02.05.2011

Topthema

PTAheute 9-2011

Haarige Nebenwirkungen

Thema des Monats Mai

von Dr. Michael Schmidt, Rottenburg

Viele Arzneimittel haben Auswirkungen auf Haarwuchs, -farbe und -struktur. Zu den besonders unerwünschten Wirkungen zählen Haarausfall und Haarverfärbungen. In anderen Fällen machte man die beobachtete Nebenwirkung der Haarwuchsförderung zur Hauptwirkung. Der folgende Beitrag zeigt Beispiele.

Blick in die Rote Liste

Bei Veränderungen ihrer Haarpracht verstehen Männer und Frauen keinen Spaß. Entsprechende Klagen in der Apotheke über Haarprobleme nach Einnahme bestimmter Pharmaka lassen sich mit einem Blick in den Nebenwirkungsteil der Roten Liste sowie die Gebrauchs- oder Fachinformation schnell verifizieren. Kopfhaarverlust oder Alopezie sind unter den Nebenwirkungen gelistet, die die Haut betreffen. ­Haarprobleme können bei vielen Arzneimitteln auftreten, meist jedoch sind sie selten, dosisabhängig und ­reversibel.

Folgende Wirkstoffe führen häufig zu Haarausfall:

  • das Parkinsonmittel ­Bro­mocriptin,
  • das Antihypertonikum Cap­to­­pril (ACE-Hemmer),
  • das Antiepileptikum Car­bam­azepin,
  • das Antiepileptikum und Antipsychotikum Valproinsäure,
  • Zytostatika wie Cyclophosphamid, Carmustin, Etoposid, Ifosfamid, ­Lomustin, Vinblastin, Vincristin oder Vinorelbin,
  • die als Immunmodulatoren eingesetzten Interferone.

Viele mögliche Ursachen

Die Mechanismen, die einen ­diffusen, meist in der Scheitelregion beginnenden Haarausfall zur Folge haben, sind unterschiedlich. So hemmen die vor allem in der Krebstherapie ein-gesetzten Zytostatika die Zellteilung, während Vitamin A ­(Retinol) und ihre Derivate (Vita-min-A-Säure) den Verhornungsprozess im Haarfollikel stören. Zur Blutverdünnung verwendete Pharmaka wie Heparine oder Cumarine ­beeinflussen den Blutfluss an der Haarwurzel, während Lipidsenker am Strukturaufbau durch Blockade der Cholesterinsynthese ansetzen. Blutdrucksenker aus der Gruppe der ACE-Hemmer (Beispiele: Perindopril, Trandolapril) fangen durch Komplexbildung das für die Haarstabilität wichtige Zink ab. Schilddrüsentherapeutika (Thyreostatika), Androgene, Gestagene und Anabolika bringen den Hormonhaushalt durcheinander. Bei so manchen ­weiteren Arzneimitteln ist die Ursache für den Haarverlust noch unbekannt.

Haaraustrocknung, Haarverfettung und Haarverkleben können – wie beim ­Antimykotikum Ketoconazol – Vorboten eines medikamentös bedingten Haarausfalls sein.

Spezialfall: Hirsutismus

Der medizinische Fachbegriff Hirsutismus (lateinisch: hirsutus = stachelig) bezeichnet eine verstärkte, dem männlichen Behaarungstyp entsprechende Körper- und Gesichtsbehaarung der Frau. Pschyrembels Klinisches Wörterbuch nennt als bekannte Beispiele für medikamentöse Ursachen bei weiblichem Bartwuchs Androgene, Glucocorticoide, Acetazolamid, Danazol, ­Diazoxid, Minoxidil, Phenytoin und Spironolacton.

Bei den einzelnen Pharmaka spielt neben Dosis und Therapiedauer insbesondere auch die individuelle Empfindlichkeit eine wesentliche Rolle. Nach Fortlassen des auslösenden Medikaments bilden sich die Symptome in der Regel von selbst zurück, wobei Geduld erforderlich ist.

Haarverluste durch „die Pille“

Zu den potenziellen Auslösern von Haarausfall zählen auch orale Kontrazeptiva. Häufig handelt es sich dabei um Kombinationspräparate aus einem Estrogen und einem Gestagen. Zu den Gestagenen mit hoher androgener Partialwirkung, also höherem Haarverlustrisiko, zählen Norethisteronaceat, Norgestrel und Levonorgestrel. Frauen mit Neigung zur androgenetischen Alopezie sollten eher zu oralen Kontrazeptiva greifen, die Desogestrel, Gestoden oder Cyproteronacetat als Gestagen enthalten.

