Die Späti-Apotheke oder warum sich eine Alkoholschank-Lizenz im Notdienst lohnen würde

 

All-in-One. Ein Wort und ein Angebot, das die Leute lieben. Wenn die Kunden könnten, würden sie bei nächtlichen Einkäufen am liebsten alles in einem Rutsch erledigen. Statt Späti, Apotheke und Dönerbude lieber alles auf einmal. All-in-One also.

Es ist tatsächlich ganz oft so, als würde man während dem Notdienst in einem Späti arbeiten. Einige Kunden füllen nachts ihre Hausapotheke auf, als wäre es das Normalste auf der Welt. „Ich hätte gerne ne Packung Ibu, Taschentücher, Nasenspray, ein Bier, eine Flasche Wein für meine Perle und Kondome. Und für den Notfall eine Pille danach.“ Subtrahieren Sie die alkoholischen Getränke und Sie finden eine realistische Notdienst-Bestellung.

Gäbe es eine temporäre Alkoholschank-Lizenz von 22 bis 6h morgens - ich sage Ihnen, das würde sich lohnen. Über ihre Probleme reden die Leute sowieso gerne… Ich stelle mir die Apotheker hinter einer kleinen Theke vor während der Kunde sein Bierchen trinkt und direkt die Kopfschmerztabletten für den bevorstehenden Kater mitnimmt. Und eine Packung Elektrolyte. Den Geheimtipp bekommt er vom Apotheken-Bar-Mann. Am besten wird es direkt serviert, damit es auch noch vor dem Einschlafen getrunken wird. Quasi statt Absacker. Das nenne ich Kundenservice!

In Berlin haben rund 30 Apotheken jede Nacht Notdienst - mehrere pro Bezirk. Glauben Sie mir, die Besuche halten sich in Grenzen und auf ein wirklich notwendiges Arzneimittel, wie z.B. ein Antibiotikum oder starkes Schmerzmittel, kommen zehn „Notdienst-unnötige“ Kunden. Es ist schon ein Mysterium, warum Kondome nach 22h häufiger platzen, Nasen leichter verstopfen, der Husten, der einen schon den ganzen Tag quält, plötzlich unerträglich ist oder die Nikotin-Kaugummis auf einmal alle sind. Eine Frau hat mich am Telefon gefragt, ob ich ihr die Schmerzcreme auch vorbeibringen kann. Sie war empört, als ich diese Anfrage verneinen musste. „Aber warum denn nicht?“ Ich sag’s ja. Apo-Späti mit Kurierservice. Eine absolute Marktlücke. Sie hätte sicherlich einen kleinen Kräuterschnaps dazu genommen.

Der Notdienst in unserer Apotheke ist nicht gerade komfortabel. Man muss dazu wissen, dass unsere Apotheke weit hinten im Center liegt und man einen Notdienst-Gang entlang laufen muss, der mit Hin- und Rücktour gute 120m lang ist. Außerdem ist er mega gruselig. Denn wieso sollte so ein Gang gestrichen, geheizt oder mit warmem Licht ausgestattet sein? Es ist eher wie in einem Gefängnis mit drei Türen zwischendurch. Da freut man sich also über jeden Kunden, der nicht vorbeikommt. :-) Einmal hatte ich Notdienst kurz nachdem bei uns eingebrochen wurde. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass ich in dieser Nacht nicht geschlafen habe…

Fast alle Einkäufe in der Nacht konnte ich aber zumindest bisher immer nachvollziehen. Bis auf einen. Nachts um 2h klingelte zunächst das Telefon und ein junger Mann war dran. „Haben Sie diese bestimmte Intim-Waschlotion für Frauen? Meine Freundin braucht die.“ Ich sagte: „Klar haben wir die. Aber Sie wollen die jetzt nachts um 2h kaufen? Wollen Sie nicht morgen vorbeikommen?“ Es handelte sich nun wirklich nicht um ein Produkt, das man regelmäßig im Notdienst abgibt. Außerdem wäre die Freundin sicherlich nicht gestorben. Na egal. Er sagte: „Wir waren gerade bei der Frauenärztin in der Notfall-Ambulanz und die Ärztin hat gesagt, meine Freundin soll die kaufen.“ Übrigens war das alles, was die Frauenärztin im Notdienst empfohlen hat. Welche Ärztin/ welcher Arzt schickt denn nachts jemanden wegen einer Intim-Waschlotion zur Notdienst-Apotheke? Ich möchte mich hiermit offiziell darüber beschweren! :-D Sie hätte doch schon sagen können, dass das auch bis zum nächsten Tag Zeit hat?! „Wir haben leider nur noch die große Packung.“ Wer im Notdienst kommt, muss halt nehmen, was da ist.

 

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
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