Leseprobe PTAheute 20/2020 – Abflusshilfe

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Lymphdrainage – Um Lymphödeme zu reduzieren, werden von dafür ausgebildeten Therapeuten Lymphdrainagen durchgeführt. Frau Mayr hat vom Arzt ein Rezept über eine solche Therapie erhalten. 

Ein Rezept über Schlauchverband, Polsterwatte und viele Kurzzugbinden wird der PTA am Freitagnachmittag von Frau Mayr vorgelegt. Am Montag gehe die Prozedur los, erzählt sie und seufzt. Dann müsse sie zweimal täglich zur Lymphdrainage und zum Wickeln. Aber wenigstens wären danach ihre Beine nicht mehr so geschwollen, habe die Ärztin ihr versprochen. Frau Mayr erkundigt sich bei der PTA, ob sie denn wisse, was bei einer Lymphdrainage so gemacht wird, normale Massagen würden ihr nämlich immer so wehtun. An diesem Punkt kann die PTA Frau Mayr getrost beruhigen, denn außer der Tatsache, dass sowohl die Massagen als auch die Lymphdrainage von dafür ausgebildeten Physiotherapeuten durchgeführt werden, hat eine Lymphdrainage wenig mit einer klassischen Massage gemein.

Sanfte Entstauung

Der Begriff Lymphdrainage leitet sich vom lateinischen Wort „lympha“ für klares Wasser und dem französischen Wort „drainage“ für Entwässerung ab. Die Lymphdrainage ist eine manuelle Entstauungstherapie, um den Lymphabfluss zu steigern. Die gestaute Lymphe wird dabei sanft in Richtung Lymphsammelgefäße verschoben und zur Blutbahn zurückgeführt, damit die überschüssige Flüssigkeit über die Niere ausgeschieden werden kann. Im Gegensatz zu den festen Handgriffen der klassischen Massage wird die Lymphdrainage mit sanften Streich- und Kreisbewegungen durchgeführt. Es gibt vier Grundgriffe bei dieser Therapieform, mit denen ein Reiz auf die Haut (Cutis und Subcutis) ausgeübt wird. Dadurch werden die Lymphgefäße gedehnt und ihre Eigenbewegung wird angeregt. In der Folge wird vermehrt Lymphe gebildet, das heißt, Flüssigkeit aus dem Gewebe wird aufgenommen und über die Lymphbahnen in Richtung Lymphsammelgefäße abgeleitet. Die Lymphödeme werden dadurch reduziert.

Was sind Lymphödeme eigentlich?

Chronische Lymphödeme sind entzündliche Erkrankungen des Interstitiums (des Zell-, Gewebs- oder Organzwischenraums), bei denen sich Lymphflüssigkeit im Gewebe staut. Diese entstehen als Folge einer Schädigung des körpereigenen Lymphtransportsystems, bei der man zwischen den angeborenen, also primären Formen, und sekundär erworbenen Formen unterscheidet (mehr dazu im Artikel ab Seite 16). Ob vererbt oder erworben, in jedem Fall kann die Lymphe nicht im notwendigen Maße aus dem Gewebe abtransportiert werden. Dadurch kommt es auf Dauer neben der Schwellung zu Veränderungen der Haut. Sie verdickt sich und es können sich Schrunden, Ekzeme und im schlimmsten Fall chronische Wunden bilden. Einen kurzen Überblick über die vier Stadien des Lymphödems gibt die Tabelle auf Seite 44.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Lymphdrainage ist keine Massage im klassischen Sinn, es wird viel weniger Druck ausgeübt.
  • Durch spezielle Griffe wird der Abfluss der Lymphe angeregt und die überschüssige Gewebsflüssigkeit über die Lymphe wieder dem Blutkreislauf zugeführt.
  • Hauptanwendungsgebiete der Lymphdrainage sind angeborene oder erworbene Lymphödeme. Sie kann aber auch bei Schwangerschaftsödemen, rheumatischen Beschwerden und bei der Migränetherapie helfen.
  • Bei Lymphödemen sind Lymphdrainagen allein wenig sinnvoll. Sie werden im Rahmen einer komplexen physikalischen Entstauungstherapie verordnet, die unter anderem auch Kompressionstherapie und Bewegungstherapie beinhaltet.

