Homöopathie-Fallbeispiele aus der Praxis

Teil 1: Das ständig kranke Kind

Bild: © Sonja Birkelbach - Fotolia.com

Wenn man einen Experten auf dem Gebiet Homöopathie sucht, kommt man an einem Namen nicht vorbei: Dr. med. Markus Wiesenauer. Als Apotheker, Facharzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie und Naturheilverfahren in eigener Praxis stellt er für PTAheute.de ab sofort jeden Monat ein Fallbeispiel und seine homöopathische
(Add-on)-Behandlung vor.

Das ständig kranke Kind

Eine Mutter kommt mit ihrem dreijährigen Jungen in die Apotheke und legt ein Rezept vom Kinderarzt vor: Ibuprofen-Saft. Dabei berichtet die Mutter, dass ihr Kind ständig an Infekten erkrankt und sich nun schon wieder „etwas eingefangen hat“. Wie können Sie hier unterstützend beraten?

Ihre Beobachtung

Mit einem Blick sehen Sie die auffallend blasse Gesichtsfarbe des Kindes. Und irgendwie verhält sich der Junge bemerkenswert zurückhaltend, fast ängstlich. Er klammert sich an die Hand der Mutter und reagiert nicht auf den angebotenen Traubenzucker.

Aconitum D6: Bei den ersten Anzeichen eines beginnenden Infekts

Aconitum, der Sturm- oder Eisenhut, ist bei einer beginnenden Erkältung (= Causa), gerade bei Kindern, oft das erste Mittel. Es kann jedoch auch bei Erwachsenen angewendet werden. Auffallende Leitsymptome sind Ängstlichkeit und Unruhe bei meist sehr blasser Gesichtsfarbe („sieht käsig aus“). Ausgeprägte Erkältungssymptome haben sich meist noch nicht entwickelt. Das Fieber beginnt erst zu steigen bzw. ist noch nicht sehr hoch. Auf Aconitum hinweisend ist meist der rasche Beginn, „von jetzt auf nachher“. Erwachsene berichten oft, dass der Infekt „aus heiterem Himmel“ begonnen hat.

  • Je frühzeitiger Aconitum gegeben wird, umso größer ist die Chance, dass die aufkeimende Erkältung über Nacht bzw. am nächsten Tag bereits wieder abklingt. Sie werden erleben, dass Ihnen gesagt wird: Seitdem wir unserem Kind gleich am Anfang Aconitum geben, ist es weniger oft, weniger lang und weniger schwer krank.
  • Wichtiges Akut-Mittel für die Hausapotheke, besonders mit Kindern in der Familie. 

Zur Unterscheidung

Wird Aconitum zu spät eingesetzt bzw. entwickelt der Infekt weitere Erkältungssymptome, ist meist Belladonna das Mittel, welches auf Aconitum folgt. Ist dies der Fall, wird Aconitum abgesetzt.

Belladonna D6: Rotes, heißes Gesicht, Schwitzen und Fieber

Belladonna, die Tollkirsche, wird auch als die „dampfende Tomate“ bezeichnet. Das Mittel ist angezeigt bei hochakuter, nicht eitriger Entzündung an Schleimhäuten und Haut. Typische Leitsymptome sind Röte, Hitze, brennende oder klopfende Schmerzen, weshalb Belladonna auch bei Halsschmerzen („feuerroter Rachen“) sowie bei Ohrenschmerzen angezeigt ist.

  • Add-on zu einem Analgetikum

Belladonna wird beim Sonnenbrand und bei leichteren Verbrennungen angewendet, außerdem bei entzündlich geröteter Haut, wozu auch die beginnende Nagelbettentzündung gehört.

  • Add-on zu einem kühlenden Gel oder einer desinfizierenden Salbe. 

Ferrum phosphoricum D6 (Tabl.): Fließschnupfen, oft mit Ohrenschmerzen, mäßig hohes Fieber

Ein auffallendes Leitsymptom ist, dass der Patient kränker ist als er sich verhält. Dieses Verhalten ist geradezu klassisch für Kinder. Auf Ferrum phosphoricum hinweisend ist, dass die Erkältung meist mit einem wässrigen Schnupfen beginnt und kurze Zeit später Ohrenschmerzen auftreten.

  • Bei beginnenden Ohrenschmerzen, wenn sich noch keine eitrige Mittelohrentzündung entwickelt hat, kann Ferrum phosphoricum D6 auch im halbstündlichen Wechsel mit Belladonna D6 empfohlen werden.

Bei frühzeitiger Anwendung kann ein mögliches Fortschreiten der Entzündung abgewendet werden. Das Mittel ist auch angezeigt, wenn eine ausgeprägte Infektanfälligkeit besteht und ein Infekt nach dem anderen auftritt. 

  • Ferrum phosphoricum D12 bewährt sich besonders gut bei wiederkehrenden Infekten und wird deshalb immer in den Phasen eingesetzt, in denen keine akute Erkältung besteht. Man spricht von einer Behandlung im Intervall, um die Häufigkeit der Rezidive zu senken.

Zur Erläuterung

Speziell bei Kindern bewährt sich die Darreichungsform Globuli, die auch als Streukügelchen bezeichnet werden. Wenngleich in der Packungsbeilage die altersabhängige Dosierung genannt wird, sollte bei der Abgabe in der Apotheke dennoch eine Dosierungsempfehlung ausgesprochen werden:

Am 1. Krankheitstag etwa alle Stunde eine Dosis,

am 2. Krankheitstag etwa alle 2 Stunden (=zweistündlich) eine Dosis und

ab dem 3. Tag dreimal täglich eine Dosis.


Kleinkinder erhalten 3 Globuli, Schulkinder und Erwachsene 5 Globuli, was einer Tablette entspricht. Die Arznei lässt man im Mund zergehen.
Wichtig: Sobald die Beschwerden abgeklungen sind, wird das Mittel abgesetzt. Dies gilt auch, wenn sich die Leitsymptome ändern.

Dr. med. Markus Wiesenauer
Apotheker, Facharzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie und Naturheilverfahren
onlineredaktion@ptaheute.de