02.01.2012
Topthema
PTAheute 1+2-2012
Angriff auf die Pfunde – Therapie der Adipositas
Thema des Monats Januar

von Dr. Iris Hinneburg, Halle (Saale)
Gerade bei sehr starkem Übergewicht stellt sich die Frage: Was tun, wenn Diätversuche auf eigene Faust nicht erfolgreich waren? Denn dass die Pfunde purzeln müssen, steht aus medizinischer Sicht außer Frage. Optionen für die Behandlung der Adipositas stellt Ihnen der folgende Artikel vor.
Eine der Epidemien des 21. Jahrhunderts ist die Adipositas. Das Übergewicht verursacht zahlreiche Folgekomplikationen und kommt das Gesundheitssystem teuer zu stehen.
Experten schätzen, dass für die Behandlung von Folgekomplikationen des Übergewichts Kosten in Höhe von jährlich etwa 13 Milliarden Euro entstehen. Ein Grund mehr, sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Behandlung nach Leitlinien
Eine Behandlung des Übergewichts empfiehlt die Leitlinie der Deutschen Adipositas-Gesellschaft spätestens ab einem BMI von 30. Aber schon vorher, ab einem BMI von 25, kann es notwendig sein, das Gewicht zu senken. Das ist beispielsweise der Fall, wenn weitere Risikofaktoren vorliegen, wie Hypertonie, Typ-2-Diabetes oder ein bedenklicher Bauchumfang.
Vor der Diät zum Arzt
Stark übergewichtige Kunden sollten Sie zuerst an einen Arzt verweisen: Er stellt fest, ob Erkrankungen am Übergewicht beteiligt sind und bei bestimmten Risikokonstellationen eine Ernährungsberatung notwendig ist. Gerade wenn sehr viel abgenommen werden sollte, ist ein Check-up beim Arzt ratsam.
Ernährungsumstellung
Die Grundlagen einer erfolgreichen Adipositastherapie sind Ernährung und Bewegung. Als Start in eine Diät wird in der Leitlinie die Reduktion des meist erhöhten Fettanteils in der Nahrung genannt. In einer zweiten Stufe soll der Verzehr von kalorienarmen pflanzlichen Produkten, vor allem Obst und Gemüse, erhöht werden. Da diese Lebensmittel gut sättigen, kann bei den energieliefernden Nährstoffen Fett, Kohlenhydraten und Eiweiß Kalorien eingespart werden. Diese „energiereduzierte Mischkost“ führt über einen Zeitraum von einem Jahr zu etwa 5 Kilo Gewichtsverlust.
Gewicht reduzieren und halten
Grundsätzlich werden bei der Ernährungsumstellung zwei Phasen unterschieden: Zu Beginn soll Körpergewicht reduziert werden, im Anschluss soll das niedrigere Gewicht gehalten werden. Formulaprodukte können zu Beginn der Gewichtsreduktion zu schnellen Erfolgen führen. Der Gewichtsverlust bleibt jedoch nur dauerhaft, wenn nach der Einstiegsphase auf energiereduzierte Mischkost umgestiegen wird.
Vermehrte Bewegung – im Alltag oder als Sport – verbraucht ebenfalls Kalorien und unterstützt so das Abnehmen.
Die Leitlinie weist explizit darauf hin, dass verhaltenstherapeutische Ansätze die Gewichtsreduktion unterstützen können. Dazu gehört es beispielsweise, dass die Patienten sich unter Anleitung selbst beobachten:
Wie viel essen sie wann, wo und warum? Wo kommt Bewegung vor?
