Warum das Medizin-Studium um den Kurs „Rezepte richtig ausstellen“ erweitert werden sollte

Was man nicht richtig gelernt hat, kann man meist nicht können. „Wisst ihr, diese Leute die einen 3-Tage-Pilates Trainerkurs machen und danach denken, sie können alles… In der Zeit kann man Pilates NICHT lernen.“, seufzte meine Pilates-Trainerin während der Stunde letzte Woche. Genauso ist es mit dem Ausstellen von Rezepten.

Und so tätigen wir tagtäglich so unglaublich viele unnötige Anrufe, tüten Rezepte ein, schicken jemanden zu den Arztpraxen in der Nähe, um Rezepte korrigieren zu lassen und unsere Retax-Quote aufgrund von falsch ausgestellten Rezepten möglichst zu minimieren. Und obwohl man mittlerweile einige Dinge selbst korrigieren darf, bleiben genügend Rezepte, die sich jenseits von Gut und Böse befinden.

Neben sehr netten und lernwilligen Praxen, bei denen solche Rückfragen und Änderungen problemlos zu erledigen sind, gibt es - wie immer im Leben - auch das Gegenteil. Wenn nicht wir, sondern die Arztpraxis die Retaxationen aufgrund von falsch ausgestellten Rezepten bekommen würden, könnten wir uns viele Anrufe, Briefmarken und Laufstrecken sparen. Da dies nicht der Fall ist, bleibt nach all diesen Maßnahmen für einige Arzneimittel kaum ein Gewinn übrig. Aber wie kann man nur erwarten, dass sich betreffende Ärzte mit der Original/Reimport Problematik, Wirtschaftlichkeitsstärkungsgesetz-Artikeln, Stückzahlen und Normgrößen sowie Höchstmengen auf Rezepten auseinander setzen? Wann sollen sie das bitte noch tun? Soll doch die Apotheke die Probleme lösen! Die Praxissoftware aktualisieren? Zu teuer und überbewertet!

Und da ich gerne mit Beispielen arbeite, kommt hier ein Beispiel. Folgende Verordnung lag mir vor: Simvastatin N3. Da in einer aktuellen Software (so etwa ab dem Jahr 2000…) mehr als eine Wirkstoffstärke von Simvastatin zur Verfügung steht, muss man da schon mal nachfragen, was denn genau gemeint ist.
Nachdem ich von der ersten Schwester zur nächsten Schwester weitergereicht wurde, wurde ich erst einmal angepflaumt. „Es gibt nur eine Sorte Simvastatin und die bekommt die Patienten schon seit Jahren.“ Während ich mich fragte, ob sie damit wohl ihren LDL-Cholesterin-Zielwert erreicht, erklärte ich der netten Dame, dass es zumindest in meiner Software vier Wirkstärken gibt und dass ich mir ungern eine aussuchen würde. Kennen Sie das, wenn die Schwester dann kurz den Hörer weglegt, um was nachzufragen, aber man kann alles mithören? Wir haben ja für solche Fälle einen Extra-Knopf auf der Tastatur. Den Knopf kannte die Schwester aber nicht. Also habe ich Wort für Wort mitgehört, wie sie sich über mich und meinen Anruf beschwert hat. Als sie wieder am Telefon war, gewohnt ruppig, sagte ich ihr, dass sie das nächste Mal aufpassen soll, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung nicht mithören kann, wenn sie schlecht über ihn spricht. Denn immerhin wollte ich sie nicht ärgern. Es ging um die Sicherheit der Patientin. Und was soll ich sagen? Am Ende des Tages hatte ich ein korrigiertes Rezept und eine Schachtel Nougat-Pralinen plus eine Entschuldigung. Und zwar persönlich von besagter Schwester vorbeigebracht. Und jetzt verstehen wir uns ganz gut. :-)

Noch etwas ungeschickter beim Ausstellen der Rezepte sind allerdings die lieben Zahnärzte. Ein Zahnarzt-Rezept erkenne ich sofort, weil da immer etwas komisch drauf ist. Eigentlich verschreiben Zahnärzte nur eine Handvoll Arzneimittel. Wie schwierig kann es da sein, sich zu merken, wie man ein Rezept mit betreffenden Arzneimitteln richtig ausstellt? Da werden Stückzahlen und N-Größen nach Belieben gemischt. Nach dem Motto: „Der Patient soll 12 Tabletten bekommen. Das muss N3 sein.“ Im schlimmsten Falle gibt es weder 12 Stück noch eine N3. Rechnen können Zahnärzte leider oft auch nicht. Typisches Rezept: Amoxicillin 1000 mg 10 Stück N3 3x1 für 7 Tage Am besten noch ein „aut-idem“ Kreuz vor das Amoxicillin gesetzt, denn dass man den Wirkstoff als PTA oder Apotheker natürlich nicht austauschen darf, hat sich noch nicht bei allen Zahnärzten und auch bei einigen anderen Ärzten rumgesprochen. Gibt aber auf jeden Fall immer was zum Schmunzeln, wenn ein Patient vom Zahnarzt kommt. Meine Kollegin sagte einmal zu der Patienten: „Oh man, diese Zahnärztin hat ja auch keine Ahnung, wie man ein Rezept ausstellt.“ Und musste dabei etwas lachen, da der Inhalt dem Beispiel oben sehr nahe kam. Die vermeintliche Patienten schaute es bedröppelt und sagte: „Das war meine Schwägerin. Soll ich ihr was ausrichten?“ Wenn Zahnärzte allerdings so schlecht in Mathe sind, frage ich mich, ob man nicht ständig zu viel bezahlt. Oder zu wenig. Bei Schwächen zu den mathematischen Grundkenntnissen kann man schon mal skeptisch werden. :-)

Man würde sicherlich viele PTAs und Apotheker finden, die freiwillig anbieten würden, Vorlesungen zum Thema „Rezepte richtig ausstellen“ zu halten. Das wäre ein schöner interdisziplinärer Austausch und würde zu mehr Verständnis auf beiden Seiten führen. Für schwere Fälle könnte man auch Tutoren zur Verfügung stellen.

Aber was machen wir eigentlich, wenn wir uns nicht sicher sind, ob ein Rezept richtig ausgestellt ist? Na klar, wir fragen das DAP, also das Deutsche Apotheken Portal. Zu jeder Frage findet man da in der Regel eine Antwort. 

Ich persönlich habe beschlossen, mich über solche Dinge nicht mehr zu ärgern. Mein Motto für 2017 lautet „No more Drama.“ Das könnte uns allen gut tun!

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de

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