Dranginkontinenz – Wo ist die ­Toilette?

Leseprobe PTAheute 1+2/2021

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Wer schon einmal unter einer Blasenentzündung gelitten hat, kennt das Gefühl, plötzlich ganz dringend auf die Toilette zu müssen. So geht es Menschen mit Dranginkontinenz ständig.

Bei einer Dranginkontinenz leiden die Patienten unter plötzlichem Harndrang. Auch wenn sie unverzüglich eine Toilette aufsuchen, geht meist bereits auf dem Weg dorthin schwallartig Urin ab. Betroffen sind Frauen und Männer. Die Erkrankung ist zwar bei älteren Menschen deutlich häufiger, doch auch jüngere Menschen können betroffen sein. Wie viele Menschen darunter leiden, ist schwer zu ermitteln, denn ein unwillkürlicher Harnverlust ist noch immer ein großes Tabuthema und gilt vor allem bei Männern als Zeichen von Schwäche. Die Dranginkontinenz ist die häufigste Form der Inkontinenz bei Männern und Frauen über 50 Jahren. Jüngere Frauen leiden noch häufiger unter einer Belastungsinkontinenz, bei der die Beckenbodenmuskulatur zu schwach ist. Auch Mischformen können auftreten.

Komplexes System

Die Ursachen für die Dranginkontinenz können nicht immer ermittelt werden. Neben einer genetischen Komponente mit familiär gehäuftem Auftreten kann das Zusammenspiel der Blasenmuskulatur gestört sein. Die Blasenentleerung wird im Normalfall über das zen­trale Nervensystem gesteuert und kann willentlich kontrolliert werden. Ist die Blase voll, wird dieser Reiz an das Gehirn übermittelt. Die Blase wird willentlich entleert, indem der Blasenmuskel (Detrusor) angespannt und der Schließmuskel (Sphinkter) entspannt wird. Bei Dranginkontinenz klappt dieses Zusammenspiel nicht mehr so gut. Das Gehirn enthält bereits bei geringem Füllungszustand das Signal „Blase voll“ und die Blasenmuskulatur zieht sich unwillkürlich zusammen, ein starker Harndrang ist die Folge. Man spricht daher auch von einer überaktiven Blase (overactive bladder, OAB), wobei es nicht immer zum Urinverlust kommen muss (nasse oder trockene OAB). Dieses komplexe Zusammenspiel kann (vorübergehend) durch Reizungen der Blasenmuskulatur zum Beispiel durch Harnwegsinfekte gestört sein. Dauerhaft gestört kann es beispielsweise bei neurologischen Erkrankungen wie multipler Sklerose oder nach einem Schlaganfall sein, außerdem können Abflusshindernisse wie eine vergrößerte Prostata oder Steine in den Harnwegen zu Dranginkontinenz führen. Bei vielen Menschen verstärken psychische Belastungen wie Stress, Ärger oder Angst die Symptome.

Physische und soziale Folgen

Durch den starken Harndrang und die häufigen Toilettengänge fühlen sich Betroffene in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt. Meist beschränken sie soziale Kontakte auf das Nötigste und versuchen, sich ständig in der Nähe von Toiletten aufzuhalten. Das kann zu Depressionen führen oder diese verstärken. Da der ständige Harndrang auch nachts auftreten kann, schlafen Betroffene oft schlecht und sind weniger belastbar. Bei älteren Menschen erhöht eine überaktive Blase das Risiko für Stürze mit schweren Verletzungen. Viele schämen sich, bei ihrem Arzt das Problem anzusprechen, da sie nicht an eine Heilung glauben oder denken, dass eine Inkontinenz in höherem Alter normal ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Patienten mit einer Dranginkontinenz leiden unter starkem Harndrang, den sie willentlich kaum beeinflussen können.
  • Die Erkrankung kann mit Anticholinergika behandelt werden.
  • Mit aufsaugenden Inkontinenzprodukten wird Urin zuverlässig gebunden, auch die Geruchsbildung wird verhindert.

Miktionsprotokoll

Behandelt wird eine überaktive Blase zunächst nicht medikamentös. Vor Beginn der Therapie werden Ursachen wie ein Harnwegsinfekt oder ein Abflusshindernis ausgeschlossen beziehungsweise behandelt. Liegen keine körperlichen Einschränkungen vor, versucht man, die Fähigkeit zur Kontinenz wiederherzustellen. Hilfreich kann dabei ein Miktionsprotokoll sein, in dem der Patient die Trinkmenge und die Toilettengänge notiert und das zusammen mit seinem Arzt auswertet. Darauf aufbauend können feste Toilettenzeiten eingeführt werden, deren Abstände nach und nach verlängert werden, sodass der Patient wieder lernt, den Urin über längere Zeit zu halten. Zusätzlich kann Beckenbodengymnastik in Kombination mit Elektrostimulation dabei helfen, die Blase zu trainieren. Auch wenn bei der Dranginkontinenz die Beckenbodenmuskulatur nicht geschwächt ist, erlernen die Patienten durch die Übungen eine bessere Blasenkontrolle. Treten die Beschwerden vor allem bei Stress auf, kann eine Psychotherapie oder das Erlernen von Entspannungstechniken hilfreich sein.