Nur etwas für Fachleute

Lymphdrainagen dürfen nur von Physiotherapeuten oder Masseuren (selten auch Phlebologen) mit einer speziellen Zusatzausbildung angeboten werden. Entwickelt wurde diese Therapieform in den 1930er-Jahren vom dänischen Masseur Emil Vodder, der sie 1936 in Paris erstmals auf einem Kongress vorstellte. In Deutschland gründete er zusammen mit dem Arzt Dr. Johannes Asdonk und weiteren Ärzten 1967 die Gesellschaft für manuelle Lymphdrainage, aus der später die Deutsche Gesellschaft für Lymphologie hervorging. Die manuelle Lymphdrainage ist seit Anfang der 1970er-Jahre im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen enthalten und kann auf Rezept verordnet werden.

Hände weg

So sanft die Lymphdrainage auch von den Berührungen her sein mag, bei manchen Krankheitsbildern ist sie absolut kontraindiziert. So darf sie nicht bei dekompensierter Herzinsuffizienz angewendet werden, bei der die Ödeme aufgrund der mangelhaften Pumpleistung des Herzens entstanden sind. Eine Mobilisierung peripherer Ödeme und die Rückführung der Flüssigkeit in den Blutkreislauf können das geschwächte Herz zusätzlich belasten. Auch bei tiefen Beinvenenthrombosen ist die Lymphdrainage kontraindiziert, da die Gefahr einer Lungenembolie besteht. Beim Vorliegen eines Erysipels (einer bakteriellen Infektion der Haut und der Lymphgefäße) oder eines schweren Stadiums der arteriellen Verschlusskrankheit darf ebenfalls keine Lymphdrainage erfolgen.

Vermeidbarer Lymphstau im Wochenbett: ­schmerzhafter Milcheinschuss

Ein Problem, das viele frischgebackene Mütter kennen: Ungefähr zwei bis vier Tage nach der Geburt schwellen die Brüste stark an, sind gerötet, warm und schmerzen. Oft ist die Brust so angeschwollen, dass die Mamille (Brustwarze) deutlich abgeflacht ist und das Baby Probleme hat zu trinken. Dieser Zustand, im Laienmund Milcheinschuss genannt, geht meist mit dem Beginn der reichlichen Milchbildung einher, also der Umstellung der Brustdrüse von Kolostrum – sehr proteinreiche Milch, die in den ersten Tagen nach der Geburt produziert wird – auf größere Mengen Muttermilch. Die Beschwerden beim Milcheinschuss werden von einem Lymphstau hervorgerufen, weshalb der korrekte medizinische Fachterminus auch schmerzhafte initiale Brustdrüsenschwellung lautet. Ursache für diese stark schmerzhaften Zustände ist meist zu seltenes oder zu kurzes Stillen in den ersten ein bis zwei Lebenstagen des Babys. Dadurch wird zu wenig Kolostrum aus den Milchgängen entleert, was einen Lymphstau in der gut durchbluteten Brustdrüse fördern kann. Bei einer schmerzhaften initialen Brustdrüsenschwellung können im Rahmen anderer Maßnahmen auch spezielle Griffe in Richtung Achselhöhle angewendet werden, mit denen der Lymphabtransport gefördert wird.

Drainage und Kompression – nur im Team sinnvoll

Zur Therapie eines Lymphödems sind Lymphdrainagen alleine nicht sinnvoll. Schon wenige Stunden bis Tage nach der Behandlung kann sich das Ödem wieder ausbilden. Das betroffene Bein beispielsweise läuft sozusagen wieder voll, wenn nicht anschließend von außen eine Kompression angelegt wird, die dies verhindert. Deshalb sind Lymphdrainagen meist Bestandteil der komplexen physikalischen Entstauungstherapie (KPE) zur Ödemreduktion. Diese besteht aus fünf Therapiesäulen: der Lymphdrainage, der anschließenden Kompression, der Bewegungstherapie, der Hautpflege und der Patientenschulung. Alle fünf Methoden führen kombiniert zum bestmöglichen Ergebnis.

