Das Drama um die Pille danach

Es ist ja nicht so, dass wir alle ganz laut „Hier!“ gerufen haben, als Levonorgestrel und Ulipristalacetat aus der Verschreibungspflicht entlassen wurden. Und was mussten wir uns vorher nicht alles anhören? Vor allem von den lieben Gynäkologen, die es zum größten Teil so gar nicht verstehen konnten, dass Frauen plötzlich den direkten Weg in die Apotheke suchen können, wenn sie die Pille danach benötigen. Angeblich seien alle unsere Leitfäden nicht präzise genug und wir würden nicht die richtigen Fragen stellen und sowieso, ist alles, was wir machen, nicht richtig. Was denn so sehr anders an ihrem Beratungsgespräch ist, wollen die Gynäkologen aber leider nicht verraten und selbst mit Gynäkologen im näheren Umfeld wird man nicht schlauer. Die Schublade mit den geheimen Beratungs-Tipps der Gynäkologen zur Notfallverhütung bleibt verschlossen.

Zusätzlich wird man zum Teil mit aggressiven Marketing-Methoden überrannt. Da wurden viele Dinge postuliert, die dazu geführt haben, dass ein Kollege die Außendienstmitarbeiterin vor die Tür gestellt hat. Da hieß es: „Geht an jedem Zyklustag. Einfach nicht drüber nachdenken. / Kann man auch schon verkaufen, bevor etwas passiert, damit die Frau nicht nachts um 4 Uhr los muss. / Kann an den Freund verkauft werden, ohne dass Sie mit der Dame sprechen. / Unter 14? Kein Problem!“ Ja klar! Am besten stellen wir eine Schütte auf den HV-Tisch oder bieten die Pille danach zu jeder Reise- und Hausapotheke an! Dieser Auftritt war echt daneben…

Natürlich ist der Absatz dieser Präparate seit der Entlassung aus der Rezeptpflicht gestiegen. So wie jedes Jahr davor aber auch. Und für viele Frauen ist es eine Erleichterung, dass sie im Notfall zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten zur Apotheke gehen können, statt an einem Sonntag morgen in der Notaufnahme zu sitzen (im schlimmste Fall hungrig, müde und leicht verkatert). Ich frage die Damen ganz gerne zu eigenen Marktforschungszwecken, was sie denn davon halten, dass es die Pille danach jetzt ohne Rezept gibt. Dabei ergibt sich ein buntes Bild an Ansichten. Von den Frauen, die es wichtig finden, im Notfall sofort handeln zu können, über diejenigen, die es schon merkwürdig finden, dass man kein Rezept mehr braucht, aber die Pille danach trotzdem kaufen. Bis zu denen, die ohne Arztbesuch gar nicht auf die Idee kämen, sich die Pille danach „einfach so“ zu kaufen.

Weil man tagelang über dieses Thema erzählen und schreiben könnte, kommt nun - um das Ganze abzukürzen - meine Top 5 von Erlebnissen, rund um die Pille danach.

Platz 5: Eine Frau, Mitte 40. Meine Frage: „Wann war denn der ungeschützte Geschlechtsverkehr?“ Antwort: „Noch gar nicht. Aber ich fahre morgen in den Urlaub.“

Platz 4: Auf meine Nachfrage, ob es sich um eine Kondompanne handelt, oder ob sie vielleicht einfach ihre Pille vergessen hat, antwortete die Kundin pampig: „Ich verhüte nicht hormonell!“ Mmh… Und was hatte sie gerade vor?!

Platz 3: Eine junge Abiturientin kommt mit ihrer Mama und hat ein Rezept. Die Kundin war mega entspannt, die Mutter dagegen komplett aufgelöst und wollte alles wissen, was es zur Pille danach zu wissen gibt, weil - Obacht!- die Gynäkologin sich nicht die Zeit nehmen konnte, alle Fragen zu ihrer Zufriedenheit zu beantworten. Es waren sehr intensive 15 Minuten mit Tränen und Vorwürfen an die Tochter, dass das alles jetzt äußerst ungünstig für den Lebenslauf wäre und wie man als kluger Mensch, der studieren möchte, zu doof sein kann, ein Kondom zu benutzen… Es war ein bisschen wie in einer amerikanischen Talkshow mit mir als Oprah Winfrey, aber am Ende waren alle Wogen geglättet, alle Tränen getrocknet und alle Fragen beantwortet.

Platz 2: Ein junger Mann, der Google als Maß aller Dinge sah, konnte nicht verstehen, warum er nicht einfach die Pille danach für seine Freundin sofort mitnehmen kann und reichte mir nach einer kurzen Diskussion, in der ich ihm auch angeboten habe, dass er einfach gehen kann, seine Freundin am Telefon. Am Ende kam heraus, dass „Schatzi“ von großmütterlicher und mütterlicher Seite aus ein genetisches Risiko für thrombotische Erkrankungen hatte und ihr deshalb auch geraten wurde, die Pille abzusetzen…

Platz 1: Ein Kondom wurde benutzt und ist auch nicht kaputt gegangen. Lediglich nach dem Spaß ist ein wenig Sperma auf den Oberschenkel (eher fast am Knie) herausgetropft. Die Frage der Kundin war, ob sie dadurch schwanger werden könnte. Unweigerlich spielte sich in meinem Kopf ein kleiner Film ab. Die Spermien landen wie kleine Soldaten verkleidet auf ungewohntem Terrain, weit weg von ihrem Ziel. Und es gibt einen Anführer, der schreit: „Los, Männer! Der Weg ist noch weit, aber wir werden es als Team über dieses Gelände schaffen! Danach seid ihr gerettet!“ Und dann plötzlich ein „Neeeeiiiinnn!!!“ von allen zusammen, als sie von einer Welle erfasst und in die falsche Richtung gespült werden…


Verlassen wir uns also auch in dieser Angelegenheit auf unsere pharmazeutischen Fähigkeiten und unseren Menschenverstand und in ein paar Jahren wird sich das Drama um die Pille danach legen und die Normalität löst die ganze Aufregung ab. Und dann? Friede, Freude, Eierkuchen? Schön wär’s. Die nächsten Fachärzte sind sicherlich bereit, zu meckern, wenn auch aus ihrem Indikationsbereich mal wieder etwas die Rezeptpflicht verlässt. Aber da lobe ich uns als friedliches Apotheken-Völkchen, das zu allem, was ihm vor die Füße geworfen wird, stolz sagt: „Herausforderung angenommen!“

 

 

 

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de