Behandlung

Helfen diese Maßnahmen nicht, können Arzneimittel gegen den starken Harndrang helfen. Eingesetzt werden verschiedene Anticholinergika, zum Beispiel Propiverin, Tolterodin und Trospium. Sie verhindern, dass sich die Blasenmuskulatur unwillkürlich kontrahiert, indem sie Acetylcholinrezeptoren besetzen, wodurch das körpereigene Acetylcholin nicht mehr binden kann. Die Präparate sind im Allgemeinen gut verträglich, die häufigste Nebenwirkung ist Mundtrockenheit. Alternativ kann der Wirkstoff Mirabegron (z. B. Betmiga®) eingesetzt werden, der bewirkt, dass sich die Blasenmuskulatur entspannt. Dadurch bessert sich der starke Harndrang, die Patienten müssen weniger häufig zur Toilette. Wenn diese Therapie nicht wirkt, kann Botulinumtoxin in den Detrusormuskel der Blase injiziert werden. Das Toxin lähmt die Muskeln, sodass der unwillkürliche Harndrang unterbunden wird. Die Wirkung ist nicht dauerhaft, die Injektionen müssen regelmäßig wiederholt werden.

Hilfsmittel

Eine nebenwirkungsfreie Alternative ist der Einsatz von Hilfsmitteln für Patienten mit Dranginkontinenz. Welches das richtige Produkt ist, ist abhängig von der Menge des Urinverlusts und den Aktivitäten des Patienten. Es gibt drei Produkttypen: Einlagen, Vorlagen und Windeln, die abhängig vom Schweregrad eingesetzt werden. Der Aufbau ist bei allen diesen Produkten gleich: Direkt am Körper befindet sich ein Aufnahmevlies, darunter ist eine Verteilerschicht, die die Flüssigkeitsmenge gleichmäßig verteilt. Gebunden wird der Urin durch einen Superabsorber, meist Natrium-Polyacry­lat. Das ist ein Gelbildner, der bei Kontakt mit Flüssigkeit etwa das Hundertfache seines Eigengewichts an Flüssigkeit binden kann. Die Haut bleibt trocken, sodass es durch den Urin nicht zu Hautreizungen kommt. Außerdem wird der Uringeruch durch den Absorber gebunden. Eine flüssigkeitsdichte Außenschicht bildet den Abschluss der Inkontinenzprodukte.

Das richtige Produkt

Einlagen werden ähnlich wie Damenbinden in die Unterwäsche geklebt und sind vor allem bei geringen Urinverlusten geeignet. Auch wenn sie sich äußerlich wenig unterscheiden, sind Monatsbinden bei Inkontinenz ungeeignet, da diese nur kleine Mengen Flüssigkeit aufsaugen können. Bei größeren Urinverlusten können anatomisch geformte Vorlagen eingesetzt werden, die eine höhere Saugleistung haben. Sie werden nicht in die Unterwäsche geklebt, sondern zusammen mit einer Netz- oder Fixierhose getragen, die die Vorlage an der richtigen Stelle hält. Über Nacht oder bei noch größeren Urinverlusten sind Windeln oder Pants am besten geeignet. Inkontinenzwindeln werden wie Windeln für Säuglinge seitlich geschlossen. Wichtig ist, dass sie eng am Körper anliegen. Sie werden in mehreren Größen und unterschiedlichen Saugstärken angeboten. Geeignet sind sie vor allem für pflegebedürftige bettlägerige Patienten, für mobile Patienten sind Pants besser geeignet. Diese werden wie gewöhnliche Unterwäsche angezogen und können beim Wechseln an den Seitennähten aufgerissen werden.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Auch wenn es nicht leichtfällt, sprechen Sie doch einmal mit Ihrem Arzt über den starken Harndrang. Durch Medikamente oder Beckenbodengymnastik können sich die Beschwerden bessern.“
  • „Verwenden Sie besser diese Einlagen bei gelegentlichem Harnverlust. Sie sind ganz weich und diskret. Damenbinden sind nicht so gut dafür geeignet.“

Vorbeugung

Manchmal helfen schon kleine Verhaltensänderungen, um einen starken Harndrang zu verbessern. Kaffee und kohlensäurehaltige Getränke reizen die Blase und sollten nicht im Übermaß getrunken werden. Nicht empfehlenswert ist es, möglichst wenig zu trinken, da sich die Blase an immer kleinere Flüssigkeitsmengen gewöhnt und Keime länger im Körper bleiben. Diese können zu Harnwegsinfekten führen, wodurch sich die Inkontinenz verstärkt.

Zwar kann man einer Dranginkontinenz nicht direkt vorbeugen, doch leiden Menschen mit Übergewicht häufiger unter Inkontinenz als normalgewichtige Menschen, denn bei ihnen ist der Druck auf die Blase höher. Unter den Rauchern gibt es mehr Betroffene als unter den Nichtrauchern. Eine Inkontinenz kann auch durch verschiedene Arzneimittel ausgelöst oder verstärkt werden. So können beispielsweise Diu­retika (z. B. Torasemid, HCT) und Cholinesterasehemmer (z. B. Donepezil, Rivastigmin), die bei Demenz eingesetzt werden, die Beschwerden verstärken.