Symbolträchtig und wirksam – Ginkgo

Leseprobe PTAheute 15+16/2020

Bild: warrengoldswain /iStockphoto.com

Ginkgo – Dieser Baum fasziniert schon durch sein ­Erscheinungsbild. Erst recht lässt seine Entwicklungs­geschichte staunen. Aber auch in pharmazeutischer Hinsicht hat der Ginkgo Besonderes zu bieten – vor ­allem gegen das Vergessen.

Stamm, Äste, Blätter, herbstlicher Laubfall – eigentlich weist Ginkgo biloba die klassischen Merkmale eines Laubbaums unserer Breiten auf. Aber: Das Blatt hat keine für Laubblätter typische Mittelrippe. Zudem verlaufen die Blattnerven pa­rallel und verzweigen sich gabelig. Das sind eher urtümliche Charakteristika. Tatsächlich gehört der Ginkgo in die Kategorie Nacktsamer wie die Nadelbäume, nimmt aber im System der Pflanzen eine isolierte Sonderstellung ein. Er ist das letzte Überbleibsel aus einer stammesgeschichtlich uralten Pflanzengruppe: den Ginkgoartigen.

Beinahe unverwüstlich

Während seine Verwandten alle ausstarben, überdauerte Ginkgo biloba – und das über etwa 150 Millionen Jahre in nahezu unveränderter Weise. Schon zu Zeiten der Dinosaurier sah dieser Baum wohl ungefähr so aus, wie wir ihn heute kennen. Deshalb bezeichnet man den Ginkgo zu Recht als ein „lebendes Fossil“. Diese Durchhaltekraft hat der Ginkgo wohl seiner enormen Anpassungsfähigkeit zu verdanken. Weder Temperaturveränderungen noch Schädlinge konnten ihm etwas anhaben. Er überstand sogar die Eiszeiten, wenn auch nur in wenigen Regionen Südostchinas. Der Mensch sorgt seit circa 300 Jahren durch Anpflanzungen für seine weltweite Wiederverbreitung. Das eindrucksvollste Zeugnis für die Robustheit des Ginkgos ist sicherlich das „Wunder von Hiroshima“. Bei der Atombombenexplosion 1945 verbrannte im japanischen Hiroshima ein Ginkgobaum fast vollständig. Schon im darauffolgenden Frühjahr trieb er wieder grün aus, als erste Pflanze überhaupt. Seitdem ist der Ginkgo ein Symbol für Unbesiegbarkeit und Hoffnung. Der Ginkgo ist ein beliebter Park- und Alleebaum geworden. Auch mit der modernen Umweltverschmutzung kommt dieser Überlebenskünstler zurecht. Deshalb werden Ginkgobäume mittlerweile gerne entlang stark befahrener Straßen gepflanzt.

Beeindruckende Gestalt

Dass der Baum bereits von Weitem auffällt, liegt an seinem Wuchs. In der Jugend hat er zwar meist nur wenige, waagerecht abstehende Äste. Später kann der bis zu 40 Meter hohe Baum eine mächtige Krone entwickeln. Im Herbst bietet dann die leuchtend gelbe Blattfärbung einen Blickfang. Ginkgo biloba ist zweihäusig, es gibt also männliche und weibliche Exemplare. In unseren Breiten werden bei Neuanpflanzungen die männlichen Pflanzen bevorzugt. Die weiblichen Bäume stoßen wegen ihrer Samen auf Ablehnung. Diese mirabellenähnlichen Gebilde enthalten in der fleischigen Samenschale Buttersäure und entwickeln deshalb beim Verfaulen einen unangenehmen Geruch. Die Samen spielten übrigens eine wichtige Rolle bei der Namensgebung: Der Forschungsreisende Engelbert Kaempfer (1651–1716) gab der Pflanze wegen des Aussehens der fleischigen, etwas glitzernden Samen den japanischen Namen „Ginkyo“ (Silberaprikose). Durch einen Druckfehler wurde aus dem „y“ im Namen ein „g“. Die Schreibweise „Ginkgo“ behielt man dann einfach bei. Einige Jahrzehnte später kam in der botanischen Nomenklatur die Artbezeichnung „biloba“ hinzu. Dieser Name bedeutet „zweilappig“ und bezieht sich auf die charakteristische Form der Blätter.

