Warum gute Werbung nicht gleich gutes Arzneimittel bedeutet

Ich müsste wirklich lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich beim Werbespot einer sehr bekannten Pharmafirma im letzten Winter nicht herzlich gelacht hätte. „Schatz, kannst du meine Mama anrufen?“ Und die Frau wirft ihrem Mann entnervt das „Allheilmittel“ zu, mit dem er am nächsten Tag wieder Bäume ausreißen kann. Man kann auch nichts gegen Pinguine sagen, die Eishockey spielen. Das ist wirklich etwas niedlich. Doch leider lenken diese Werbemaßnahmen von den eigentlichen Aussagen ab und der Zuschauer kann sich am Ende nur an den süßen Pinguin erinnern. Der trägt sogar einen Schal! Putzig. Und für uns: viel Arbeit.

Denn es ist nun mal so, dass eine gute Werbung nicht gleich bedeutet, dass es sich um ein gutes Arzneimittel handelt. Es bedeutet erst einmal nur, dass die Pharmafirma ein gutes Händchen bei ihrer Werbeagentur hatte. Denn es gibt natürlich auch undenkbar schlechte Werbungen. Zum Beispiel die Grafik von einem Baum, der die Kraft seiner Wurzeln verloren hat und droht umzukippen. Das Ganze soll dann ausfallende Zähne symbolisieren. Needless to say, dieser Zahnpasta Hersteller hat mit seiner Werbeagentur nicht ganz so viel Glück gehabt. Sie sieht aus wie aus den 90er Jahren und als hätte ein Kind den Baum gemalt und... Ach, gucken Sie es sich selber an, wenn Sie es nicht kennen.

Ein bisschen peinlich finde ich es auch, wenn Pharmafirmen Konkurrenzprodukte in ihren Werbungen schlecht darstellen und ein offensichtlich nicht besseres Produkt von ihnen selbst als viel besser anpreisen. Wer das nötig hat, vertraut anscheinend der Qualität seiner Produkte nicht genug. Und sieht die feinen Unterschiede in den Zusammensetzungen nicht. Oder die großen, wenn es sich z.B. um den Wirkstoffgehalt handelt.

Werbung mit unserer Seriosität

In manchen Werbungen kommen tatsächlich auch wir vor. Also, Kollegen von uns. Übrigens meist männlich und Mitte 50. Sie empfehlen dann Multivitaminpräparate und auch oft Zahnpasta. Während Sie ein Fenster in der Apotheke schließen. Welche Apotheke hat denn bitte ein Fenster, das sie am Tag im HV aufmacht? Ich habe noch keine gesehen. In einem anderen Beispiel sucht die Kundin eine Schmerzsalbe und zählt auf, was diese alles können soll. Und im Hintergrund gehen die Lichter in der Sichtwahl aus wie bei einer Quiz-Show, bis am Ende nur noch eine Möglichkeit übrig bleibt. Wenn intelligente Sichtwahl-Lichtsysteme in Zukunft die Beratung übernehmen, dann brauchen wir also nur noch ins Regal zu greifen. Ich hoffe, dass dann wenigstens noch Glitzer von der Decke fällt.

Unabhängig davon, ob ein Produkt uns als Fachleute am Ende überzeugt, scheinen manche Pharmafirmen uns umgehen zu wollen. Sie transportieren ihre Werbeaussagen und ihr Produkt zum Teil so effizient, dass der Kunde uns oft ignoriert. Vor allem, wenn in der Werbung dann noch der Satz fällt „Von Apothekern gewählt zum Produkt des Jahres“. Also meine Kollegen und mich hat noch keiner gefragt, welche Produkte wir denn am tollsten fänden. Und eins kann ich versichern: wir hätten eine andere Liste.

Viel Arbeit - aber wir schaffen jeden Pinguin!

Nun gut, es ist also viel Arbeit für uns, wenn ein Kunde in die Apotheke kommt und vehement darauf besteht, etwas zu kaufen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob es überhaupt das richtige Arzneimittel für ihn ist. Und hier sind wir natürlich gefragt. Es ist manchmal sehr viel Arbeit, einem Kunden überhaupt noch ein paar Informationen aus der Nase zu ziehen. Wie zum Beispiel, ob er das Arzneimittel für sich selbst kauft, ob er es schon einmal genommen hat, ob er noch (andere chronische) Erkrankungen hat, ob die Symptome überhaupt passen und so weiter. An dieser Stelle bietet sich für uns aber auch eine ideale Möglichkeit, unsere pharmazeutischen Kernkompetenzen zu zeigen. Zu beraten, zu hinterfragen, Alternativen vorzuschlagen und dem Kunden ein für ihn passendes Arzneimittel zu verkaufen. Oder auch mehrere, wenn nötig. Die meisten Kunden sind sehr dankbar, dass man sich die Zeit nimmt und sie da aufklärt, wo die Werbung nur einen Pinguin und den Namen im Kopf hinterlassen hat. Natürlich kann man nicht jeden Kunden erreichen und manch einer pocht auf seinen eigenen Entscheidungen. Aber es gibt auch die Kunden, die es einfach zu schätzen wissen, dass man nicht alles so hinnimmt, was sie auf ihrer Liste stehen haben. Dass man es nur gut mit Ihnen meint. Dass man Ihnen auch einfach mal etwas gut verständlich erklärt. Und das sind genau die Kunden, die gerne wiederkommen. Die am Ende „Danke, für die gute Beratung sagen“ sagen. Die ihren Freunden davon erzählen, wenn das Thema sich mal anbietet. Es sind die Kunden, die wir zu unseren Stammkunden machen und das mit fachlicher Kompetenz aber auch mit Herz und Einfühlungsvermögen.

Und daher sage ich: „Lasst die Pinguine kommen!“ Wir werden mit Ihnen schon fertig.

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de