viruskonzentration in der Raumluft verringert wird. Ebenso schützt regelmäßiges gründliches Händewaschen und Desinfizieren der Hände vor einer Ansteckung. Außerdem sollte man besonders in Erkältungszeiten die Hände vom Gesicht fernhalten.

Antibiotika bei bakteriellen Sekundärinfektionen

Sowohl beim grippalen Infekt als auch bei der Grippe besteht nach der Ausheilung der Virusinfektion die Gefahr, dass sich Bakterien auf dem geschädigten Gewebe festsetzen, vermehren und zu bakteriellen Superinfektionen führen. So kann es bei Erkältungskrankheiten zu Vereiterungen der Stirn- und Nasennebenhöhlen kommen.

Bei einer Grippe besteht unter anderem die Gefahr einer bakteriellen Pneumonie, weil hier die Virus-Neuraminidase die Oberflächenstruktur der Epithelzellen verändert und so das Wachstum der Bakterien begünstigt.

Diese bakteriellen Sekundärinfektionen sprechen im Gegensatz zu den Viren meistens gut auf eine Behandlung mit Antibiotika an.