Der Ginkgo-Mythos

Die besondere Ästhetik der langgestielten, fächerartigen Ginkgoblätter begeisterte Künstler und Literaten. In den charakteristisch zweigeteilten Blättern sah man ein Sinnbild für Vereinigung und Trennung. Daraus entwickelte sich ein regelrechter Ginkgo-Mythos. Ein Ausdruck dessen ist zum Beispiel das berühmte Ginkgo-biloba-Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1815 (aus dem „West-östlichen Divan“). Nicht von ungefähr gibt es ausgerechnet in Goethes langjährigem Wohnort Weimar ganz in der Nähe seines ehemaligen Wohnhauses ein Ginkgo-Museum.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ginkgo biloba ist der einzige Vertreter einer längst ausgestor­benen Pflanzengruppe („lebendes Fossil“), weder Laub- noch Nadelbaum sowie äußerst robust und anpassungsfähig.
  • Die fächerförmigen, zweigeteilten Ginkgoblätter enthalten einzigartige Inhaltsstoffe: Ginkgolide und Bilobalid. Diese sind zusammen mit Flavonoiden wirksamkeitsbestimmend.
  • Standardisierter Trockenextrakt aus Ginkgoblättern wurde intensiv erforscht. Qualitativ hochwertige Extrakte sind wirksam und verträglich bei nachlassenden kognitiven Fähigkeiten. In hoher Dosierung können sie bei leichter Demenz eingesetzt werden.
  • Ginkgo-Blattextrakt ist außerdem bei Tinnitus, Schwindel und peripherer arterieller Verschlusskrankheit indiziert.

Einzigartige Inhaltsstoffe

Heutzutage bekommt Ginkgo biloba erneut viel Zuspruch – als Therapeutikum. Hierbei bestätigt sich wieder: Der Ginkgo ist etwas ganz Besonderes. Seine Blätter enthalten Substanzen, die bisher in keiner anderen Pflanze gefunden wurden. Es handelt sich um spezifische Terpenlactone, insbesondere Ginkgolide und Bilobalid. Überdies findet sich ein hoher Gehalt an Flavonoiden. Bereits seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Wissenschaft mit diesem besonderen Inhaltsstoffspektrum und erforscht seine pharmakologischen Effekte.

Schon früh zeigte sich die Wirksamkeit von Ginkgo-biloba-Blattextrakt bei altersbedingten Hirnleistungsstörungen. Durch immer neue klinische Studien wurde dies bis heute vielfach bestätigt. So ist belegt, dass die tägliche Einnahme von Ginkgo-Trockenextrakt bei älteren Menschen mit kognitiven Einbußen Fähigkeiten wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Konzentration verbessert. Es ließen sich auch Verbesserungen der Alltagskompetenz und des emotionalen Befindens sowie der Lebensqualität nachweisen.

Für Gedächtnis und Konzentration

Die meisten wissenschaftlichen Ergebnisse wurden mit dem Ginkgo-Spezialextrakt EGb 761® (z. B. in Tebonin® konzent® 240) gewonnen. Dieses kann laut Leitlinie bei Alzheimer und vaskulärer Demenz eingesetzt werden. Mehr dazu finden Sie im Artikel „Wenn das Vergessen kommt“ ab Seite 42. Andere standardisierte Ginkgo-Blattextrakte (z. B. Gingium® extra 240 mg, Ginkgo-Maren® 240 mg, Ginkobil® ratiopharm 240 mg) erfüllen aber ebenfalls die Arzneibuchanforderungen und sind zu­gelassen zur symptomatischen Behandlung von hirn­organisch bedingten Leistungseinbußen bei demenziellem Syndrom bzw. zur Verbesserung altersassoziierter kognitiver Beeinträchtigung und der Lebensqualität bei leichter Demenz.

In der Tagesdosierung von 240 mg sind Ginkgo-Extraktpräparate bei Demenz verordnungs- und erstattungsfähig – gemäß OTC-Ausnahmeliste: Ginkgo-biloba-Blätter-Extrakt (Aceton-Wasser-Auszug, standardisiert, 240 mg Tagesdosis) nur zur Behandlung der Demenz. Auch wenn Ginkgo-Extrakt-Präparate keine Wunder vollbringen können, ist es bei nachlassender geistiger Leistungsfähigkeit schon ein großer Gewinn, wenn sich der Zustand stabilisiert. Damit sie ihre volle Wirkung entfalten können, müssen solche Präparate aber in hoher Dosierung sowie regelmäßig und ausreichend lange – über mindestens acht Wochen – eingenommen werden. Empfehlenswert ist eine Einnahmedauer von mindestens zwölf Wochen. Laut Studienergebnissen ist Ginkgo-Extrakt schon wirksam, wenn Personen nur ganz leichte kognitive Beeinträchtigungen haben (sogenanntes Mild Cognitive Impairment, MCI). Noch offen ist dagegen die Frage, ob man mit einer vorbeugenden Einnahme von Ginkgo-Extrakt ein Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit verhindern kann.