Auswahl von Antiadiposita
| Wirkstoff (Handelsname) | Abgabestatus | Wichtige Hinweise |
|---|---|---|
| Orlistat (Orlistat Hexal, Xenical®, alli®) | Rp/Ap | Nebenwirkungen: u. a. Blähungen, Durchfall, Fettstühle |
| Norpseudoephedrin (Antiadipositum X 112 T®) Phenylpropanolamin (Recatol® mono, Boxogetten® S-vencipon) Amfepramon (Regenon®) |
Rp Rp Rp |
Kontraindikationen u. a.: schwere Hypertonie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen,psychische Erkrankungen, Hyperthyreose, Tachykardie, Diabetes, Erkrankungen von Nieren und Prostata |
Ernährungstagebuch und Bewegungsprotokoll
Das kann beispielsweise im Rahmen eines Ernährungstagebuchs bzw. eines Bewegungsprotokolls festgehalten werden. Auf dieser Basis können dann konkrete Veränderungen angegangen werden. Deshalb ist es für Übergewichtige sinnvoll, an einer entsprechenden Schulung teilzunehmen. Qualitätskriterien für diese ambulanten Adipositas-Programme hat die Deutsche Adipositas-Gesellschaft auf ihrer Homepage zum Download veröffentlicht (www.adipositas-gesellschaft.de).
Adipositas bei Kindern
Übergewicht bei Kindern ist mehr als „ein bisschen Babyspeck“. Durch die überflüssigen Pfunde haben sie die gleichen Gesundheitsrisiken wie Erwachsene – aber sie müssen damit deutlich länger leben. Deshalb gilt der Gewichtsreduktion bei Kindern ein besonderes Augenmerk. In vielen Städten gibt es spezialisierte Praxen oder Ambulanzen, die sich besonders um übergewichtige Kinder kümmern.
Spezielle Programme für Kinder
Sinnvoll ist es auch, wenn Kinder und Eltern an speziellen Programmen teilnehmen, wie sie etwa von Kliniken oder Krankenkassen angeboten werden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat der Thematik eine eigene Internet-Seite gewidmet (siehe Internet-Links). Hier finden Sie auch Hinweise zu Qualitätskriterien, mit deren Hilfe sich geeignete Adipositasprogramme finden lassen. Zusätzlich können Sie hier Broschüren herunterladen oder bestellen.
Ernährungsberatung in der Apotheke
Auch die Apotheke ist ein guter Ort, um Ernährungsberatung anzubieten. Die Bundesapothekerkammer hat Leitlinien und Arbeitshilfen erstellt, die die Arbeit in der Apotheke erleichtern und strukturieren sollen.
Wer Ernährungsberatung anbietet, sollte natürlich über eine entsprechende Qualifikation verfügen. PTA können sich im Bereich Ernährung weiterbilden. Apotheker können im Rahmen der Weiterbildung die Zusatzbezeichnung „Ernährungsberatung“ erwerben. Kurse bieten beispielsweise das Wipta oder die Apothekerkammern der Länder an.
Medikamentöse Therapie
Eine medikamentöse Behandlung wird als Zusatztherapie zu Ernährung, Bewegung und Schulung nur dann empfohlen, wenn der Patient innerhalb von drei bis sechs Monaten sein Gewicht nicht mindestens um fünf Prozent reduzieren kann und Abnehmen aus medizinischen Gründen aber dringend nötig ist. In den letzten Jahren wurden immer wieder Antiadiposita wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen. So sind bei der Behandlung mit Sibutramin (Reductil®) schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgetreten, unter Rimonabant (Acomplia®) kam es vermehrt zu schweren psychischen Nebenwirkungen.
Orlistat und Sättigungsmittel
Derzeit sind als Antiadiposita lediglich Orlistat und ältere Appetitzügler mit zentraler sympathomimetischer Wirkung auf dem Markt (siehe Tabelle). Die Sympathomimetika werden unter Experten aber als wenig sinnvoll angesehen, da es zu ihnen kaum wissenschaftliche Daten zur Wirksamkeit gibt und zahlreiche Kontraindikationen bestehen.
Häufig Kritik
Sättigungskomprimate und Quellmittel, die als Medizinprodukte auf dem Markt sind, werden von Medizinern häufig kritisch gesehen, da es keine qualitativ hochwertigen wissenschaftliche Studien zur langfristigen Wirksamkeit gibt und die Mittel im Gegensatz zu ballaststoffreichen Lebensmitteln mit ähnlicher Wirkung keine Mikronährstoffe liefern.
