Leseprobe 20/2019 – Voll erwischt

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Fieber und Gliederschmerzen in der Schwangerschaft – Gerade im Herbst und im Winter suchen viele Leidgeplagte Hilfe in der Apotheke – auch Schwangere. Zur Linderung solcher Beschwerden gibt es eine große Auswahl an Präparaten. Doch welche Medikamente sind in der Schwangerschaft geeignet?

Viele Frauen sind während einer Schwangerschaft häufiger erkältet als sonst. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, denn das Immunsystem hat die Aufgabe, nicht nur die Mutter, sondern in erster Linie auch das Baby zu schützen. Außerdem ist der mütterliche Körper mit der Versorgung des Fetus beschäftigt. Beides schwächt die Immunabwehr der Mutter und macht sie dadurch anfälliger für Infekte. Eine Erkältung mit Fieber und Gliederschmerzen ist daher in der Regel kein Anlass zur Sorge – solange das Fieber nicht über 39 °C steigt und nicht länger als 24 Stunden anhält. Ansonsten kann es beim Ungeborenen zu Fehlbildungen kommen. Im späteren Verlauf der Schwangerschaft können vorzeitige Wehen auftreten oder im schlimmsten Fall kommt es sogar zu einer Fehlgeburt.

Wann zum Arzt?

Es ist dringend ratsam, sich an einen Arzt zu wenden, falls in der Schwangerschaft das Fieber die 39 °C-Marke übersteigt und länger als 24 Stunden andauert. Besteht unabhängig von einer Erkältung erhöhte Temperatur, bedarf es ebenfalls eines Arztbesuchs. Der Arzt kann die Ursache für Fieber und Gliederschmerzen klären und entsprechende Maßnahmen wie beispielsweise fiebersenkende Mittel verordnen.

Was tun gegen Fieber und Gliederschmerzen?

Tritt während der Schwangerschaft eine Erkältung mit Fieber und Gliederschmerzen auf, ist es zunächst wichtig, sich ausreichend Ruhe zu gönnen, viel zu schlafen und auf eine gesunde Ernährung zu achten. Fühlt man sich wieder besser, tut ein Spaziergang an der frischen Luft gut – auf Sport ist allerdings zu verzichten. Gerade bei Fieber sollte ausreichend getrunken werden. Eine Schwitzkur mit Holunder- und Lindenblütentee (siehe Artikel ab Seite 110) unterstützt den Genesungsprozess. Auch Wadenwickel sind ein recht bewährtes Hausmittel zur Fiebersenkung. Dabei werden mit lauwarmem Wasser durchfeuchtete Tücher um die Unterschenkel gewickelt. Außerdem gibt es in der Homöopathie zahlreiche Mittel zur Behandlung von erhöhter Temperatur. So stehen je nach Beschwerdebild beispielsweise Aconitum, Apis mellifica, Belladonna, Ferrum phosphoricum oder Gelsemium zur Verfügung.

Wenn’s nicht anders geht – Paracetamol und NSAR

Reichen Hausmittel und entsprechende Maßnahmen zur Linderung von Fieber und Gliederschmerzen in der Schwangerschaft nicht aus, kann auf Paracetamol und NSAR zurückgegriffen werden. Deren Einnahme sollte allerdings auf einen möglichst kurzen Zeitraum begrenzt sein. Die fiebersenkenden und schmerzlindernden Mittel sind dabei so niedrig wie möglich und so hoch wie nötig zu dosieren. Bei der Auswahl eines geeigneten Präparats macht es Sinn, vor allem Wirkstoffe, die in der Langzeitanwendung erprobt sind, auszuwählen und Monopräparate den Kombinationspräparaten vorzuziehen. Insbesondere während des ersten Trimenons sollte eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Als Mittel der Wahl bei Gliederschmerzen und Fieber gelten Paracetamol (während der gesamten Schwangerschaft) und Ibuprofen (bis zur 28. Woche). Im Vergleich zu Paraceta­mol zeigt Ibuprofen zusätzlich eine antiphlogistische Wirkung. Diclofenac mit seinen analgetischen, antipyretischen und antiphlogistischen Eigenschaften sollte nur als Ersatz für Paraceta­mol oder Ibuprofen bis zur 28. Schwangerschaftswoche eingenommen werden. Im Vergleich zu Diclofenac ist die Anwendung von Ibuprofen und Paracetamol in der Schwangerschaft besser erprobt. Acetylsalicylsäure gilt bis zur 28. Woche der Schwangerschaft als Analgetikum, Antipyretikum und Antiphlogistikum der zweiten Wahl.

