Diese Anglizismen!

Brathering. Bitte merken Sie sich für später, wie Sie dieses Wort auf den ersten Blick aussprechen würden.

Eigentlich habe ich ein wenig Angst vor dem Älter werden. Wieso? Weil die „alten“ Menschen jeden Tag erzählen, wie schlimm es ist, alt zu sein? Nein, weil ich Angst habe in ein paar Jahren den Anschluss zum modernen Zeitalter zu verlieren, so wie es vielen unserer Eltern und Großeltern passiert ist. Für die jüngeren Menschen ist dieser neue „Lifestyle“ selbstverständlich und trotzdem wird man auch jetzt schon ab und zu von ihm eingeholt. Vor allem, wenn man im Park sitzt und Pubertierende zu einem kommen und Dinge sagen wie „Hey Digga, dieser shaggy-shit ist zu swaggy!“. Ist meinem Kollegen passiert, der sich in diesem Moment zum ersten Mal alt gefühlt hat.

Da sind wir also beim Thema. Anglizismen werden ganz selbstverständlich seit Jahren verwendet und zwar überall im täglichen Leben. Was haben der After-Baby-Body, All you can eat, abchillen, Daily Soap, Eye Catcher und Know-How gemeinsam? Genau, meine Großeltern haben keine Ahnung, was das sein soll. Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass man diese Begriffe kennt und versteht, doch sie werden nicht erklärt und bleiben somit für viele Menschen ein Mysterium. After was?

Ohne Tuch, Rega Ihne und Therma Karre

Nun macht der Anglizismus auf keinen Fall Halt vor der Apotheke! Nein, es hört sich doch alles so viel schöner an, wenn es nicht auf Deutsch auf der Packung steht. Aber den alten Menschen ist das egal. Sie versuchen sich gar nicht erst an der englischen Aussprache. „Einmal ohne Tuch, bitte.“ Ohne Tuch? Wie, keine Gratistaschentücher oder was? Wer keine Großeltern hat, die englische Wörter vehement deutsch aussprechen, auch wenn sie ihnen noch so oft richtig vorgesagt werden, braucht eine Weile um herauszufinden, dass es sich hier natürlich um eine Blutzuckerteststreifensorte handelt. Man braucht also etwas Übung, um sofort zu wissen, was die Ü-60 Generation möchte, wenn sie nach Ohne Tuch, Rega Ihne und Therma Karre fragt.

Es ist aber eben auch nicht so leicht, eine vollkommen fremde Sprache zu verstehen, die sich nach und nach in unseren Alltag einschleicht und einem von Niemandem erklärt wird. Was würden wir tun, wenn sich zum Beispiel chinesische Wörter in unsere deutsche Sprache einschleichen und etablieren würden? Alle jüngeren Menschen, die an ihrer fancy Schule Chinesisch lernen, würden natürlich wissen, was das im Alltag bedeutet. Aber mir würde es so gehen, wie meinen Großeltern. Zumindest im ersten Moment. Denn zum Glück habe ich noch gelernt, wie man Google benutzt, um mich zumindest im Notfall selbst weiterzubilden. Wie das die Kunden auf Internetdoktor Seiten machen und dann denken, sie wären so gut wie die Ärzte bei Grey’s Anatomy, die in der Harvard Medical School ausgebildet wurden. Aber das ist wiederum eine andere Geschichte.

Aber bitte nicht "addictive" - eher so "hydrative", bitte!

Und dann gibt es noch die Kunden, die einfach so einen Deutsch-Englisch-Mix mit uns reden. Ein Beispiel: Eine Kundin kommt in die Apotheke und sagt: „Ich suche ein Nasenspray, aber keins, das so addictive macht. Es soll eher so hydrative sein.“ Alles klar, klingt sehr fancy. Und genau so hätte ich es selbst auch gesagt und nicht anders!

Also, wie hätten Sie das erste Wort in diesem Artikel spontan ausgesprochen? Sie haben sofort den guten alten Brathering erkannt? Also ein leckeres deutsches Gericht? Oder dachten Sie, es wäre ein neues englisches Wort, das sich in unseren Sprachgebrauch geschlichen hat?

„Dieser Tag war schon wieder so brathering!“ Das könnte doch nun wirklich für einen guten Tag sprechen. Oder einen nicht so guten Tag. Das überlasse ich Ihnen!

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de