Herr R. und sein Traubenzucker

Ich habe das Gefühl, dass jede Apotheke diesen einen Kunden hat, der gefühlt täglich vorbeikommt und bei den anderen Kunden durch sein Verhalten immer wieder für große Augen und Verwunderung sorgt.

In meiner Famulatur-Apotheke war es beispielsweise ein Herr, der eine Kollegin jeden Tag gerne mit zum Blaubeeren-Pflücken mitnehmen wollte und sie als Chefin bezeichnete. Das war sie nicht, aber wieso sollte man diese Annahme korrigieren? Das war in ihren Augen nicht nötig.

Jeder kannte seine Lebensgeschichte

Auch bei uns in der Apotheke gab es so einen speziellen Kunden: sein Name war Herr R. Herr R. fand es besonders toll, wenn er einen neuen Kollegen erspähte, der seine Lebensgeschichte noch nicht kannte - genauso wie er ihn nicht kannte. Und deshalb widmete Herr R. ihm erst einmal mehr Zeit als den bekannten Gesichtern hinter dem HV-Tisch. 
So begann Herr R., jedem neuen Mitarbeiter seine Geschichte zu erzählen. Nach einem Unfall habe er von seinem Arzt Morphin verschrieben bekommen und sei süchtig geworden. Die Sucht kostete ihn den Job, seine Beziehung, seine Freunde und sein Aussehen. Er holte dann meist einen alten Ausweis heraus. Darauf sah man einen Mann mit vollem, dunklen Haar, nett lächelnd, mit Zähnen. Schaute man ihn an, dann sah man einen Mann ohne Haare, nur noch mit Zahnstummeln und eingefallenem Gesicht. Aber nett lächeln, das konnte er noch. Er wäre früher mal Anwalt gewesen, erzählte er dann gerne. Heute habe er einen Betreuer und hole sich jeden Tag genau zwei Tabletten bei seiner Ärztin ab, die er im Rahmen einer Substitutionstherapie gestattet bekam. Manchmal sagte er morgens: „Ich hab beide auf einmal genommen und für heute keine mehr. Aber psst!“

Täglicher Besuch in unserer Apotheke

Herr R. besuchte uns eine Zeit lang jeden Tag in der Apotheke. Höflich lächelnd wartete er in der Schlange, um zu fragen, ob wir ein bisschen Traubenzucker für ihn haben. Und Zellstoff, also Taschentücher. Es schien ein Ritual zu sein, sich diese zwei Dinge jeden Tag bei uns zu holen. Als kleine Aufmerksamkeit. Wie ich bei Gelegenheit herausfand, tat er dies ebenfalls in unserer Filialapotheke. Wir konnten nicht herausfinden, wozu er so viele Taschentücher benötigte. Und eine einseitige Traubenzucker Diät kann auf Dauer auch nicht gesund sein.
Wenn Herr R. keine Lust hatte, in der Schlange zu warten, dann kam es schon mal vor, dass er mit den Wärmetieren auf dem Regal redete, als wären sie echt. Dafür bekam er von manchen Kunden ein Schmunzeln, viele drehten sich lieber irritiert weg und wollten nichts mit der Sache zu tun haben.

Keiner wusste, wo er wohnt

Wir wussten nicht, wo Herr R. tatsächlich wohnte oder immer noch wohnt. Er erzählte aber gerne von seinem unmöglichen Nachbarn und wie sehr er seinen Betreuer an einigen Tagen nicht leiden konnte. An eher schlechten Tagen war er nicht höflich, sondern legte sich auch mal mit anderen Leuten an. So eben zum Beispiel mit seinem Nachbarn. Wie oft die Polizei wohl schon bei ihm war, weil er den Nachbarn bedrohte? Alles übertrieben, in seinen Augen. Sein Zuhause kann auf jeden Fall nicht so weit weg sein, da der ein oder andere Kollege ihn ab und zu in der Nähe sah. Einmal, wie er auf eine Hauswand einschlug. Oder wie er die Straße entlang ging und jeden Menschen, der ihm entgegen kam, etwas anpöbelte.

Es ist etwas her, dass wir Herrn R. gesehen haben. Und da er nicht unser Kunde oder Patient im eigentlichen Sinne war, sondern unser zuverlässiger Abnehmer an Gratis-Traubenzucker und Taschentüchern, wissen wir nicht, wo er sich wohl seine Zeit vertreibt. Vielleicht hat er eine neue Apotheke gefunden. Die hat hoffentlich auch Stofftiere, mit denen er sich unterhalten kann, wenn die Schlange mal wieder zu lang ist.

Lustige Geschichten aus Ihrer Apotheke

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Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
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