Leseprobe PTAheute 13+14/2019 Kinderwunsch

Schilddrüsenerkrankungen

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„Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger!“ Diese wunderschöne Nachricht stellt Frauen mit Schilddrüsenerkrankungen vor neue Herausforderungen, denn dieses faszinierende Organ hat nun viel zu tun.

Jede Schwangerschaft ist auch ein Stresstest für die Schilddrüse. Das Organ muss gut funktionieren und sich auf die veränderte Situation einstellen, damit keine Komplikationen eintreten und sich das Ungeborene gut entwickeln kann. Unbehandelte Hypo- und Hyperthyreosen können zu Problemen in der Schwangerschaft und zu Entwicklungsverzögerungen beim Kind führen, deshalb sollte die Schilddrüse in der Schwangerschaft gut überwacht werden.

Welch ein Hormoncocktail!

Bereits in der Frühschwangerschaft stellt sich der Hormonhaushalt der Mutter auf die veränderten Bedürfnisse ein und die werdende Mutter hat hohe Spiegel an Estrogen, Progesteron und dem Schwangerschaftshormon hCG (humanes Choriongonadotropin) im Blut. Auch die Schilddrüse muss nun Schwerstarbeit leisten, da der Bedarf an Schilddrüsenhormonen in der Schwangerschaft um circa 50 % ansteigt. Während eine gesunde und mit ausreichend Iod versorgte Schilddrüse diese Aufgabe noch bewältigen kann, kommt es bei Frauen mit bis dahin nicht auffälliger Unterfunktion oder einem Iodmangel nun zur behandlungsbedürftigen Unterfunktion. Obwohl sich viele Experten dafür aussprechen, ist ein Schilddrüsenscreening noch nicht Bestandteil der von den Krankenkassen bezahlten Mutterschaftsvorsorge.

Kampf dem Kropf

Während einer Schwangerschaft steigt der Iodbedarf der Mutter an. Einer der Gründe dafür ist die Niere, denn hormonell bedingt ist die renale Clearance erhöht und es wird mehr Iod über die Niere ausgeschieden. Aber auch bereits ab der zwölften Schwangerschaftswoche beginnt die Schilddrüse des Fetus, selbst Hormone zu bilden, für die er zusätzliches Iod über die Nahrung der Mutter benötigt. Eine mangelhafte Iodversorgung der Schwangeren kann schwerwiegende Folgen für Mutter und Kind haben. So kommt es häufiger zu Fehlbildungen, Frühgeburten, Schilddrüsenunterfunktion und Struma(= Kropf)-Bildung beim Neugeborenen. Im schlimmsten Fall können Wachstumsstörungen und eine gestörte Gehirnentwicklung mit verminderter Intelligenz die Folge sein. Die schwerste Form des frühkindlichen Iodmangels, der Kretinismus mit ausgeprägter geistiger Behinderung, tritt bei uns glücklicherweise nur noch sehr selten auf. Weltweit gesehen ist Iodmangel jedoch immer noch die häufigste vermeidbare Ursache von geistigen Entwicklungsverzögerungen.