Eine Low-Dose-Therapie mit Acetylsalicylsäure, die zur Thrombozytenaggregationshemmung, zur Prophylaxe wiederholter Spontanaborte sowie zur Behandlung von Schwangerschaftsvergiftungen (Präeklampsie) eingesetzt wird, kann bei entsprechender Indikation während der gesamten Schwangerschaft durchgeführt werden. Allerdings sollte – falls möglich – vor der Geburt die Low-Dose-Therapie abgesetzt werden.

Vorzeitiger Verschluss des Ductus arteriosus Botalli

Ab der 28. Schwangerschaftswoche ist die Therapie mit Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure mit 500 mg kontraindiziert, da diese Wirkstoffe einen vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus Botalli (siehe Kasten auf Seite 34) induzieren können. Ein vorzeitiger Verschluss dieser Verbindung führt möglicherweise zu einem erhöhten Blutdruck im kindlichen Lungenkreislauf (pulmonale Hypertonie). Die Kontraindikation für NSAR ab der 28. Woche gilt auch für topische Zubereitungen wie Salben, Cremes oder Gele.

Keine NSAR ab der 28. Woche

Die Einnahme von NSAR im letzten Schwangerschaftsdrittel kann nicht nur einen vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus Botalli, sondern auch eine Nierenfunktionsstörung beim Fetus und beim Neugeborenen auslösen. Eine Therapie mit NSAR, vor allem mit Salicylaten im letzten Trimenon, vermindert die Uteruskontraktilität durch Hemmung der Prostaglandinsynthese. Folglich kommt es zu einer abgeschwächten Wehentätigkeit, wodurch der Geburtsvorgang länger andauert beziehungsweise sich der Geburtseintritt verzögert. Früher wurden daher insbesondere Salicylate zur Wehenhemmung – der sogenannten Tokolyse – eingesetzt. Dabei kam es allerdings während der Geburt zu einem verstärkten mütterlichen Blutverlust und das Risiko für Hirnblutungen beim Baby, insbesondere bei Frühgeborenen, stieg an.

Das Wichtigste in Kürze

  • Neben einer Erkältung können auch Infektionen mit CMV, Influenzaviren oder Paroviren Fieber auslösen.
  • Die Einnahme von Paracetamol und NSAR in der Schwangerschaft sollte nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung über einen möglichst kurzen Zeitraum in einer möglichst geringen Dosis und so selten wie möglich erfolgen. Kombipräparate sind dabei zu meiden. Am besten geeignet sind Wirkstoffe mit einem hohen Erfahrungswert aufgrund von Langzeitanwendung.
  • Im Gegensatz zu Paracetamol ist die Einnahme von NSAR ab der 28. Schwangerschaftswoche kontraindiziert, da unter anderem die Gefahr eines vorzeitigen Verschlusses des Ductus arteriosus Botalli besteht.
  • Paracetamol und NSAR haben möglicherweise teratogene Wirkungen auf das ungeborene Baby. Deswegen sollten sie nur im absoluten Notfall zum Einsatz kommen.

Paracetamol und NSAR –teratogenes Potenzial oder nicht?