Erfolg in zwei Phasen

Die KPE wird in zwei Phasen durchgeführt. In Phase 1, der Akutphase, ist das Hauptziel die Ödemreduktion. Hier wird ein- bis dreimal täglich eine Lymphdrainage mit anschließender Hautpflege und Kompression durchgeführt. Ein Kompressionsverband besteht aus einem Baumwollstrumpf und Polstermaterialien, die dem Hautschutz dienen. Darüber werden dann Kompressionsbinden angelegt. Da sich in dieser Phase der Umfang der zu behandelnden Körperregion stetig ändert, werden für die Kompression in der Regel Kurzzugbinden benutzt. Kurzzugbinden sind im Gegensatz zu den klassischen Langzugbinden weniger dehnbar und erzeugen dadurch einen geringeren Ruhedruck (sind also besser aushaltbar, auch in der Nacht), aber einen höheren Druck beim Gehen und Bewegen. Fachmännisch angelegt, verringern Kurzzugbinden den Austritt weiterer Flüssigkeit ins Gewebe, verbessern den Abtransport der Lymphe und verhindern ein Zurücklaufen von Flüssigkeit ins Gewebe. Hat das betroffene Körperteil in Phase 1 einen deutlich reduzierten Umfang erreicht, geht die KPE in Phase 2 über: die Erhaltungsphase. Nun ist abhängig vom Schweregrad der Erkrankung eine Lymphdrainage, die in der Regel ein- bis zweimal pro Woche erfolgt, ausreichend und die Kompression kann nun, da der erwünschte Umfang erreicht wurde und konstant erhalten werden soll, zum Beispiel mithilfe von Strümpfen erfolgen.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Die Flachstrick-Kompressionsstrümpfe messen wir Ihnen gerne an. Dafür können wir dann einen Termin vereinbaren. Den machen wir aber erst, wenn Ihre Beine nicht mehr gewickelt werden müssen und sich das Lymphödem zurückgebildet hat, damit die Strümpfe dann auch gut passen.“
  • „Unter Ihren Strümpfen ist die Hautpflege sehr wichtig, damit die Haut nicht zu trocken wird und sich entzündet. Ich empfehle Ihnen eine pH-hautneutrale pflegende Creme, die die Hautbarriere unterstützt.“
  • „Sie brauchen wirklich alle Verbandstoffe, die Ihnen Ihr Arzt aufgeschrieben hat. Zuerst den Baumwollstrumpf, darauf die Polsterwatte, um die Haut zu schützen, und darüber dann die Kurzzugbinden, damit die Lymphflüssigkeit nach der Drainage nicht gleich wieder ins Bein fließt.“

Angemessene Versorgung

Um den Status quo eines fortgeschrittenen Lymphödems in Phase 2 zu erhalten, werden bei betroffenen Extremitäten meist flachgestrickte Kompressionsstrümpfe eingesetzt, die patientenindividuell angemessen und hergestellt werden. Bei der Herstellung können bei jeder neuen Reihe Maschen zu- oder abgenommen werden, sodass der fertige Strumpf genau passt. Flachgestrickte Strümpfe sind weniger dehnbar als rundgestrickte Kompressionsstrümpfe, die zum Beispiel bei Venenleiden zum Einsatz kommen. Sie erzeugen aufgrund ihrer Fadenführung einen höheren Druck und verhindern die Ödemneubildung.

Gut geschützt?

Leidet ein Patient unter einem Lymphödem, ist eine gute Hautpflege sehr wichtig, da sowohl dieses Krankheitsbild als auch seine Therapie eine besondere Belastung für das größte Organ des menschlichen Körpers darstellen. Je nach Schweregrad und Stadium des Lymphödems (siehe Tabelle Seite 44) sind nicht nur Cutis und Subcutis verdickt, sondern die Epidermis ist zusätzlich trophisch verändert, also schlecht durchblutet und innerviert. Zudem ist die lokale Immunantwort gestört, sodass das Zusammenspiel dieser Faktoren die Anfälligkeit gegenüber Infektionen mit Bakterien oder Pilzen stark erhöht. Die komprimierenden Materialien stellen eine zusätzliche Belastung für die Haut dar, die tägliche Hautpflege sollte von den Patienten sehr ernst genommen werden. Die aktuellen Leitlinien empfehlen hierzu pH-hautneutrale Syndets zum Waschen sowie W/O-Emulsionen für die Pflege der meist trockenen Haut. Als pflegende Zusätze werden Glycerol, Urea, Shea-Butter und Ceramide von den Fachgesellschaften empfohlen.

Weitere Anwendungsmöglichkeiten

Neben der klassischen Anwendung bei Lymphödemen kommt die Lymphdrainage auch bei postoperativen Schwellungen, Ödemen aufgrund rheumatischer Beschwerden, dem Karpaltunnelsyndrom oder Schwangerschaftsödemen zum Einsatz. Auch in der Migränetherapie wird teilweise mit Lymphdrainage gearbeitet. Beworben wird sie auch zur Reduktion von Cellulite, eine nachgewiesene Wirkung für diese Indikation gibt es jedoch nicht.