Es geht auch ohne Rezept!

Wie oft haben wir das alle schon erlebt? Selbstbewusst kommt der nächste Kunde an die Kasse und sagt: „Ein Päckchen Sildenafil, bitte!“ „Welche Dosierung und Packungsgröße steht denn auf Ihrem Rezept?“ „Welches Rezept? Ich bekomme das immer ohne Rezept!“ Ach so, na klar.

"Wie, dafür brauche ich ein Rezept?"

Sildenafil Präparate sind besonders begehrt, wenn es darum geht, Arzneimittel ohne Rezept zu kaufen. Ein Klassiker sind auch Patienten, deren N3 Packung ganz plötzlich alle geworden ist. Die Kollegin auf Arbeit hat aber gesagt, man könne sich in dem Fall einen Blister in der Apotheke zum Überbrücken ohne Rezept geben lassen. Woher bekommt man denn solche Informationen? Und eine Kundin hat sich tatsächlich darüber beschwert, dass ich ihr die benötigten Tabletten nicht einzeln, also für ein bis zwei Tage und ohne Rezept geben wollte. „Sie können ja wohl mal zwei Tabletten aus der großen Packung für mich rausnehmen! Ich sterbe sonst!“ Genau. An einem Montagvormittag.

Häufig kommen Kunden auch mit mehreren Beipackzetteln für Blutdrucksenker, Lipidsenker, Antidiabetika und vielen anderen Arzneimitteln und sind sich sicher, dass sie diese Arzneimittel ohne Rezept kaufen können. Oder sind einfach nur dreist genug, so zu tun, als bräuchte man kein Rezept. Diese Gruppe teilt sich dann in zwei weitere Gruppen. In die Menschen, die wieder gehen, wenn man sie darauf hinweist, dass sie ein Rezept vom Arzt benötigen. Und in die Menschen, die dann unhöflich und laut werden. Manchmal auch ausfallend und beleidigend. Außerdem betonen diese Menschen dann sehr gerne, dass das in IHRER Stamm-Apotheke überhaupt kein Problem sei und sie dort immer alles ohne Rezept bekommen würden. Wieso dann überhaupt der Stress? Sollen sie doch gleich dort hingehen…

"Ich kaufe das IMMER für meinen Mann!"

Einmal hatte ich eine Frau, die mir einfach nicht glauben wollte, dass man Salbutamol nicht ohne Rezept bekommt. Sie kauft das in der anderen Apotheke IMMER für ihren Mann. Schön und gut soweit. Ich habe es ihr sogar in der Lauer-Taxe gezeigt. Und im Internet. Und sie hat trotzdem weiter diskutiert. Sie hat es erst geglaubt, als ich noch einen Kollegen dazu geholt habe, damit er es ihr auch noch einmal sagt. Habe sie dann noch gefragt, in welcher Apotheke das war, damit wir die Kollegen wegen unerlaubter Abgabe rezeptpflichtiger Arzneimittel bei der Apothekerkammer und der Polizei melden können. Da war sie das erste Mal still.

Vor einiger Zeit kam meine Kollegin mit einem Rezept zu mir, dass sie zuvor ungefähr zwei Minuten lang angestarrt hatte. Es handelte sich um ein Privatrezept, das jeweils eine Packung eines Rx-Arzneimittels für den Patienten als Verordnung erhielt. Es war zu dem Zeitpunkt über zehn Jahre alt und sehr viele Male zusammen und auseinander gefaltet worden. Mal davon abgesehen, dass es längst abgelaufen war, befanden sich auf dem Rezept sehr viele Stempel verschiedenster Apotheken, die das Rezept über die Jahre hinweg immer wieder beliefert hatten. Meine Kollegin und ich waren ein wenig irritiert. Wir haben dem Mann vorgeschlagen, sich doch mal um ein neues Rezept zu kümmern. Nach über zehn Jahren sollte sein Arzt eventuell auch einfach mal überprüfen, ob die Arzneimitteltherapie für diesen Patienten überhaupt noch angemessen ist. Er fand den Vorschlag allerdings nicht einleuchtend und ist sehr verärgert und laut schimpfend gegangen. Aber nur weil ein Kunde versucht, uns unter Druck zu setzen und dabei gerne mal eine laute Stimme benutzt, sollte man sich nicht verunsichern lassen. Ich rufe dann gerne laut „Sicherheitsdienst“. Dann gehen die meisten von alleine. :-)

Wir sehen es auf jeden Fall nicht ein, das Gesetz für Kunden zu brechen, die einfach nur zu faul sind, um zum Arzt zu gehen. Die Rezeptpflicht gibt es nun einmal nicht ohne Grund. Daran ändern auch lautes Schimpfen und wütendes Benehmen nichts. ;-)

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de