CSI Apotheke: Rezepte fälschen - Teil 2

Ein Klassiker: kurz vor Feierabend kommt ein Mann mit einem Privatrezept für Tilidin-Tabletten. Solche Rezepte kommen gerne mal zu Uhrzeiten, an denen man nicht mehr mit der Praxis telefonieren kann. Also eben abends. Oder Mittwochnachmittag, Freitagnachmittag, Samstag, im Notdienst. Es gibt viele Möglichkeiten. Die Kollegin sagte ihm, dass wir diese Sorte bestellen müssen und der Mann, der übrigens sehr nett war und so gar nicht wie ein Rezeptfälscher rüberkam, sagte ihr, dass das kein Problem sei. Morgenabend würde er die Tabletten abholen. Nachdem der Mann die Apotheke verlassen hatte, zeigte die Kollegin das Rezept einer weiteren Kollegin und sehr schnell war beiden klar, dass es sich bei dem Rezept sehr wahrscheinlich um eine Fälschung handelt. Man erkennt das meist ganz gut an den etwas schräg geschnittenen Kanten (jaja, es gibt also einen Grund, warum man ab dem Kindergarten lernt, mit einer Schere gerade Kanten zu schneiden!) und der Druckfarbe. Wiederum kann ein Privatrezept natürlich auch mal komisch aussehen, wenn der Arzt keinen Standardvordruck benutzt.

Am nächsten Morgen hat meine Kollegin bei dem Arzt angerufen. Er seufzte: „Och ne. Nicht schon wieder…“ Was soll ein Arzt auch machen? Immerhin kann jeder, dem mal ein (Privat)-Rezept ausgestellt wurde, die wichtigsten Kriterien leicht nachahmen. Und selbst, wenn ein Fehler beim Ausstellen gemacht wird, schließt das bekanntermaßen die Echtheit eines Rezeptes nicht zwangsweise aus. Nach dem Anruf beim Arzt folgte also der Anruf bei der Polizei. Mal wieder… Wenn der Mann wiederkommt, sollen wir die 110 wählen und ihn irgendwie hinhalten, bis die Polizei vor Ort ist.

Am Nachmittag kamen zwei Jugendliche mit dem Abholschein. Der eine sagte, dass die Tabletten für seinen Opa seien und er sie gerne abholen wollte. Sein Opa hat zu starke Schmerzen, um sie selbst zu holen. Laut Rezept war das Geburtsjahr des Opas 1977. Nun gibt es Leute, die sehr früh Kinder bekommen, aber das war natürlich keine runde Geschichte. Die Polizei machte sich auf den Weg zu uns und die Kollegin sagte, dass die Ware gerade noch ausgepackt und verbucht werden müsste. Das würde noch einen Moment dauern. Die zwei Jungs waren dabei mega entspannt. Der eine hat mit seinem „Opa“ telefoniert und meinte zu ihm, dass er gleich mit seinen Tabletten bei ihm vorbeikommen würde. Nebenbei haben die beiden Nachrichten geschrieben und sich ganz nett mit meiner Kollegin unterhalten. Meiner anderen Kollegin sind vor der Apotheke noch zwei junge Männer aufgefallen, die immer wieder die zwei Jungs beobachtet haben. Mit der Zeit entwickelt man einen Instinkt wie ein CSI-Ermittler. Sie war sich sicher, dass die beiden jungen Männer dazugehören. Und wie sollte es anders sein? Sie haben das Center genau verlassen als sechs (!!!) Polizisten die Apotheke stürmten und die zwei Jungs direkt vor dem HV-Tisch festnahmen.

Die Jungs wussten nicht so recht, wie ihnen das jetzt passieren konnte. Allerdings waren sie an die Polizei schon gewöhnt. Beide waren vorbestraft und bekannt. Und hatten neben einer eigenen dicken Akte auch schon einen eigenen Sachbearbeiter. In diesem Fall beteuerten sie allerdings ihre Unschuld: sie seien vor dem Center von zwei jungen Männern gestoppt und mit einem Messer bedroht worden. Die jungen Männer hätten sie gezwungen, die Tabletten in der Apotheke abzuholen. Die Beschreibung passte zu den zwei jungen Männern, die auch meiner Kollegin aufgefallen wären. Ich sag’s ja: CSI Apotheke. Man wird automatisch zum Ermittler.

Sie haben ein paar offene Fragen? Wir auch! Denn was ist mit dem Mann, der das Rezept zum Einlösen zu uns gebracht hat? Wie ist er mit den beiden anderen jungen Männern verbunden? Und waren die beiden Teenager wirklich nur Opfer einer Erpressung?

Wie die Geschichte für die beiden Jungs wohl ausgeht, wissen wir noch nicht. Vielleicht bekommen sie den gleichen Richter, wie die junge Dame vom letzten Blogbeitrag zum Thema Rezeptfälschung. Danach hätte der eigene Sachbearbeiter auf jeden Fall weniger zu tun. 

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de