Diabetes digital

Leseprobe PTAheute 5/2021

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Immer mehr Patienten nutzen Gesundheitsapps, um sich beispielsweise an die Einnahme von Medikamenten erinnern zu lassen. Manche Apps werden sogar von gesetzlichen Krankenkassen erstattet.

Seit gut einem Jahr ist in Deutschland das Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (Digitale-Versorgung-Gesetz – DVG) in Kraft getreten. Dadurch können unter anderem Gesundheitsapps vom Arzt verordnet und die Kosten von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden. Gerade für Diabetespatienten sind spezielle Diabetesanwendungen, die Daten elektronisch erfassen und auswerten, eine echte Hilfe. Schließlich benötigen die Betroffenen im Laufe eines Tages eine Vielzahl von gesundheitlich relevanten Daten.

Eine App auf Rezept?

Vor einer Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen muss die jeweilige App in ein sogenanntes DiGA-Verzeichnis des Bundesamts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgenommen werden. Eine Aufnahme in diese Liste erfolgt dann, wenn die App eine Prüfung auf Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Qualität, Datensicherheit und Datenschutz bestanden hat. Die Herstellerfirma kann die Höhe der Bezahlung für ihre Anwendung direkt mit dem GKV-Spitzenverband aushandeln. Bei einer Verordnung durch den Arzt müssen die Patienten auch keine Zuzahlung leisten, es fällt lediglich eine Schutzgebühr von einem Euro an.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gesundheitsapps, die im DiGA-Verzeichnis des BfArM zu finden sind, können vom Arzt auf Rezept verordnet werden.
  • Apps für Diabetiker sind bisher noch nicht in der DiGA-Liste zu finden.
  • Empfehlenswerte digitale Anwendungen für Diabetes-Patienten tragen das Siegel DiaDigital.
  • Mithilfe des Freestyle Libre Messsystems können Diabetiker ihren Blutzucker kontinuierlich überwachen.

DiGA-Verzeichnis umfasst bisher nur wenige Apps

Anfang Oktober 2020 hat das BfArM kalmeda als erste App in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen. Sie bietet Patienten mit chronischem Tinnitus eine leitlinienbasierte, verhaltenstherapeutische Therapie an. Weitere Apps dienen der Unterstützung von Menschen mit Angststörungen oder starkem Übergewicht. Bisher wächst die Liste nur langsam, da die digitalen Hilfsmittel genau überprüft werden müssen. Weitere Apps befinden sich momentan in der Prüfphase. Auf jeden Fall ist Deutschland das erste Land, in dem es digitale Gesundheitsanwendungen auf Rezept gibt.

Apps bei Diabetes?

Das DiGA-Verzeichnis umfasst bisher noch keine digitalen Anwendungen speziell für Diabetiker. Doch gerade diese Patientengruppe muss für eine optimale Kontrolle des Stoffwechsels mit einer Fülle an Daten umgehen. Zu nennen sind hier die Glucosewerte, Uhrzeit der Insulininjektion, die jeweilige Insulinart und -dosis und die benötigte Menge an Kohlenhydraten bei der Nahrungsaufnahme. Aus diesem Grund gibt es auf Initiative der diabetischen Fachverbände in Deutschland schon seit 2017 ein Gütesiegel für entsprechende Apps. Die unter dem Label Diadigital aufgelisteten Anwendungen gelten für Diabetiker als besonders empfehlenswert (siehe Kasten). Die Apps mit Diadigital-Siegel zeichnen sich durch eine gute Benutzbarkeit durch den Anwender und den behandelnden Arzt aus, die Angaben und Empfehlungen der Anwendung sind medizinisch überprüft.

Angeboten werden die digitalen Anwendungen für mobile Geräte sowohl mit dem Betriebssystem Android als auch iOS. Eine ärztliche Verordnung auf Rezept und damit eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse sind allerdings erst möglich, sobald die Apps vom BfArM geprüft und in das bereits erwähnte DiGA-Verzeichnis aufgenommen worden sind.

