Testkäufe helfen, die Beratung zu verbessern

Teil 13 Lippenherpes

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Die Bundesapothekerkammer (BAK) lässt regelmäßig Testkäufe in Apotheken durchführen. Um Sie dabei zu unterstützen, eine leitliniengerechte Beratungsstruktur in der Apotheke einzuführen oder weiter auszubauen, haben wir die gängigsten „Testkäufe“ für Sie aufgegriffen und geben Tipps, wie Sie leitliniengerecht beraten.

Ein Kunde betritt die Apotheke und möchte ein Medikament gegen Lippenherpes kaufen. Ein Blick auf die Lippe zeigt keinerlei Bläschenbildung. Um die Eigendiagnose des Patienten zu hinterfragen, eignen sich im Beratungsgespräch folgende Fragen:

  • Ist das Medikament für Sie selbst bestimmt?
  • Welche Beschwerden liegen vor ?
  • Seit wann liegen die Beschwerden vor?
  • Hatten Sie schon einmal eine Herpes-Infektion?
  • Wie häufig leiden Sie unter einer Herpes-Infektion?
  • Wie haben Sie die letzte Herpes-Infektion behandelt?
  • Welche Erfahrung haben Sie mit dem Arzneimittel gemacht?
  • Liegen noch andere Erkrankungen vor?
  • Nehmen Sie zurzeit andere Arzneimittel ein? 

Der Patient erzählt, dass er vor drei Jahren das erste Mal eine Herpes-Infektion hatte, seitdem hatte er vier weitere Episoden. Seit heute Morgen spürt er ein Kribbeln in der Lippe und da sich der Herpes bei ihm immer so ankündigt, möchte er schnell reagieren. Beim letzten Mal hat ihm eine Aciclovir-Creme sehr gut geholfen und er konnte das Schlimmste verhindern. Andere Arzneimittel nimmt er nicht ein und es liegen auch keine weiteren Erkrankungen vor.

Der Hintergrund

Typischerweise beginnt eine Herpeserkrankung mit “Vorboten”. Schon bevor sich das erste Bläschen auf den Lippen zu sehen ist, spüren manche Betroffene an dieser Stelle eine Empfindlichkeit, ein leichtes Brennen, ein Spannungsgefühl oder ein Kribbeln. Das kann einige Stunden anhalten oder einen ganzen Tag. Wenn der Ausbruch der Erkrankung gestoppt werden soll, dann müssen bereits jetzt antivirale Mittel als Gel oder Creme aufgetragen werden. Doch nicht immer bemerkt man ein beginnendes Lippenherpes – manchmal bildet es sich auch ohne Vorwarnung binnen Stunden oder über Nacht.

Typischer Verlauf

Eine Lippenherpes-Episode dauert unbehandelt etwa sieben bis zehn Tage und ist in ihrem Verlauf typischerweise durch sieben Phasen gekennzeichnet. Diese können sich in der Dauer und im Schweregrad individuell sehr unterscheiden:

  • Prodomalphase: Schmerzen, Kribbeln, Brennen, Spannungsgefühl bei noch intakter Haut. Tritt nicht bei allen Patienten auf.
  • Erythemphase: Die Haut rötet sich.
  • Papelphase: Schmerzhafte Papeln erscheinen.
  • Vesikelphase: Papeln »blasen« sich zu flüssigkeitsgefüllten Bläschen (Vesikeln) auf. Das Sekret enthält Millionen von Viren und ist bei Kontakt hochinfektiös.
  • Ulzerationsphase: Aufbrechen und Verschmelzen der Vesikel, Bildung schmerzhafter, nässender Wunden.
  • Verkrustungsphase: Bildung stark juckender Krusten und Schorf.
  • Abheilungsphase: Abheilung restlicher Rötungen und Schwellungen ohne Narbenbildung. 

Gelegentlich gehen zudem ein allgemeines Krankheitsgefühl sowie Abgeschlagenheit mit der Erkrankung einher. Die Bläschen können sich auch auf den Wangen, dem Naseneingang, den Ohrläppchen und im Augenbereich ausbreiten.

Herpesauslöser

Lippenherpes wird in der Regel durch Herpes-simplex-Viren Typ 1 (HSV-1) ausgelöst. Verantwortlich für die spätere Reaktivierung der ruhenden Herpes-Viren sind unter anderem Störungen der körpereigenen Immunabwehr. Einige typische Auslöser für das Auftreten der Bläschen sind Infektionskrankheiten oder Fieber, starke Sonneneinstrahlung (führt zur Unterdrückung der Immunzellen der Haut), psychische Belastungen (Stress, Trauer, Ängste) sowie eine hormonelle Umstellung (bei Frauen während der Menstruation oder in der Schwangerschaft).

Wie Herpes übertragen wird

Herpesviren werden über den Speichel oder engen Hautkontakt, und zwar durch eine Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen, Sprechen) beziehungsweise Schmierinfektion (zum Beispiel durch gemeinsame Benutzung von Besteck und Gläsern), übertragen. Auch direkte Haut- und Schleimhaut-Kontakte (Küssen, Berührung der Bläschen, Geschlechtsverkehr) können Herpes auslösen.

