Wenn ein Tag im wahrsten Sinne des Wortes
voll "Kacke" ist

Kennen Sie das? Man kommt abends nach Hause oder trifft sich mit Freunden und wird nebenbei gefragt, wie denn eigentlich der Tag war. „Voll Kacke!“, musste ich schon mal antworten. Literally.

Meistens kann man morgens noch nicht ahnen, welche Überraschungen der Tag für einen bereit hält. Da stand ich also am HV-Tisch und bediente eine Kundin, die etwas gegen Durchfall kaufen wollte. Hinter ihr stand, leicht ungeduldig, eine andere Kundin, der wir die richtige Handhabung ihres Insulin-Fertigpens zeigen wollten. Alle Insulin-Fertigpens in ihrer 10 Stück Packung waren nämlich - ihrer Meinung nach - defekt. Sie drängelte etwas.

Ich habe mir noch nicht so viel dabei gedacht. Man kennt das ja: Kundschaft im Rentenalter ist vormittags immer in Eile. Allerdings habe ich wahrgenommen, dass ein leicht unangenehmer Geruch in der Luft liegt. Wie eine ausgelaufene Windel. Es roch ganz einfach nach Kacke. Bei der Frau mit dem Mittel gegen Durchfall schien es also ein dringender Fall zu sein. 

Nach dem Beratungsgespräch führte ich die wartende ältere Dame in unser Beratungszimmer. Der Geruch folgte uns in den kleinen Raum ohne Fenster und mit weißem Vitra-Stuhl. Sie setzte sich und sagte: „Mir geht’s gar nicht gut.“ „Woran merken Sie das?“, fragte ich sie. „Wissen Sie, ich habe vorhin hier im Center Durchfall gehabt und hab es nicht mehr auf die Toilette geschafft.“ Der Ursprung des Geruchs war also gefunden.

Die Dame war aber fit genug, um nach Hause zu gehen und wiederzukommen. Sie saß keine 30 Sekunden, aber das reichte, um einen Teil des Durchfalls über die durchsuppende Hose auf dem weißen Vitra-Stuhl zu verteilen. Eltern lieben ihre Kinder wohl sehr. Denn fremde Kacke wegwischen ist nicht so prickelnd. Am liebsten hätte ich mehr als eine Lage Handschuhe angezogen.

Ich weiß nicht mehr, wie viel Isopropanol von mir wohl für die Reinigung des Stuhls benutzt wurde… Der Geruch war auf jeden Fall in dem fensterlosen Raum eine zusätzliche Herausforderung. Man hätte den Raum abschließen und niederbrennen sollen. Aber das war keine Option. Als ich wieder nach vorne ging, hing der Geruch noch überall in der Luft. Ich schnappte mir das Parfum eines Kosmetikherstellers, das wir auf dem HV-Tisch hatten, und versprühte es großzügig in der Luft. Überall.

In diesem Moment kam die Vertreterin des Kosmetikherstellers zusammen mit meiner Chefin rein und sagte: „Ach wie toll, versprühen Sie unser Parfum hier jeden Tag?“ Ich musste sie enttäuschen. „Ich versuche damit, den Geruch von Kot zu überdecken.“, antwortete ich ihr. Sowohl sie als auch die Chefin schauten sichtlich irritiert und mitleidend. Zu recht.

Ein paar Wochen später kam die Kundin, die fast unseren Beratungsraum zu einer Quarantänezone gemacht hätte, erneut vorbei und fragte, ob ich mich an sie erinnern würde. Sie war ja schon mal hier. Ich glaube, dass mir eventuell meine Gesichtszüge etwas entgleist sind. Es war ihr nicht mal unangenehm. Aber ich antwortete trotzdem ganz nett, dass ich mich selbstverständlich an sie erinnern kann. Für immer.

Die Handtücher schenken wir Ihnen

Da eine Geschichte über Kacke nicht genug ist, kommt hier direkt die zweite. Es war ein schöner Sommertag als eine unserer Stammkundinnen im Sommerkleidchen zum Einkaufen in das Center kam. Versteckt unter dem Kleid der älteren Dame war ein Stomabeutel. Er platze auf während sie vermutlich gerade im Supermarkt eine Packung Eier aus dem Regal holte. Peinlich berührt bat sie eine der Mitarbeiterinnen um Hilfe, wurde aber nur recht unfreundlich abgewürgt. Da der Inhalt aus einem Stomabeutel für das ungeübte Auge ja erst mal gar nicht so typisch nach Stuhlgang aussieht, hat die Mitarbeiterin den Ernst der Lage eventuell gar nicht verstanden. Weil sie sich nicht zu helfen wusste, wickelte unsere Stammkundin ihr Kleid vorsichtig um die Reste des Stomabeutels und machte sich auf den Weg zu uns in die Apotheke.

„Ich wusste doch, dass Sie mir hier helfen würden!“, sagte sie später. Während meine Kollegin sofort nach hinten eilte, um ein Handtuch zu holen, brach allerdings die Barriere bestehend aus dem Sommerkleid und eine große Ladung Stomainhalt entleerte sich auf unseren Boden. „Die Handtücher bringe ich Ihnen morgen wieder!“, sagte sie beim Hinausgehen, nachdem sie wieder einigermaßen so weit war, den Weg nach Hause anzutreten. „Die schenken wir Ihnen!“, rief meine Kollegin ihr hinterher. Langsam lief sie mit ihrem Rollator davon. Wieder einmal erinnert sich keiner an die Menge Isopropanol, die an diesem Tag für unseren Apothekenboden benutzt wurde. Bisher mussten wir eher kaputte Eier und Schokomilch wegwischen.

Kurze Zeit später kam unsere liebe Stammkundin vorbei, um sich bei uns zu bedanken. „Sie haben mir wirklich sehr geholfen an dem Tag!“, betonte sie und fuhr fort „Ich habe was Kleines für das ganze Team als Dankeschön. Passend zur warmen Jahreszeit.“ Sie griff in ihre Tasche und stellte eine Packung Schokoladeneis auf den Tisch. Mit Stückchen. Humor hat sie auch noch…

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
onlineredaktion@ptaheute.de