Apps zur Hilfe bei der Ernährung

Insulinpflichtige Diabetiker müssen bei ihrer täglichen Ernährung immer den Kohlenhy­dratgehalt eines Lebensmittels, die sogenannten Broteinheiten, im Blick haben. Die App Broteinheiten/BE Rechner Pro hilft den Patienten bei der Auswahl der Nahrungsmittel und ist somit eine wertvolle Hilfe bei der optimalen Gestaltung der Ernährung. Für fast jedes Lebensmittel kann schnell die jeweilige Broteinheit nachgelesen werden, auch die Menge der Portion kann angepasst werden. Fertigprodukte sind ebenfalls gelistet und auch beim Besuch im Restaurant ist die App hilfreich. Als weiteres informatives Nachschlagewerk dient die App Nutricheck. Sie gibt Auskunft über Kalorien, Fett-, Protein- und Kochsalzgehalt zahlreicher Lebensmittel. Aufgeführt sind neben Frisch- und Supermarktprodukten auch zahlreiche Snacks und Fastfood-Speisen. Neben einer Stichwortsuche besteht auch die Möglichkeit, Strich- oder Barcodes mit dem Smartphone zu scannen. Diabetiker mit Nierenpro­blemen können zudem einen Filter anwenden, der es erlaubt, Lebensmittel mit niedrigem Proteingehalt anzuzeigen.

Apps mit Diadigital-Siegel

Ausgezeichnet wurden bisher ein Broteinheiten-Rechner, ein Ernährungsratgeber, zwei Anwendungen zur Therapieunterstützung und vier Tagebuch-Apps.

  • Broteinheiten / BE Rechner Pro
  • Nutricheck
  • Mytherapy
  • lumind
  • Diabetes Tagebuch
  • meindiabetes
  • Omnitest
  • Sidiary

Unterstützung der Therapie

Auch beim täglichen Umgang mit Arzneimitteln können sich Diabetiker von digitalen Anwendungen unterstützen lassen. Die App Mytherapy erinnert an die regelmäßige Einnahme der Tabletten und an die Messung des Blutzuckers. Über eine Tagebuchfunktion können die Einnahme und die gemessenen Werte dokumentiert und auch dem Arzt vorgezeigt werden. Eine strukturierte Messroutine unterstützt auch die App lumind. Diese Anwendung erinnert Patienten mit einem dezenten Geräusch oder einem Lichteffekt an das Messen. Blutzucker-Messgeräte, die mit der App kompatibel sind, übermitteln die gemessenen Werte automatisch über Bluetooth, ansonsten können entsprechende Werte auch manuell eingegeben werden. Eine Lampe warnt dann mit rotem oder blauem Licht vor ungesunden Werten, bei Werten im Zielbereich erscheint dagegen ein grünes Signal.

Diabetes-Tagebücher

Digitale Tagebücher wie die Anwendungen Diabetes Tagebuch, meindiabetes, Omnitest und Sidiary unterstützen Patienten dabei, ihre Erkrankung im Alltag zu managen und eine gesunde Lebensweise einzuhalten. In ein Tagebuch können Blutzuckerwerte, verzehrte Kohlenhydratmengen, Tabletteneinnahme oder sportliche Aktivitäten eingetragen werden. Auch Daten aus kompatiblen Messgeräten für Blutzucker und auch Blutdruck kann man einbinden. Die jeweiligen Werte können grafisch aufbereitet und je nach Bewertung der Blutzuckerwerte mit unterschiedlichen Signalfarben wie Rot, Gelb oder Grün dargestellt werden.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Wenn der Arzt entscheidet, dass die App für Ihre Behandlung erforderlich ist, kann er Ihnen dafür – wie für ein Medikament – ein Rezept ausstellen. Das Rezept wird dann direkt bei der Krankenkasse eingelöst. Das geschieht meist entweder per Post oder per Rezeptscan mit der entsprechenden GKV-App.“
  • „Bei manchen Krankenkassen kann man auch direkt die Erstattung einer App beantragen. Dafür braucht man meist die App der entsprechenden Krankenkasse. Die Kasse verlangt vor der Erstattung aber die Vorlage bestimmter medizinischer Nachweise.“

Blutzucker mit einer App überwachen

Eine innovative Form der Blutzuckermessung bietet das Freestyle Libre Messsystem an. Ein Sensor am Oberarm misst mittels eines 5 mm langen Fühlers den Glucosegehalt nicht im Blut, sondern in der Zwischenzellflüssigkeit. Blutzuckermessungen werden so im Alltag unkomplizierter, Stechhilfen und Teststreifen überflüssig. Der Sensor misst die Werte im Gewebe fortlaufend bis zu 14 Tage lang. Um den jeweils aktuellen Wert zu erhalten, kann der Sensor mit dem zugehörigen Lesegerät, bei Verwendung der App Librelink auch mit dem Smartphone gescannt werden. Das Freestyle Libre Messsystem ist mittlerweile ins Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbands aufgenommen worden. Damit können die Kosten für Patienten mit intensivierter Insulintherapie unter bestimmten Voraussetzungen übernommen werden.