Warum es keine Fernsehserien über Apotheken gibt

Man kann sie mittlerweile nicht mehr zählen: Fernsehserien über Ärzte. Ob auf dem Land, im Krankenhaus, in Deutschland oder Übersee – Arztserien sind überall und dabei auch noch ziemlich erfolgreich. Das ist kein Wunder. Der interessierte und sensationsgeile Zuschauer ergötzt sich geradezu daran, wie junge und alte Ärzte synergistisch mit ihren mutigen Entscheidungen und ihrer Erfahrung jeden Abend aufs Neue unzählige Menschenleben retten. Und nebenbei mit Ihrem Liebesleben zeigen, dass auch Ärzte nur Menschen mit normalen Bedürfnissen sind.

Da wird die OP am offenen Herzen durchgeführt und gleichzeitig weiß der Zuschauer, wie heikel die Lage für den jungen Assistenzarzt ist, der sowohl mit der Krankenschwester als auch mit der Oberärztin eine Affäre hat. Geht ja auch ganz gut mit der Menge an Personal, die so ein Krankenhaus zu bieten hat. Ein paar Zimmer weiter hat eine junge Ärztin sowohl Gefühle für ihren Mitbewohner als auch ihre Kollegin und versucht verzweifelt ihr Gefühlschaos in den Griff zu bekommen. Nebenbei berichtet sie der Familie eines Patienten über den Behandlungsfortschritt und alle liegen sich in den Armen. Und ein paar Stockwerke höher spielt sich ein Familiendrama ab, als sich herausstellt, dass das neue Pärchen von Station Sieben auch noch geschwisterlich verwandt ist. Während die Krokodiltränen über den nicht bekannten Inzest fließen erzählt der Vater- natürlich der Chefarzt- seiner Tochter und seinem „neuen“ Sohn von dieser einen Nacht vor 29 Jahren am Strand von Mexico. Und der Zuschauer denkt sich, dass ein Familienbaum der Belegschaft sowohl faszinierend als auch gruselig sein könnte.

Wer jetzt denkt, dass darunter doch die Behandlungsqualität in diesem Krankenhaus leiden muss, der irrt sich. Denn trotz aller persönlichen Dramen hat das Wohl der Patienten oberste Priorität. Es wird nebenbei also noch eine lebensrettende Infusion gelegt, intubiert oder ein wenig rumoperiert und am Ende gehen alle nach Hause oder haben Nachtschicht. Die Infusionslösungen werden übrigens in der Regel von den Krankenhausapotheken hergestellt. Aber die Kollegen fallen wohl dem Schnitt zum Opfer.

Um es kurz zu machen: die Art und Weise, wie Ärzte in Arztserien Leben retten und immer außergewöhnliche Fälle haben (die sich zufällig in diesem einen Krankenhaus häufen), fasziniert die Zuschauer ungemein und lässt die Begeisterung nicht abreißen.

Dazu im Gegensatz der lebensrettende Einsatz der Apotheker und PTA weltweit: der Patient kommt in die Apotheke und reicht sein Rezept über den HV-Tisch. Die Apothekerin oder der Apotheker tippt ein paar Dinge auf dem Computer ein. Kurze Zeit später reicht sie oder er –im besten Fall- alle Arzneimittel dem Patienten, erklärt die Anwendung, gibt Hinweise zur Einnahme, zu Wechselwirkungen, unerwünschten Arzneimittelwirkungen und redet dem Patienten gut zu. Dass im Hintergrund ein großer EDV-Aufwand stattfindet, um später auch das vorgestreckte Geld für die Arzneimittel von der Krankenkasse zu bekommen und das ganz nebenbei ein Interaktionscheck läuft, Rezepte häufig korrigiert werden müssen und oft eine Arztrücksprache notwendig ist, bekommt der Kunde gar nicht mit. Und wenn wir ehrlich sind, möchte darüber niemand eine Fernsehserie drehen geschweige denn sehen. Denn es ist nicht sonderlich spannend für den Zuschauer, dass der Patient gerade ein lebensnotwendiges und oft lebensrettendes Arzneimittel bekommt. Wie, der nimmt jetzt einfach jeden Tag ein oder zwei Tabletten und das war es dann? Wo bleiben die Action und die Spannung? Wo bleibt die Dramatik, wenn der Patient mal Zuhause eine Tablette vergisst? Und wieso kriegt er Spritzen zum selber spritzen und geht dann gemütlich nach Hause?

Die Dramatik geht also oft gegen Null und bietet kein ausreichendes Serienmaterial. Trotzdem bauen wir in der oft jahrelangen Bekanntschaft eine Beziehung zu unseren Kunden auf. Sie vertrauen uns in vielen ihrer Lebenslagen und kommen gerne zu uns. Und wie würde so eine Fernsehserie wohl heißen? Die unendliche Geschichte? Ich finde man könnte klein anfangen und einen Apotheker in eine Daily Soap integrieren. Da könnte man immer Stückchen aus dem Apothekenalltag zeigen und die spannenden Momente zusammenfassen. Somit hätte man etwa 30 Sekunden Sendezeit pro Abend.

Ein kleiner Dämpfer und ein weiterer Grund, warum es bisher aber keine Fernsehsendungen über Apotheker gibt: Die Belegschaft ist in der Regel nicht groß genug, um mehrere Affären zu haben und wenn die Apotheker so zahlreich sterben würden wie die Ärzte bei Grey’s Anatomy, dann müsste die durchschnittliche Apotheke sehr schnell schließen.

Es ist eben alles andere als aufregend, wenn man es von außen betrachtet und doch sind die Apotheker ein essentieller Baustein in der flächendeckenden Versorgung mit Arzneimitteln und das 24/7. 

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de