Rezepte ganz einfach selbst gedruckt!

Wenn das Fälschen von Rezepten zum Eigentor wird.

Stellen Sie sich vor, man geht nichtsahnend an seinen Briefkasten und findet einen Brief vom Amtsgericht mit Zustellungsbestätigung. Und stellen Sie sich nun die Schweißperlen auf meiner Stirn vor, mein pochendes Herz und die zitternden Hände während ich den Brief noch am Briefkasten geöffnet habe. Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, was das Amtsgericht von mir wollte! Es wollte mich als Zeugin. Für eine Verfahren gegen eine Rezeptfälscherin, die über ein Jahr vor dem Brief versucht hatte, ihren Schmerzmittel-Vorrat auf illegale Art und Weise zu pimpen. Ein paar Tage später befand ich mich an einem Ort, an dem ich hoffentlich nie wieder sein werde…

Denn die peinlichste Stille in meinem ganzen Leben erreichte ihren Höhepunkt um 11:55h vor dem Gerichtssaal des Berliner Amtsgerichts. Anwesende: eine andere Apothekerin, meine Kollegin und ich. Und außerdem die Angeklagte, ihre Mutter und die beste Freundin. Jedes noch so kleine Geräusch hat man auf diesem Flur hören können. Das Ticken der Uhr, die sich jedoch gefühlt gar nicht weiterbewegen wollte. Andere Stimmen von weiter weg. Vögel draußen und dann plötzlich die laute Stimme des Richters aus dem Gerichtssaal. Es klang so, als würde im Moment noch eine Verhandlung laufen. Es wurde regelrecht gebrüllt und alle zuckten ein wenig auf ihren orangenen Stühlen auf dem Flur zusammen. Allerdings war dies keine Verhandlung, sondern lediglich eine Unterhaltung des Richters mit seinen Kollegen. Da schreiende Männerstimmen doch meist angsteinflößend sind, würde ich wahrscheinlich jedes Mal in Tränen ausbrechen, wenn ich mich mit diesem Richter über das Wochenende unterhalten würde…

Selbst ich hatte also Angst vor diesem Richter, obwohl ich ja „nur“ als Zeugin anwesend war. Die Angeklagte fand ihn anscheinend auch so beängstigend, dass sie die Rezeptfälschung in mehreren Fällen nach gefühlten 10 Sekunden gestand. Wir mussten nicht mal aussagen. Zum Glück! Wahrscheinlich hätte man ihm vor lauter Angst panisch gestanden, dass man mal Kirschen vom Nachbar-Baum gemopst hat.

Wir durften also gehen, nachdem er uns verabschiedet hat. Ich hab dann ganz erleichtert „Auf Wiedersehen!“ gerufen, nur um mich SOFORT zu korrigieren: „Äh, nein lieber nicht. Alles Gute und einen schönen Tag noch!“. Auf ein Wiedersehen möchte ich in diesem Fall gerne verzichten. :-)

Man sollte sich also überlegen, ob man im Home Office mit dem Drucker gefälschte Rezepte für Tilidin-Tabletten druckt. Gut für uns in diesem Fall, dass die Fälschung so leicht zu erkennen war. Pech für die Angeklagte, dass sie kein Allerweltsgesicht hatte.

Als ich mich damals für das Pharmazie-Studium entschieden habe, hätte ich nie gedacht, an wie viele Orte mich diese Entscheidung bringen würde. Ein Grund für diese Entscheidung war das Bedürfnis, Menschen helfen zu wollen. Hätte ich Menschen vor Gericht bringen wollen, hätte ich allerdings einfach gleich Jura studiert. :-)

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de