Paracetamol und die NSAR Ibuprofen, ASS und Diclofenac sind plazentagängig. Somit gelangen sie vom mütterlichen in den kindlichen Blutkreislauf. Aufgrund vorliegender Studiendaten wurde die Einnahme von Paracetamol und NSAR mit Fehlbildungen beim Ungeborenen in Verbindung gebracht. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer teratogenen Wirkung. Allerdings sind die Fallzahlen von Studien recht gering und daher nicht aussagekräftig. Momentan geht man davon aus, dass das Fehlbildungsrisiko unter Therapie mit diesen Wirkstoffen nicht erhöht ist. Trotzdem sollte eine Medikation mit Paracetamol und NSAR nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen.

Die Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft begünstigt möglicherweise später auftretendes Asthma, motorische Verhaltens­auffälligkeiten und Störungen der Sprachentwicklung. Darüber hinaus wird es neben den NSAR für das Auftreten von Hodenhochstand und Gastroschisis beim Neugeborenen verantwortlich gemacht. Gastroschisis bezeichnet eine Fehlbildung der Bauchwand des Kindes, bei der Darmschlingen in die Fruchtwasserhöhle vorfallen. Studien weisen darauf hin, dass die Einnahme von Paracetamol und NSAR eventuell die Fruchtbarkeit des Nachwuchses herabsetzt. Es besteht Unsicherheit, ob NSAR nicht auch das Risiko für kardiovaskuläre Defekte, für eine pulmonale Hypertonie sowie für eine nekrotisierende Enterokolitis (NEC) erhöhen. Eine NEC äußert sich als Entzündung der Darmwand, die einen schweren, lebensbedrohlichen Verlauf nehmen kann. Diese tritt häufig bei Frühgeborenen auf. Es ist zudem ungewiss, ob Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure das Risiko für Fehlgeburten erhöhen.

Ductus ateriosus Botalli

Ungeborene atmen erst ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt selbstständig über die Lunge. Während der Schwangerschaft erfolgt die Versorgung mit Sauerstoff über das mütterliche Blut durch die Plazenta. Der Lungenkreislauf wird dabei umgangen, das heißt, es erfolgt kein relevanter Blutfluss durch die noch unreife Lunge. Das Blut geht direkt von der Lungenarterie über in die Aorta, die das Blut aus der linken Herzkammer leitet. Der Blutfluss von der Lungenarterie in die Aorta ist beim Fetus möglich, da zwischen diesen Gefäßen eine extra Verbindung besteht. Diese Verbindung wird als Ductus arteriosus Botalli bezeichnet und während der ersten Lebenstage des Neugeborenen verschlossen – der Körperkreislauf ist nun mit dem Lungenkreislauf verbunden.

Ansteckung mit demCytomegalievirus (CMV)

Fieber muss nicht zwingend Symptom einer Erkältung sein – erhöhte Temperatur kann auch durch zahlreiche andere Erreger ausgelöst werden. Während eine Erkältung in der Schwangerschaft keine Gefahr darstellt, sieht es bei bestimmten Krankheitsbildern wie zum Beispiel einer Cytomegalie ganz anders aus. Infiziert sich eine Schwangere mit CMV, besteht zwar für die Schwangere selbst kein Risiko, für das Ungeborene dagegen schon. Ein Teil der betroffenen Frauen spürt lediglich leichte Erkältungssymptome wie Fieber, Kopf- oder Gliederschmerzen und ist sich nicht bewusst, an Cytomegalie erkrankt zu sein. Manchmal schwellen auch die Lymphknoten an. Steckt sich eine Frau während ihrer Schwangerschaft zum ersten Mal über Körperflüssigkeiten wie Speichel, Blut, Urin oder Sperma mit dem Virus an und wird dieses über die Plazenta auf den Fetus übertragen, kann das für das Ungeborene schwere Folgen wie zum Beispiel Gehirnentzündung, Wachstumsstörung, Milzvergrößerung, Augenschäden, Leberschäden oder Schwerhörigkeit haben. Eine Infektion mit CMV wird mittels Blutuntersuchung der Mutter und Ultraschall des Babys festgestellt. Bei entsprechend frühzeitiger Therapie sind die Erfolgschancen recht hoch. Maßnahmen zur Vorbeugung sind regelmäßiges Händewaschen mit Seife, Benutzung von eigenem Geschirr und Vermeidung von Speichelkontakt, gerade bei Kleinkindern.