Breites Wirkspektrum

Generell sind die Effekte von Ginkgo-Extrakt auf gesunde Menschen nicht sehr ausgeprägt. Seine Stärke entfaltet dieses Phytotherapeutikum vielmehr bei Defiziten, die auf einer neuronalen Dysfunktion beruhen. Dank seiner speziellen Inhaltsstoffe hat das pflanzliche Mittel gleich mehrere, synergistische Wirkansätze:

  • Die Fließeigenschaft des Bluts verbessert sich, dies betrifft insbesondere die Mikrozirkulation im Gehirn.
  • Nervenzellen werden besser mit Glucose und Sauerstoff versorgt und dadurch leitungsfähiger.
  • Die für die Energiebereitstellung essenziellen Mitochondrien werden geschützt, ihre Funktion wird verbessert. Eine Dysfunktion der Mitochondrien gilt als wesentlicher Pathomechanismus bei Alzheimer-Demenz, aber auch für andere, altersbedingte kognitive Störungen.
  • Sauerstoffradikale werden inaktiviert.
  • Die synaptische Plastizität erhöht sich, d. h., der permanente Umbau von Synapsen wird gefördert. Dies ist die Grundlage für Lernvorgänge.

Aufgrund des breiten Wirkspektrums ist Ginkgo-Extrakt noch für folgende weitere Einsatzgebiete zugelassen: Tinnitus, Schwindel und periphere arterielle Verschlusskrankheit. Die Tagesdosis beträgt hier jeweils 120 bis 240 mg. Ginkgo-Extrakt-Präparate sind in der Regel gut verträglich und können jahrelang eingenommen werden. Als Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, leichte Magen-Darm-Beschwerden und al­lergische Hautreaktionen möglich. In klinischen Studien traten diese allerdings nicht häufiger auf als unter Placebo. Da Ginkgo-Extrakt die Viskosität des Bluts leicht verringert, lässt sich theo­retisch ein erhöhtes Blutungsrisiko folgern. ­Dieses wird daher in den Fachinformationen aufgeführt, ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt. Wenn ein Patient also blutgerinnungshemmende Medikamente einnimmt, ist die gleichzeitige Anwendung des Pflanzenextrakts zwar möglich – diese Kombination sollte aber mit dem Arzt besprochen werden.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Nehmen Sie das Ginkgo-Präparat regelmäßig. Damit es richtig wirken kann, wenden Sie es mindestens acht Wochen lang an.“
  • „Ja, das Präparat hat seinen Preis. Sie erhalten damit ein hochwertiges pflanzliches Arzneimittel in geprüfter standardisierter Qualität. Dass es tatsächlich wirkt, ist wissenschaftlich erwiesen.“
  • „Sie möchten ein Ginkgo-Präparat, nehmen aber einen Blutverdünner ein? Klären Sie dies bitte erst mit Ihrem Arzt ab.“

Sichere Einnahme gewährleisten

Damit der Ginkgo das in ihm steckende therapeutische Potenzial wirklich entfalten kann und nicht unnötige Risiken beschert, ist eines ganz wichtig: eine hochwertige, standardisierte Extraktqualität. Der Extrakt muss eine festgelegte Mindestmenge an wirksamkeitsrelevanten Ginkgoliden, Bilobalid sowie Flavonoiden enthalten. Gleichzeitig müssen die toxischen und aller­genen Ginkgolsäuren auf eine Menge von höchstens 5 ppm reduziert werden. Nicht apothekenpflichtige Ginkgo-Präparate (meist Nahrungsergänzungsmittel) erfüllen diese Voraussetzungen häufig nicht. Von Ginkgoblätter-haltigen Tees ist abzuraten, denn sie können große Mengen an Ginkgolsäure enthalten und wissenschaftliche Belege für ihre Wirksamkeit fehlen. •