(Quelle: MMP Nr. 10 / 2000, S. 319)

Nach der Anwendung von Minoxidil: haariges Baby

Die Fachpresse meldete 1987 eine ungewöhnliche Folge eines Minoxidil-Einsatzes bei maligner Hypertonie einer Schwangeren.

Das Kind wies bei der Geburt eine fell-artige Überbehaarung an Rücken und an den Extremitäten auf. Diese Hypertrichose nahm in den Monaten nach der Geburt und nach dem Absetzen der mütterlichen Medikation ab.

(Quelle: Apotheker-Zeitung Nr. 29 / 1987)

Phyto-Hilfe ­Cimicifuga

Extrakte aus der Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) werden schon lange in der Behandlung von prämenstruellen Störungen sowie Wechseljahresbeschwerden der Frau eingesetzt. Neuer sind die Erkenntnisse zum Haardichte- und -dicke-fördernden Potenzial bei topischer Applikation. Vermutet werden nicht näher bekannte estrogenartige Effekte.

(Quelle: Pharmazeutische Zeitung Nr. 38 / 2003, S. 44)

Verfärbtes Haar

Das in der Gichtbehandlung eingesetzte Allopurinol enthält in der Gebrauchsinformation den Hinweis, dass es zu Haarausfall und Verfärbungen des Haars führen kann.

Auch von den Malariamitteln Chloroquin und Mefloquin sowie von verschiedenen Zytostatika sind Pigmentierungsstörungen an Haut und Haaren bekannt. Wer unvorsichtig mit dem topischen Aknemittel Benzoylperoxid in der Nähe der Frisur hantiert, braucht sich über gebleichte Haare nicht zu wundern. Nicht immer wird von den Betroffenen die Haarverfärbung als negativ empfunden: In Studien mit dem Leukämie-Medikament Imatinib fiel auf, dass sich bei einem von zehn behandelten grauhaarigen Patienten innerhalb von zwei Monaten wieder die ursprüngliche Haarfarbe ent­wickelte.

Vorsicht: veränderter Haaransatz

Nach Anwendung des Antiallergikums Terfenadin wurde gelegentlich über dünner werdende Haare berichtet.

Zum Lipidsenker Pravastatin findet man in der Roten Liste den Hinweis auf mögliche „Abnormalitäten des Haaransatzes / der Haare, einschließlich Alopezie“.

Viel mehr Haare als zuvor

In der Regel verbindet der Laie Arzneimittelnebenwirkungen mit negativen Konsequenzen. Manchmal führen in klinischen Studien beobachtete Nebeneffekte zu einem vorher nicht geplanten Anwendungsgebiet. Das wohl berühmteste Beispiel ist Sildenafil, das zur Behandlung von Lungenhochdruck entwickelt wurde und als Potenzmittel unter dem Namen Viagra® weltweit Karriere machte.

Nicht die potenz-, sondern die haarwuchsfördernde Nebenwirkung wird bei Finasterid gezielt genutzt. Bei der Behandlung von Männern zeigte sich, dass der 5α-Reduktasehemmer nicht nur die gutartig vergrößerte Prostata zum Schrumpfen, sondern auch gelichtetes Haupthaar zum Sprießen brachte. Im Handel findet man neben Proscar® 5 mg Filmtabletten (und vielen Generika) zur Behandlung der benignen Pros-tatahyperplasie Propecia® 1 mg Filmtabletten mit der Indikation „Frühe Stadien der androgenetischen Alopezie bei Männern“.

Eine ähnliche Entwicklung nahm das Antihypertonikum Minoxidil. Der Vasodilatator senkt als Lonolox® 2,5 oder 10 mg Tabletten erhöhte Blutdruckwerte. Unter dem Handelsnamen Regaine® finden sich äußerlich anzuwendende Lösungen für Frauen (20 mg / ml) bzw. Männer (50 mg / ml) und dem Anwendungsgebiet „Androgenetische Alopezie“. Wer Rezepturen bevorzugt, wird im Neuen Rezeptur-Formularium fündig – die Monographie lautet „Minoxidil-Haarspiritus 2 % / 5 % NRF 11.121“. Mögliche Nebenwirkungen sind Schwindel und Herz/ Kreislauf-Probleme – nicht überraschend bei Kenntnis der Pharmakologie des Wirkstoffs

Verfasser

Dr. Michael Schmidt, Fachapotheker für öffentliches Gesundheitswesen und Fachjournalist, Pfeiferstr. 15, 72108 Rottenburg