Wie viel Iod soll es denn sein?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für gesunde Erwachsene eine tägliche Iodidzufuhr von 200 µg, die WHO eine Mindestmenge von 150 µg pro Tag. Dieser Bedarf wird durch die Ernährung oft nur unzureichend gedeckt, laut Studien nehmen Erwachsene in Deutschland im Schnitt nur 125 µg Iodid pro Tag über die Ernährung zu sich. Wie sich dieser Bedarf über die Ernährung decken lässt und was bei bestehenden Schilddrüsenerkrankungen beachtet werden muss, lesen Sie ab Seite 30. In Schwangerschaft und Stillzeit ist der mütterliche Bedarf an Iodid nochmals deutlich erhöht. Laut Empfehlungen der DGE benötigen Schwangere 230 µg Iodid. Um die gefährlichen Folgen eines kindlichen Iodmangels und einer damit einhergehenden Schilddrüsenunterfunktion zu verhindern, rät die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie Schwangeren und stillenden Müttern zu einer zusätzlichen Iodideinnahme von 150 bis 200 µg/Tag in Form von Supplementen. Diese Empfehlung gilt für alle Schwangeren, einzig wenn die Schwangere eine akute, ausgeprägte Schilddrüsenüberfunktion hat, sollte vor der Iodeinnahme Rücksprache mit dem behandelnden Endokrinologen gehalten werden. Auch für Schwangere mit Hashimoto-Thyreoiditis oder einem früheren Morbus Basedow ist die zusätzliche Einnahme von Iodid wichtig, um einer Strumabildung und Entwicklungsverzögerungen beim Kind vorzubeugen. Erhält die betroffene Frau bereits ein Hormonpräparat, welches mit Kaliumiodid kombiniert ist (z. B. Thyronajod®, L-Thyroxin Henning® plus), muss bei der Empfehlung von Nahrungsergänzungsmitteln für Schwangerschaft und Stillzeit darauf Rücksicht genommen werden. Supplemente ohne Iodid sind beispielsweise Femibion 1/2 ohne Jod®, Folio (forte) jodfrei® oder Orthomol natal® Tabletten/Kapseln, bei Letzterem kann die einzelne Iodtablette weggelassen werden. Wurde versehentlich eine höhere Iodidmenge durch Kombination von zwei iodhaltigen Präparaten eingenommen, besteht normalerweise dennoch kein Grund zur Sorge: Nicht benötigtes Iodid wird bei bereits vollen Speichern über die Niere wieder ausgeschieden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine gut arbeitende und eingestellte Schilddrüse in der Schwangerschaft ist essenziell für die mentale und körperliche Entwicklung des Babys.
  • In der gesamten Schwangerschaft und Stillzeit ist der Iod­bedarf deutlich erhöht und eine Supplementierung mit 150 bis 200 µg pro Tag sinnvoll, auch bei Patienten mit Hashi­moto-Thyreoiditis. Nur bei starker akuter Schilddrüsenüberfunktion sollte kein zusätzliches Iod eingenommen werden.
  • Meist steigt der Bedarf an Schilddrüsenhormonen während der Schwangerschaft. Deshalb sollten bei Hypothyreose die Werte alle vier Wochen kontrolliert und bei Bedarf die L-Thyroxin-Dosis angepasst werden.

Regelmäßige Dosisanpassung bei Unterfunktion

Die adäquate Therapie einer Schilddrüsenunterfunktion während der Schwangerschaft ist essenziell für die gesunde Entwicklung des Kindes und eine komplikationslose Schwangerschaft. Eine unbehandelte Hypothyreose der Mutter gefährdet Mutter und Kind. Wenn eine Frau mit einer bestehenden Schilddrüsenunterfunktion schwanger wird, muss während der nächsten Monate in Abständen von vier bis acht Wochen eine Kontrolle der Schilddrüsenwerte und wenn nötig eine Anpassung der L-Thy­roxin-Dosis erfolgen. Bereits im ersten Drittel der Schwangerschaft ist meist eine Dosissteigerung um 30 % erforderlich, im zweiten Trimenon muss die Hormonmenge oft nochmals um weitere 10 bis 20 % erhöht werden. Das körpereigene Hormon L-Thyroxin ist unbedenklich und Mittel der Wahl zur Therapie einer Hypothyreose in Schwangerschaft und Stillzeit.

Morbus Basedow: Schwangerschaft planen

Eine stark ausgeprägte und unbehandelte Schilddrüsenüberfunktion, wie sie bei der Autoimmunerkrankung Morbus Basedow vorliegt, belastet nicht nur die betroffene Frau schwer, sondern kann auch ihr Ungeborenes gefährden. Diese Kinder leiden häufiger an intrauterinen Wachstumsverzögerungen und Frühgeburtlichkeit. Da die Autoantikörper besonders im letzten Schwangerschaftsdrittel plazentagängig sind, entwickeln diese Kinder oft selbst eine Schilddrüsenüberfunktion. Frauen mit Morbus Basedow sollten bestenfalls erst ihre Erkrankung behandeln lassen und anschließend die Familienplanung angehen. Auch während einer Schwangerschaft kann und muss, wenn nötig, mit Thyreostatika behandelt werden, einzig die Radioiodtherapie ist in Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert. Auch wenn Thyreostatika im ersten Trimenon ein geringes Risiko für Fehlbildungen des Kindes bergen, ist das Risiko bei einer Nichtbehandlung der Grunderkrankung für Mutter und Kind wesentlich höher. Propylthiouracil (PTU) hat ein geringeres Fehlbildungsrisiko als Carbimazol oder Thiamazol, verursacht aber häufiger schwere Nebenwirkungen bei der Mutter. Deshalb gilt im ersten Trimenon PTU als Mittel der Wahl in der Schwangerschaft, danach kann auf Carbimazol oder Thiamazol umgestellt werden. Regelmäßige Kontrollen sind sehr wichtig, um die Medikamentendosis für die werdende Mutter so gering wie möglich zu halten.

