Kollegen / Familie / Freunde sind ohne Medizinstudium keine Ärzte! Wikipedia übrigens auch nicht…

„Ich hätte gerne einmal diesen Zauberkombischlafsaft aus der Werbung gegen alles und dann noch das entsprechende Zauberkombimittel für den Tag dazu. Ich habe etwas Schnupfen. Meine Kollegin nimmt das auch immer.“

Es gibt so Tage, an denen möchte man sich die Augenbraue am liebsten zwei Zentimeter höher fest tackern oder botoxen, weil man sie so oft am Tag nach oben ziehen muss. Und das passiert besonders häufig, wenn Kunden kommen, die schon vor ihrem Besuch in der Apotheke ein ausführliches Gespräch über ihre gesundheitlichen Probleme geführt haben. Auf Arbeit. In der U-Bahn. Oder Zuhause. Am Kaffeetisch. Mit Kuchen. Und der Nachbarin, Freundin, Mama, der Katze der Nachbarin oder wer halt sonst noch so da war. Und was für den einen gut ist (zumindest subjektiv betrachtet), kann dem anderen ja auch nicht schaden. Denn wer braucht schon eine PTA-Ausbildung, ein Pharmazie- oder ein Medizinstudium, wenn man doch ein vermeintlich gut informierter Kunde ist? Und wenn man regelmäßig Dr. House und Grey’s Anatomy guckt, dann kennt man sich ja wohl gut genug aus!

Ratschläge von Freunden sind auf der einen Seite natürlich erst mal nett gemeint. Allerdings führt Halbwissen häufiger als man denkt dazu, dass Arzneimittel nicht bedarfs- und indikationsgerecht angewendet werden. Und dass man echte Aufklärungsarbeit leisten muss. Denn natürlich gibt es nicht das eine Mittelchen, das jedem Kunden immer hilft. Jeder Kunde ist eben anders und muss individuell betrachtet werden.

Und so bedeutet es für uns stets mehr Arbeit, wenn die Freunde / Bekannten / Kollegen solide Vorarbeit geleistet haben und vielleicht sogar als moralische Unterstützung mit in der Apotheke stehen und man auf der anderen Seite des HV-Tisches noch versucht zu retten, was zu retten ist. Gerne wird dann alles kommentiert, ob nun verbal oder nur naserümpfend, was im schlimmsten Fall zur Verunsicherung des eigentlichen Kunden führt und bei mir dafür sorgt, dass ich meine Augenbraue in meiner Vorstellung gar nicht mehr auf meinem Gesicht wiederfinden kann. Mit ein wenig Augenzwinkern, geschickter und kompetenter Beratung und das Eingehen auf die Fragen und Wünsche des Kunden und nicht der Begleitung, kommt man dann aber doch noch zu einem zufrieden stellenden Ergebnis für den Kunden. Im besten Fall hat die Begleitung auch noch was dazu gelernt… ;-)

Solange es also bei der Beratung bleibt und man in der Apotheke noch die Kurve hin zum richtigen Präparat bekommt, wenn es nötig ist, ist das alles nicht immer ganz so schlimm. Wer aber als Laie anfängt, seine Arzneimittel an andere abzugeben, handelt schon -je nach Indikation- äußerst fahrlässig. Wie die Mutter, die ihrem Sohn beim Einkaufen in unserem Center gegen seine Kopfschmerzen aus ihrer Handtasche ihr Triptan gegeben hat. Das hilft ihr ja immer super bei starken Kopfschmerzen, da kann es bei ihm ja auch nicht schaden. Dieses gut gemeinte Teilen ihres Triptans endete für den Sohn im Krankenwagen, da er so stark unter Flush, Schwindel und Übelkeit litt, dass er nicht mehr in der Lage war, nach Hause zu laufen.

Und wer als Laie vorher schon mal recherchiert, kommt dann auch gerne mal ganz selbstbewusst mit folgendem Satz in die Apotheke: „Ich habe Zahnschmerzen. Wikipedia sagt, dass Tramadol da echt gut sein soll.“

Meine Augenbraue hat an diesem Tag ihren Weg in mein Gesicht nicht mehr zurück gefunden.

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de