Abnehmen durch Lipasehemmung
Orlistat hemmt im Darm das Enzym Lipase und damit die Fettverdauung. Die verschreibungspflichtige Variante mit einer Dosierung von 120 mg ist erst ab einem BMI von 30 zugelassen bzw. bei weiteren Risikofaktoren ab einem BMI von 28. Ohne Rezept sind Präparate erhältlich, die 27 mg bzw. 60 mg Orlistat enthalten. Sie dürfen ab einem BMI von 28 abgegeben werden. Sie sollten die Patienten darauf hinweisen, dass die Einnahme eine kalorienreduzierte Ernährung und vermehrte Bewegung nur ergänzt, aber nicht ersetzen kann.
Fettgehalt reduzieren
Wichtig ist es vor allem, den Fettgehalt der Nahrung zu reduzieren: Sonst steigt das Risiko für Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt (siehe Tabelle Seite 22 unter „Wichtige Hinweise“). Orlistat-haltige Präparate werden in der Regel dreimal täglich zur Hauptmahlzeit eingenommen.
Fällt eine Mahlzeit aus oder enthält sie kein Fett, sollte der Patient das Arzneimittel nicht einnehmen. Geben Sie in der Beratung Ihren Patienten auch einen Hinweis zur Dauer der Einnahme: Durch die Behandlung mit Orlistat muss sich innerhalb von 12 Wochen ein Gewichtsverlust bemerkbar machen, der bei dem rezeptpflichtigen Arzneimittel mindestens fünf Prozent betragen sollte. Die rezeptfreien Varianten dürfen höchstens über einen Zeitraum von sechs Monaten eingenommen werden.Orlistat kann die Resorption von fettlöslichen Vitaminen beeinträchtigen. Eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen in Form einer gesunden und ausgewogenen Ernährung ist daher besonders wichtig.
Vorsicht Wundermittel
Immer wieder werden Ihnen Kunden begegnen, die mit einer Illustrierten-Anzeige bei Ihnen ein vermeintliches Wundermittel zum Abnehmen kaufen wollen. Die Angabe einer PZN sollte Sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für die allermeisten dieser teuren Nahrungsergänzungsmittel keinerlei Belege zu Wirksamkeit und Unbedenklichkeit gibt. Ihren Patienten und dem Ruf der Apotheke tun Sie einen großen Gefallen, wenn Sie vom Kauf abraten und statt dessen lieber eine Ernährungsberatung anbieten.
Operative Verfahren
Chirurgische Maßnahmen wie ein Magenband oder einen Magen-Bypass empfiehlt die Leitlinie erst ab einem BMI von 40 bzw. 35, wenn weitere Komplikationen vorliegen (etwa ein Typ-2-Diabetes). Voraussetzung ist allerdings, dass die anderen Therapieoptionen ausgeschöpft worden sind und nicht erfolgreich waren.
Pflanzliche und tierische Fettblocker
Bei abnehmwilligen Kunden sind auch die so genannten Fettblocker bzw. Fettbinder beliebt. Sie enthalten unlösliche Ballaststoffe aus Krustentieren (Chitosan) oder auf der Basis von pflanzlichen Fasern. Im Darm sollen die Substanzen quellen und Fett binden, das dann nicht resorbiert werden kann, sondern unverdaut ausgeschieden werden soll. Häufig sind diese Präparate aufgrund des physikalischen Wirkprinzips als Medizinprodukte zugelassen. Die Produkte müssen jedoch kritisch hinterfragt werden, da qualitativ hochwertige Studien zur langfristigen Gewichtsreduktion meist fehlen oder nur geringfügige Effekte sichtbar sind. Auf keinen Fall können die Mittel eine Ernährungsumstellung ersetzen.
Verfasserin
Dr. Iris Hinneburg, Apothekerin,
Wegscheiderstr. 12,
06110 Halle (Saale),
E-Mail: iris_hinneburg@gmx.de