Schlange stehen wird überbewertet

Wer hat sich das nur ausgedacht? Wieso sollte man gezwungen hintereinander warten, bis man endlich dran ist? Wieso gilt nicht das Recht des Stärkeren oder des Lauteren oder desjenigen, der die wenigste Zeit hat? Da haben wir als Menschheit schon so viel erreicht und scheitern manchmal an den kleinen Dingen des Alltags. Dabei ist es so wichtig, sich an die allgemeinen Regeln zu halten, die dafür sorgen, dass die Welt nicht untergeht.

Wieso ist dann eigentlich das Anstehen in einer Schlange für einige Menschen so schwer? Ich sage ja nicht, dass es allen Menschen so geht. Die Mehrheit bekommt das sehr gut hin, ist geduldig, lässt auch mal eine ältere Frau vor, die nicht so gut zu Fuß ist... Harmonie pur! Verständnis auf allen Seiten! Ich muss mal zwei Minuten länger warten, weil die Beratungsgespräche länger als 30 Sekunden dauern? Kein Problem! Denn hier wird mein Problem bestimmt auch in den nächsten Minuten mit der gleichen Hingabe gelöst. Ich fühle mich also wohl und dafür warte ich auch gerne mal eine Minute länger. Und dann passiert es: während alle brav in der Schlange stehen und warten, schleicht sich jemand an der Seite vorbei, nimmt sich was aus dem Kosmetikregal und stellt sich ganz nach vorne. So als wäre man was Besonderes, weil man sich das, was man kaufen möchte, selber nehmen kann. Da muss man anscheinend nicht mehr in der Schlange warten. Und schon ist die Harmonie dahin. Lediglich der aufmerksame Mitarbeiter kann die Frustration jetzt noch abwenden und die Eskalation verhindern, indem er den Vordrängler zurück in die Schlange verweist. Und während der Vordrängler zurück ans Ende der Schlange trottet, bekommen die anständigen Wartenden zumindest ein wenig Genugtuung.

Ein weiterer Grund anscheinend nicht Schlange stehen zu müssen, ist, wenn Kunden das Zweitgeschäft der Apotheke als Kiosk ausnutzen. Sie schleichen sich gekonnt an allen vorbei und sagen schräg von der Seite: „Ich wollte nur meine Zeitungen.“ Die verdutzten Blicke, die sie vom eigentlichen Kunden bekommen, nehmen diese Schlangen-Umgeher schon gar nicht mehr wahr. Jeder geht mit dieser Situation anders um. Meine Lieblingslösung diese Woche war jedoch die Antwort meiner Kollegin: „Ich sehe noch drei andere Kunden in der Apotheke, die auch „nur“ ihre Zeitungen haben wollen. Und die stehen brav in Schlange.“ Bäm! Denn so viel Zeit muss sein. Wenn man schon etwas gratis haben möchte, kann man sich doch zumindest dafür anstellen!

Und Sie kennen es doch bestimmt auch, wenn die Wartenden in der Schlange ungeduldig hin und her zappeln und fast schon mit den Füßen scharen, weil sie denken, dass alles dann schneller geht. Diese Menschen scheinen also wirklich in Eile zu sein. Manchmal sind das auch die Menschen, die denken, dass es schneller geht, wenn man den Abstand zum Vordermann verkürzt und sich schon mal dreist ganz nah heranstellt. Dann sind sie also dran und aus dem Nichts werden sie zu Schildkröten. Kramen erst mal fünf Minuten ihr Rezept heraus. Und dann sagen sie: „Moment, ich hatte noch was aus der Zeitung ausgeschnitten...“ Nochmal eine halbe Ewigkeit. Dann hat man alle Rezepte bearbeitet und ein angebliches Wundermittel gegen Fettpölsterchen mehr kennengelernt. Wieder ein enttäuschtes Gesicht, weil man dieses „Wundermittel“ erstens nicht an Lager hat und zweitens dem Kunden erklären muss, warum es keine Zauberpille gegen einen dicken Bauch und zu kräftige Oberschenkel gibt. Obwohl der Zeitungsschnipsel was Anderes verspricht. Als Nächstes wird ewig im Portmonee gekramt („Sie brauchen doch Kleingeld, oder?“ „Nein, danke. Ich brauche die letzten 10 Minuten Zeit meines Lebens zurück.“). Und am Ende alles noch im Zeitlupentempo eingepackt, bevor sich der Kunde auf den Weg nach draußen macht. Vorbei an der teils geduldigen, teils scharrenden Schlange.

Und bei so viel Kindergartenaufgaben, die man in der Apotheke im Umgang mit Erwachsenen erledigen muss denkt man sich, dass man Kindergärtner geworden wäre, wenn das denn der eigene Berufswunsch gewesen wäre. Ich wollte aber eigentlich später „nur“ meine eigenen Kinder erziehen und glaube, dass das genug Arbeit werden wird. Aber was tun wir nicht alles nebenberuflich… Da fällt es auch nicht mehr auf, wenn wir ab und zu mal den Erzieher spielen. Und wenn alle Kunden immer brav und anständig wären, dann wäre es manchmal vielleicht auch einfach zu harmonisch. Und nur halb so lustig …

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
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