Grenzen der Selbstmedikation

Folgende Patientengruppen sollten beim Ausbruch einer Herpes-Episode unbedingt einen Arzt aufsuchen:

  • immungeschwächte Menschen
  • Menschen mit ausgedehnten Ekzemen oder Neurodermitis (Gefahr des Ekzema herpeticatum)
  • Neugeborene, Säuglinge, Kleinkinder
  • Schwangere/Stillende
  • bei ungewöhnlichen Verläufen (wie starke Lokalreaktionen mit Schwellungen und Rötungen der Haut, eitrige Hautreaktionen, offene Hautareale)
  • bei starker Bläschenbildung oder multilokulärer Ausprägung des Herpes (Ausweitung des Hautbefalls auf Kinn und Nase)
  • bei häufigen Rezidiven (> sechs Episoden pro Jahr oder länger als zehn Tage) bei begleitendem Fieber oder Krankheitsgefühlen (bakterielle Superinfektion)
  • bei Augenbeteiligung (bei Verschleppung in das Auge besteht Gefahr des Verlustes des Augenlichtes!), ausgedehnten Herpesläsionen
  • bei zusätzlichem Herpes genitalis, Herpes zoster, Keratitis herpetica
  • bei Verdacht auf Erythema exsudativum multiforme
  • bei Verdacht auf Stomatitis 

Behandlungsmöglichkeiten

Grundsätzlich ist eine HSV-1-Infektion nicht heilbar. Das Virus verbleibt lebenslang im Körper. Eine Therapie kann lediglich die Dauer eines Rezidivs verkürzen oder seine Symptome mildern. Für die Selbstmedikation stehen verschiedene halbfeste Zubereitungen und Medizinprodukte zur Verfügung. In der Selbstmedikation spielen zwei Wirkstoffe eine große Rolle – Penciclovir und Aciclovir. Für beide Wirkstoffe gilt, dass die Anwendung so früh wie möglich (beim ersten Kribbeln, der ersten Rötung) erfolgen sollte und nach dem Aufplatzen der Bläschen keinen Sinn mehr macht, da die Virusvermehrung vor allem in den ersten 48 Stunden nach Ausbruch stattfindet. Penciclovir beansprucht dabei für sich, auch bei einem späten Therapiebeginn in der Papel- oder Bläschenphase noch wirksam zu sein. Es sollte auch die Umgebung der betroffenen Stellen mitbehandelt werden, jedoch kein Auftragen auf die Schleimhaut erfolgen. Die Applikation der Creme erfolgt alle vier Stunden (Aciclovir 5%, fünfmal täglich) oder alle zwei Stunden (Penciclovir 1%, mindestens sechsmal täglich), bis die Bläschen verkrustet sind. Des weiteren sind Cremes oder Gele mit den Wirkstoffen Docosanol, Zinksulfat, Heparin und Trockenextrakt aus Melissenblättern erhältlich.

Als Alternative zu den halbfesten Zubereitungen stehen Hydrokolloid-Pflaster, sogenannte Herpes-Patches, zur Verfügung. Sie enthalten keine antiviralen Wirkstoffe, haben jedoch einige Vorteile: Das Patch schützt den betroffenen Bereich vor Schmutz und Wasser, gleichzeitig wird die Verbreitung der Herpesviren durch die Abdeckung und das Aufnehmen des Bläschensekrets unterbunden. Unter dem Pflaster herrscht ein feuchtes Wundheilungsmilieu, so dass weniger Krusten gebildet werden und die Läsionen schneller abheilen. Vor allem in den späteren Phasen des Lippenherpes sind die Herpes-Pflaster sicher Mittel der Wahl.

Wichtige Verhaltensregeln

Während einer Herpes-Infektion sind einige Hygiene-Regeln zu beachten, damit die Herpes-Viren nicht über das hochinfektiöse Sekret der Bläschen auf andere Körperregionen (Auge, Genitalien) oder andere Personen übertragen werden. Die Bläschen und Krusten sollten nicht berührt und vor allem nicht aufgekratzt werden. Vor und nach der Anwendung halbfester Zubereitungen oder von Herpes-Pflastern müssen gründlich die Hände gewaschen werden. Es empfiehlt sich, halbfeste Zubereitungen mit Wattestäbchen aufzutragen. Auf Kontaktlinsen sollte während eines Herpes-Rezidivs verzichtet werden. Die Zahnbürste sollte nach dem Verkrusten der Bläschen gewechselt werden, während der Akutphase dürfen keine Waschlappen oder Handtücher mit den Lippen in Berührung kommen, die später weiter verwendet werden. Bei häufigen Rezidiven sollte vorbeugend auf einen guten UV-Schutz für die Lippen geachtet werden.

Beratung unseres Patienten

Unser Patient gehört zu keiner der oben genannten Risikogruppen und ist mit dem Thema „Herpes“ vertraut. Da Aciclovir ihm gut geholfen hat, spricht nichts dagegen, die Creme erneut anzuwenden. Wir erinnern ihn daran, dass er die sie fünfmal täglich auftragen soll. Der Patient erwähnt, dass er beruflich viel sprechen muss und die verkrusteten Bläschen dabei häufig aufplatzen. Aus diesem Grund empfehlen wir ihm die Patches. Zum Abschluss geben wir ihm die entsprechenden Hygiene-Regeln mit auf den Weg, für die er sehr dankbar ist.

Farina Leschke
PTA, Bramsche
onlineredaktion@ptaheute.de