USA Special: Grab what you need!

New York! New York! Da wir alle in der heutigen Zeit so viel wie möglich erleben wollen, habe ich mich dieses Jahr zunächst gegen einen Strandurlaub und für das wunderschöne New York entschieden. New York ist auf jeden Fall eine Reise wert. Das dachten sich auch gefühlt 10 Millionen andere Touristen, aber darum soll es heute nicht gehen.

Wer sich ein wenig mit dem Apothekenwesen im Ausland beschäftigt, merkt, dass es dort zum Teil erhebliche Unterschiede gibt. In den USA ist es zum Beispiel so, dass man nicht einfach schnell sein Rezept abgibt und dann Minuten später aus der Apotheke schlendert mit einem Beutel voll Schachteln. Nein. Hier wird zunächst ein sehr ausführlicher und sorgfältiger Arzneimittelcheck durchgeführt. Das heißt, dass sowohl Indikation, Interaktionen mit anderen Arzneimitteln, Einnahmehinweise usw. geprüft werden. Bei Unstimmigkeiten wird der behandelnde Arzt verständigt und es wird über Alternativen diskutiert. Und dann wird die entsprechende Anzahl an Tabletten in diese wunderschönen orangegelben Döschen gefüllt, die wir aus den amerikanischen Fernsehserien kennen. Das alles dauert ein Weilchen und zeigt, dass man in den USA sehr darauf bedacht ist, unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Interaktionen im Rx-Bereich zu minimieren.

Bei einem großen „Drugstore“ oder auch einer „Pharmacy“ ist die Sicht auf das OTC-Sortiment umso schockierender. Wobei man es nicht mal OTC nennen kann. Denn hier wird nichts über den Tresen geschoben. Alle freiverkäuflichen Arzneimittel kann sich der Kunde selbst aus dem Regal nehmen. Und er muss sie nicht mal beim Apothekenpersonal bezahlen, denn eine Apotheke in Amerika gleicht einem Drogeriemarkt, in dem es eben auch Arzneimittel zu kaufen gibt. Es gibt den Rx-Counter mit Fachpersonal und „normale“ Kassen. Bezahlt wird beim Kassierer, der zu keiner Beratung verpflichtet ist, weil er dafür gar nicht ausgebildet ist.

Damit man sich als halbwissender Kunde in dem großen Sortiment zurechtfindet, stehen alle Indikationen groß auf der Packung, meistens gibt es dazu ein Bild. Da denkt man also: „Oh, ein Magen. Ich habe einen Magen. Ja, manchmal drückt er, wenn Oma wieder ein Stück Butter in der Soße versteckt hat. Nehme ich mal mit.“ Und zack, hat man Omeprazol im Körbchen. Zusätzlich steht dann der nette Hinweis drauf, dass man dieses Magenmittel nehmen kann, wenn die Magenschmerzen einen schon seit zwei Wochen plagen. Dass ein Arzt hier vielleicht auch eine gute Idee wäre, steht sicherlich auch irgendwo im Beipackzettel. Und der landet ja auch gerne mal im Papierkorb. Nun geht, weiter geht’s mit dem Shopping... Direkt daneben steht die kleine Vorratspackung Ibuprofen in der praktischen 500 Stück Dose. Zu einem Spottpreis versteht sich. Die antiallergischen Arzneimittel werden dominiert von Fexofenadin, das es in Deutschland nicht freiverkäuflich gibt. Es gibt Antiallergika als Kombinationsarzneimittel zusammen mit Ibuprofen und Phenylephrin. Fluticason Nasenspray wird einem quasi hinterhergeworfen. Und es geht noch weiter... 1%ige Hydrocortison Creme gibt es in verschiedenen Ausführungen für Neurodermitis, Psoriasis und Diabetiker mit juckenden und entzündeten Hautstellen. Es scheint in jeder der drei Cremes der nahezu gleiche Inhalt zu sein. Aber wir wissen ja, dass für die Wirkung zu oft zählt, was draufsteht.

Für Kinder über 6 Jahren gibt es ganz ausgefallene Kombinationsarzneimittel gegen Erkältungen, die wir hier (zum Glück!) nicht haben. Da wird das Antihistaminikum Brompheniramin mit Dextrometorphan und Phenylephrin kombiniert. Das Ganze schmeckt lecker nach Traube und hilft gegen sechs verschiedene Erkältungssymptome. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber meinen Kindern würde ich diese Kombi sicherlich nicht geben. Und das Highlight im Kinderregal: Eine Kombination aus Dextrometorphan und Guaifenesin. Also Hustenstiller mit Hustenlöser. Darüber kann sich jeder seine eigene Meinung bilden.

Aber damit ich hier nicht alles schlecht rede... Es gibt auch lustige und fortschrittliche Dinge! Zum Beispiel kann man Nagelpilz mit einer Art Stift behandeln, mit dem man die Lösung auf den betroffenen Nagel aufträgt. Das scheint von der Anwenderfreundlichkeit sehr nett zu sein. Und viel günstiger als die antimykotischen Lacke bei uns, ist es auch noch ...

Ich habe die Apotheke also mit gemischten Gefühlen verlassen. Zum einen ist die Rx Arzneimittelabgabe von einer solchen Sorgfalt geprägt und zum anderen riskiert man mit dem freien Verkauf diverser Arzneimittel und vor allem Arzneimittelkombinationen auch viele Interaktionen und Unverträglichkeiten. Der Abverkauf wird durch viel Werbung, die auch gerne verharmlost, angetrieben. Ohne dass sich jemand großartig Gedanken über die Folgen macht.

Da kann man nur hoffen, dass bei uns nicht irgendwann die Riesendosen mit Ibuprofen und anderen Bestsellern einfach so im Regal bei Drogeriemärkten stehen. Denn auch wenn jeder letzten Endes für sich selbst verantwortlich ist, so kennen wir sicherlich alle die Situation, in der man einem Kunden von einem tatsächlich gesundheitsgefährdenden Fehlkauf abgehalten hat. Ausgebildetes pharmazeutisches Personal sollte beim Verkauf von Arzneimitteln weltweit also kein Luxus, sondern eine Selbstverständlichkeit sein.

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de