Hauptsache billig?! Warum man sich nicht unter Wert verkaufen sollte.

Wenn ich einen Euro für jede Preisauskunft bekommen würde, hätte ich einen netten Nebenverdienst. Würde ich für jede unfreundliche Reaktion auf den Preis noch einen Euro bekommen, könnte ich locker meine Stundenzahl bei der Arbeit reduzieren und würde trotzdem gut verdienen. „Also wissen Sie, im Internet kostet das nur 3,80 Euro.“ „Oh, toll. 20% unter unserem Einkaufspreis. Sollten wir vielleicht auch da einkaufen …“

Es würde ja reichen, wenn der Kunde kurz pampig reagiert. Aber manchmal wird es richtig theatralisch. Da wird der Kopf schüttelnd nach hinten geworfen, der Körper mit Hilfe des ganzen Gewichts kunstvoll um die eigene Achse gedreht und dann folgt der Abgang. „EINEN schönen Tag noch!“, rufen wir dann gerne hinterher. Man achte auf die Betonung.

Qualifizierte Beratung zum Nulltarif?

Natürlich kann jeder verstehen, dass man in einigen Fällen bemüht ist, die Haushaltskosten zu optimieren und dass man schaut, ob man hier und da den ein oder anderen Euro sparen kann. Doch man muss auch verstehen, dass die flächendeckende 24-Stunden-Versorgung mit Arzneimitteln durch hochqualifiziertes Personal nicht zum Ramschpreis angeboten werden kann. Angefangen von Betriebskosten über vorhandene Lagerwerte bis hin zur Sicherstellung der Gehälter des Apothekenpersonals … Eine Apotheke zahlt sich - entgegen der Meinung einiger Menschen - nicht von selbst.

„Ich nehme das billige Nasenspray. Es ist nur für mein Kind.“

Es gibt natürlich die unterschiedlichsten Sparfüchse, die jeweils verschiedene Gründe zum Sparen haben. Meine persönlichen Favoriten sind Eltern, die für ihre Kinder einkaufen. Originalzitat: „Ich nehme das billige Nasenspray. Es ist nur für mein Kind.“ Das sind dann aber komischerweise auch die Eltern, die es nicht verstehen können oder wollen, dass auch die Krankenkassen gerne auf Markenprodukte verzichten. Und die dann diskutieren, wenn der „teure, gute Schmerz- und Fiebersaft“ gegen eine günstigere Alternative ausgetauscht wird.

Dann gibt es noch die Kunden, die netterweise etwas für andere mitbringen. Sie nehmen gerne das „Gut und günstig Paket“. Oder zumindest günstig. Oder noch besser: schön billig. Vielleicht liegt es daran, dass weder Ehefrauen noch Mitbewohner sich sicher sein können, dass sie das ausgelegte Geld für die Arzneimittel jemals zurückbekommen. Und dann gibt es diejenigen, die weder für andere noch für sich selbst auch nur einen Cent zu viel ausgeben wollen. Und die man nicht einmal mit guten Argumenten überzeugen kann, dass bei einigen Dingen die günstigste Ausführung einfach nicht immer die beste Auswahl sein kann. Man hat doch nun wirklich nur eine Nase. Wenn ich also erkältet bin und eine laufende Nase habe, gibt es bestimmte Inhaltsstoffe, die ich gerne in einem Nasenspray vermeide. Und andere, die ich gerne zusätzlich dabei habe. Und zwar meiner Nase zuliebe. Genauso achte ich auf gute Qualität bei Augentropfen. Und auf schnelle Darreichungsformen gegen Kopfschmerzen. Diese Liste lässt sich unendlich weiterführen. Was bringt es mir, wenn ich zwei Euro bei den Kopfschmerztabletten gespart habe und meine Kopfschmerzen gefühlt ewig nicht weggehen, weil die Tablette zu stark verpresst wurde und sich scheinbar im Zeitlupentempo auflöst? Genau: Nicht viel. Es ist mir wichtig, dass ich für mich selbst bedarfsgerecht einkaufe und mich mit den Inhaltsstoffen genau auseinander setze, damit ich auch etwas davon habe. Dadurch weiß ich genau, wann ich mal einen Euro mehr ausgeben sollte und wann es sich aber auch lohnt, mal das günstigere Präparat zu nehmen. Und dieses Wissen gebe ich gerne an meine Kunden weiter. Am Ende kann der Kunde entscheiden, welche Priorität er setzen möchte.

Beratung statt Ramschangeboten

Wir müssen uns also jeden Tag neu behaupten. Gegen das Internet und gegen Billig-Apotheken, bei denen der Umsatz die oberste Priorität hat und die zu Hamsterkäufen animieren. Ist das auf Dauer denn wirklich günstiger? Und wie sieht es mit der Anzahl an Fehlgebräuchen aus, die provoziert werden, wenn Schmerzmittel und Co. sich preislich im Gummibärchen-Segment bewegen? Sollte man darauf setzen, dass die Kunden wegen Dumping-Preisen und Sammelmünzen wiederkommen? Meine Kollegen und ich haben für uns entschieden, dass wir keinen Tennisarm vom „Schachteln im Sekundentakt über den HV-Tisch schieben“ bekommen wollen. Und dass wir lieber auf Beratung setzen statt auf Ramschangebote. Und wenn ein Kunde nach einem ausführlichen Beratungsgespräch eine Entscheidung trifft, ohne überhaupt nach dem Preis zu fragen, dann weiß man, dass man seine Arbeit gut gemacht hat. Und das ganz ohne Angebots-Flyer, Rabatt-Nachmittag und Sammelkarte.

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
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