Wenn ein Bild mehr sagt als 1.000 Worte

Man muss keine lange Zeit in der Apotheke arbeiten, um zu merken, dass die Menschen häufiger als gedacht über sehr intime Details sprechen. Und zwar sehr oft ohne jegliches Schamgefühl. Was für die Beratung solcher Themen vorteilhaft ist, geht manchmal in einen Zustand kompletten Vertrauens über, der ab und zu für peinliche, aber dafür umso lustigere Momente sorgt.

Mit manchen Kunden entwickelt sich über die Zeit ein so gutes Verhältnis, dass auch mal private Details mit dem Lieblingsmitarbeiter geteilt werden. Einer unserer Kunden ist vermutlich Ende 50 oder Anfang 60, achtet sehr auf sich und seinen Körper und ist immer sehr gepflegt. Unter seinen Designerklamotten zeichnet sich ein trainierter Körper ab und die Kundenkarte bei uns hat er nicht, weil er so viele Rezepte einlöst, sondern mit Vorliebe seine Hautpflege bei uns kauft. Er ist einer der selbstbewusstesten Kunden, die wir haben.

Einen meiner Kollegen, der vom Alter her sein Sohn sein könnte, findet er besonders sympathisch und so ist die Freude stets groß, wenn beide am HV-Tisch aufeinander treffen. Da wird sich mit Namen begrüßt und ein wenig gesmalltalkt. Zwischen den beiden hat sich also ein vertrautes Verhältnis aufgebaut. Aber Obacht! Besagter Kollege ist in einer glücklichen Beziehung mit einer sehr tollen Frau, das nur nebenbei. Und besagter Kunde teilt sehr gerne sein Privatleben und fragt auch mal Fragen, ist aber nicht zum Thema Beziehung vorgedrungen.

"Upps, DAS Foto wollte ich Ihnen aber nicht zeigen."

Es war aber gerade Urlaubszeit und er so erzählte er freudig, wie schön doch der Urlaub gewesen sei. Das Wetter, das Hotel, das Essen. Überhaupt alles. Aber nur aus der Erzählung heraus kann man das ja gar nicht so gut nachempfinden, also lag plötzlich aus dem Nichts ein iPad auf dem HV-Tisch und das Album des Sommerurlaubs wurde Bild für Bild durchgeblättert, ohne das mein Kollege hätte protestieren können. Das lief dann ungefähr so: Strand, Liege, Pool, Buffet, Kunde in Badeshorts. Sehr knapper Badeshorts. Vor einem Spiegel posierend. Eindeutig ein Tinder-würdiges Selfie. Und dann kam ein peinlich berührtes: „Upps, DAS Foto wollte ich Ihnen aber nicht zeigen. Jetzt wissen Sie ja, wie ich in Badesachen aussehe. Haha.“ Und kennen Sie das, wenn in dem Moment die Technik „versagt“ und man ewig braucht, um zum nächsten Foto zu kommen? Mein Kollege war nun etwas verlegen, schaute sich aber tapfer das restliche Fotoalbum an. Es sollte nicht bei einem Foto in Badehose bleiben. Und dazu kam dann immer eine ganz unschuldige Bemerkung: „Hoppla, das war jetzt aber wirklich das letzte Bild von mir in Badeshorts!“ Kichernde Kollegen sind da leider keine Hilfe… Aber was soll ich sagen? Wir sind alle gefühlt gerade mal aus der Pubertät raus und finden solche Dinge halt lustig.

Ich hätte am liebsten laut gelacht

Kurze Zeit später kam der Kunde zu mir, weil mein Kollege an dem Abend nicht da war und plauderte drauf los. "Wo ist denn ihr Kollege?“ „Im Urlaub.“ „Ach, ich war ja auch erst im Urlaub. Ich hab Ihrem Kollegen sogar ein paar Fotos gezeigt. War ganz toll da.“ Ich hatte mal eine Chefin, die mir gesagt hat, dass man mir so gut wie immer ansieht, was ich gerade denke, wenn ich mir keine Mühe gebe, es zu verbergen. Das war so ein Moment, in dem ich mich richtig doll zusammenreißen musste, damit der Kunde nicht merkt, dass ich am liebsten laut gelacht hätte, weil mein Kollege immer noch leicht traumatisiert von der neu gewonnen Intimität war.

Da ziehen wir also die Grenze. Wir hören uns alles über Pilze an allen möglichen Körperstellen an, hören geduldig zu, wenn es um die Verdauung und die damit verbundenen Probleme geht, wir gucken uns unfreiwillig sehr merkwürdige Hautstellen an, weil die Kunden nicht zum Arzt gehen wollen. Wir lassen uns anhusten und anniesen. Und sagen nichts, wenn die Hämorrhoiden Salbe inklusive Applikator auf den HV-Tisch mit Bitte um eine neue Packung gelegt wird.

Aber wenn ich Kunden bzw. Patienten den ganzen Tag hätte leicht bekleidet sehen wollen, dann hätte ich doch das Medizinstudium in Erwägung gezogen. :-)

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de

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