Winterzeit ist Grippezeit

Neben einer Erkältung oder einer Infektion mit CMV kann auch die Influenza – die echte Grippe – ein Grund für Fieber in der Schwangerschaft sein. Auch sie stellt ein gewisses Risiko dar. Während CMV eher für das Ungeborene gefährlich ist, kann eine echte Grippe eher eine Gefahr für die werdende Mutter selbst sein. Während der Schwangerschaft verläuft sie häufig noch schwerer, da das Immunsystem der Schwangeren ohnehin schon geschwächt ist. Die Symptome einer Influenza mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sind denen einer Erkältung recht ähnlich, aber sie treten bei einer Influenza plötzlicher und heftiger auf. Auf jeden Fall sollte ein Arzt aufgesucht werden. Es wird allen Schwangeren dazu geraten, sich im zweiten oder dritten Trimenon während der Influenzasaison impfen zu lassen. Bei chronischen Erkrankungen wird empfohlen, sich bereits im ersten Trimenon impfen zu lassen.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Machen Sie sich keine Sorgen, die Erkältung wird Ihrem Baby nicht schaden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Sie während Ihrer Schwangerschaft häufiger krank sind als sonst. Das liegt daran, dass das Immunsystem nicht nur für Sie, sondern auch für Ihr Baby arbeiten muss. Dadurch ist es viel anfälliger für Infekte.“
  • „Es ist wichtig, sich bei einer Erkältung viel Ruhe zu gönnen, ausreichend zu schlafen und auf eine gesunde Ernährung zu achten. Sie werden sehen, dass Sie sich bald wieder fit fühlen.“
  • „Falls Ihr Fieber höher als 39 °C ist und das länger als einen Tag, müssen Sie unbedingt einen Arzt aufsuchen. Dieser kann die Ursache für Ihr Fieber klären und Ihnen entsprechende Medikamente verordnen.“

Auch Ringelröteln können gefährlich sein

Auch das humane Parvovirus B19, der Erreger der Ringelröteln, löst zunächst harmlose Erkältungsbeschwerden aus, die sich als leichtes Fieber mit einer geringen Schwellung der Lymphknoten äußern. Ein paar Tage später ist dann der typische Hautausschlag sichtbar. In vielen Fällen bleibt dieser allerdings aus – die Infektion verläuft dann unbemerkt. Trotzdem können Schwangere die Erreger an ihr Ungeborenes weitergeben. Gelangen diese in den kindlichen Blutkreislauf, befallen sie dort blutbildende Zellen und lösen dadurch Blutarmut und Schäden an Organen wie beispielsweise am Herz aus. Im schlimmsten Fall droht sogar eine Früh- oder Fehlgeburt, besonders in den ersten Schwangerschaftsmonaten. Eine Infektion mit dem Erreger wird mittels Blutuntersuchung festgestellt. Im Falle einer Übertragung wird einmal pro Woche ein Ultraschall durchgeführt. Bei Bedarf erfolgt eine Therapie durch Verabreichung von Blutkonserven. Es ist schwierig, sich vor einer Infektion zu schützen, da bereits vor dem Auftreten von Krankheitszeichen die größte Ansteckungsgefahr besteht. Man kann allerdings versuchen, das Ansteckungsrisiko durch einfache Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen zu minimieren. Die Übertragung des Parovirus erfolgt mittels Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch oder über Gegenstände. Ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht vor allem für Schwangere, die noch keine Ringelröteln hatten. Wer dagegen bereits einmal erkrankt war, besitzt einen lebenslangen Schutz. Gegen Ringelröteln gibt es – anders als bei Röteln – keine Impfung. 

Lena Schlegl
Apothekerin