Was man nicht in der Ausbildung oder im Studium lernt

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich das erste mal hinter dem HV-Tisch stand. Etwas nervös und aufgeregt war ich schon, aber ich hatte auch das Gefühl, bei den neuen Kollegen in guten Händen zu sein. Mal abgesehen davon, dass ich damals erst einmal lernen musste, welche Arzneimittel zu den entsprechenden Arzneistoffen gehören und unser Fahrer mich am ersten Tag angepöbelt hat, weil ich nicht das billigste ASS-Präparat für ihn finden konnte, dass er doch IMMER nimmt. Hallo? Das war mein erster Tag? Ich kannte ihn nicht, da hätte er mich doch auch nicht kennen können … Doch auch auf viele andere Dinge hat mich die Uni damals nicht vorbereitet.

Wenn Kunden nicht mehr wiederkommen ...

Zum Beispiel darauf, dass regelmäßig Kunden oder Patienten, die man lange gekannt und betreut hat, plötzlich nicht mehr wiederkommen. Manchmal merkt man es nicht sofort, sondern wundert sich, dass man eine bestimmte Person lange nicht mehr gesehen hat. Manchmal kommt ein Angehöriger und sagt, dass man doch bitte die Kundendatei löschen soll. Wiederum gibt es die Fälle, bei denen wir gar nicht den Patienten selbst kennen, sondern nur den Angehörigen, der die Arzneimittel bei uns holt. Meistens sind das Lebenspartner oder die Kinder.

Der regelmäßige Austausch mit den Lebenspartnern oder Kindern ist emotional gesehen für mich meist schwieriger als mit den Patienten selbst. Denn wenn man seinen schwer erkrankten Partner oder Elternteil betreut und für ihn alle Erledigungen macht, die er nicht selbst machen kann, dann sieht man bei vielen die Angst und die Sorgen in den Augen und ebenso die (nicht nur seelische) Belastung. Das zeigen sie sicherlich nicht überall, denn man möchte ja stark sein. Eben für seinen Partner oder für das Umfeld. Aber bei uns knickt diese Fassade doch regelmäßig ein und viele sind erleichtert, dass sie auch einmal mit jemandem sprechen können, der sich außerhalb der Familie befindet. Und der auch mal Trost spendet. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es diesen Menschen einfach nur gut tut, dass jemand zuhört. Dass jemand ihnen auch das Gefühl gibt, wie bewundernswert es ist, sich so intensiv zu kümmern. Und dass man die Sorgen versteht. Viel zu oft kommt dann irgendwann der Tag, an dem wir erfahren, dass der Betroffene nun seinen Frieden gefunden hat.

Einmal ist es mir passiert, dass ich auf ganz anderem Weg erfahren habe, dass ein Patient nicht mehr kommen wird. Als ich auf Arbeit kam und zufällig in die Retourenbox schaute, lagen dort drei Arzneimittel, die wir extra für diesen einen Patienten an Lager hatten. Also drehte ich mich zu meiner Kollegin um und sagte: „Oh nein, was ist passiert?“ Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal daran erkennen würde, dass jemand verstorben ist. Eben jenen Patienten hat man eigentlich jeden Tag mit seiner Frau zusammen gesehen. Der Center Besuch gehörte bei ihnen zu jeder Jahreszeit dazu. Sie kaufte meist eine Stange Traubenzucker und er ist mit seinem Rollstuhl durch das Center gefahren, allerdings immer rückwärts, weil es ihm leichter fiel, sich mit den Beinen vorzuschieben statt mit den Armen.

Wie reagiert man also angemessen in solchen Momenten? Zu meiner Zeit gab es dafür keinen Kurs, kein Seminar. Es ist etwas, dass man sich selbst aneignen muss. Ein bisschen Bauchgefühl gehört dazu. Und auch die eigene Lebenserfahrung.

Ich werde nie vergessen, wie eine recht junge Frau bei mir Rescue Tropfen kaufen wollte. Eine Freundin hätte ihr die empfohlen, zur Beruhigung. Bei Empfehlungen von Freunden sollte man sich ohne Grund ja nicht zu sehr einmischen. Ob ich glauben würde, dass die Tropfen auch helfen? Ich bin vielleicht nicht der größte Fan, aber vor Prüfungen kenne ich viele, die damit gute Erfahrungen gemacht haben. „Für welchen Anlass brauchen Sie die denn?“, fragte ich. Es war die Beerdigung ihres Lebenspartners.

Mit dem Tod konfrontiert zu werden, kann einem niemand beibringen

Man kann vor dem Thema nicht davon laufen. Je älter man wird und je nachdem, für welchen Beruf man sich entscheidet, früher oder später wird man mit dem Tod konfrontiert. Auch privat. Für mich ist es immer wieder eine Erinnerung daran, dass man das Leben genießen sollte. Dass man sich mit Menschen umgibt, die die Tage schöner machen. Dass Arbeit nicht an erster Stelle im Leben stehen sollte. Damit man möglichst wenig bereut. „Live while we are young“ nennt es eine ehemalige sehr beliebte britische Boyband. Sie haben recht. Dabei hat jung sein auch viel mit dem Gefühl, nicht mit dem Alter zu tun. Also: heute schon ein Eis gegessen? In der Sonne gesessen? Den nächsten Urlaub geplant? Das Leben gefeiert? Oder seinen Liebsten gesagt, wie lieb man sie hat?

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Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
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