Sonderfall Gestationshyperthyreose

Selten, aber meist mit erheblichen Beschwerden verbunden, ist das Krankheitsbild der Gesta­tionshyperthyreose. Dabei leiden die Frauen speziell in der ersten Schwangerschaftshälfte unter einer zeitlich begrenzten Schilddrüsenüberfunktion, die auf das Schwangerschaftshormon hCG zurückzuführen ist. Das humane Choriongonadotropin besitzt eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Hormon TSH und stimuliert dadurch auch die Schilddrüse, wobei der Schweregrad der Erkrankung mit den hCG-Spiegeln der Mutter korreliert. Hier wird rein symptomatisch, bei schweren Fällen auch mit Betablockern therapiert. Thyreostatika kommen bei dieser temporären Überfunktion nicht zum Einsatz. Spätestens ab dem zweiten Trimester, wenn sich die Gestationshyperthyreose normalisiert, sollten auch diese Frauen Iodid supplementieren. Oft leiden die Schwangeren mit dieser Erkrankung zeitgleich und wohl ­dadurch bedingt auch an Hyperemesis gravidarum, dem unstillbaren Schwangerschaftserbrechen. Therapiert wird in erster Linie symptomatisch mit oraler oder intravenöser Rehydratation und Elektrolytersatz. In schweren Fällen muss die Schwangere im Krankenhaus bleiben. In der zweiten Schwangerschaftshälfte sinken die hCG-Spiegel im Blut wieder, weshalb sich auch die Schilddrüsenfunktion normalisiert.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Ich sehe, Sie haben von Ihrem Arzt ein Schilddrüsenpräparat mit Iod in der Schwangerschaft verordnet bekommen. Deshalb empfehle ich Ihnen ein Nahrungsergänzungspräparat ohne Iod, da Ihr Schilddrüsenpräparat bereits ausreichend Iod enthält.“
  • „Gerne empfehle ich Ihnen ein geeignetes Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft. Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein, zum Beispiel Schilddrüsenmedikamente?“
  • „Keine Sorge, Sie können auch mit Ihren Schilddrüsenmedikamenten Ihr Baby stillen. Wichtig ist nur, dass die Dosis nach der Schwangerschaft wieder neu angepasst wird. Am besten, Sie vereinbaren direkt einen Termin bei Ihrem Endokrinologen und besprechen dies mit ihm.“

Wenn das Baby da ist

Mit 260 µg Iodid pro Tag ist der Bedarf einer stillenden Mutter noch höher als in der Schwangerschaft. Jede Frau sollte deshalb in der Stillzeit weiterhin Iod supplementieren, denn dieses wird in die Muttermilch sezerniert und sichert die optimale Iodversorgung und Schilddrüsenfunktion des Babys. Außerdem erhöhen ein Iodmangel der Mutter und eine daraus resultierende Schilddrüsenunterfunktion das Risiko für postpartale Depressionen. Bei Frauen mit einer Schilddrüsenunterfunktion wird direkt nach der Geburt die Hormondosis auf die Menge vor der Schwangerschaft reduziert, circa vier bis sechs Wochen später werden die Hormonspiegel im Blut kontrolliert und gegebenenfalls erneut angepasst. Auch für die Laktation spielt eine euthyreote Stoffwechsellage eine wichtige Rolle. Hypothyreosen wirken hemmend auf ­ die Milchbildung, sodass bei einer Frau unter ­L-Thyroxin-Behandlung mit zu geringer Milchproduktion auch unbedingt die Schilddrüsenwerte kontrolliert werden sollten. Auch Frauen mit einer medikamentös behandelten Schilddrüsenüberfunktion können stillen. Mittel der Wahl ist hier Propylthiouracil, aber auch Carbimazol und Thiamazol sind möglich.

Post-Partum-Thyreoiditis

Schätzungen zufolge kommt es bei circa 7 % aller Frauen im ersten Jahr nach der Geburt zu einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, der sogenannten Post-Partum-Thyreoiditis (PPT). Diese Funktionsstörung tritt auch bei Frauen ohne vorherige Schilddrüsenerkrankungen auf und kann sich sowohl in einer Über- als auch einer Unterfunktion äußern. Auch wenn die PPT oft asymptomatisch verläuft, sollte gerade bei Wochenbettdepressionen auch immer an dieses Krankheitsbild gedacht und die Schilddrüse überprüft werden. Bei einem Drittel der Frauen verläuft die PPT biphasisch, nach anfänglicher Hyperthyreose kommt es anschließend zu einer Unterfunktion. Obwohl die Erkrankung in den meisten Fällen folgenlos ausheilt, bleibt es bei jeder dritten Betroffenen bei einer dauerhaften Schilddrüsenunterfunktion. Deshalb sollten betroffene Frauen nach überstandener Erkrankung jährlich die Schilddrüse kontrollieren lassen. 

Dr. Elke Hinderer
Apothekerin, Fachapothekerin für Allgemeinpharmazie, Taufkirchen
autor@ptaheute.de