Wenn Kontrollwahn außer Kontrolle gerät

Uns Deutschen wird ja nachgesagt, dass wir gerne alles unter Kontrolle haben. Und natürlich spielt Kontrolle auch in unserem Apotheken-Alltag eine große Rolle: Temperaturen, Verfallsdaten, Rezepte, Milchpumpen, Listen, Kassen… – was wäre eine Apotheke ohne dauernde Überwachung? Einige Leute übertreiben es jedoch mit ihrem Kontrollwahn.

Einer unserer Kollegen kontrolliert etwa alle halbe Stunde, ob die EC-Geräte gerade stehen, die Tastatur parallel zum Bildschirm liegt und alle HV-Aufsteller richtig ausgerichtet sind. Wie Sie sich sicherlich vorstellen können, lässt sich dieser Kollege sehr leicht ärgern. Was uns wiederum herrlich amüsiert. Mit Kontrolle können wir also durchaus umgehen. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass es mal jemand mit seinem Kontrollwahn schafft, uns zum Staunen zu bringen. Aber da wurde ich eines Besseren belehrt…

Wer braucht schon Binden oder Tampons?

Meine Kollegin hatte eine Kundin, die sich zunächst nach Alternativen zu normalen Tampons beraten ließ. Die Dame stellte dann aber schnell fest, dass sie z.B. einen Menstruationsbecher auch nicht viel besser als Tampons fand. So weit, so gut. Nach kurzem Hin und Her gab die Kundin ihre Zukunftspläne zum Thema „Menstruation unter Kontrolle“ preis. Denn, und wer weiß das nicht, die Menstruation verläuft ja in Wellen. Mal kommt Blut und mal eben nicht. "Wenn man das weiß", sagte sie, "dann muss man eigentlich nur immer rechtzeitig auf die Toilette gehen und lässt es eben laufen, bis die Welle vorbei ist. Dann braucht man auch überhaupt keine Damenhygieneartikel mehr, was natürlich für Gesundheit und Umwelt viel besser ist. Und überhaupt, früher haben Frauen auch ohne Tampons und Binden ihre Perioden durchgestanden. Die paar Tage im Monat kann man das ja schon mal machen."
Einen Schritt weiter ist man dann, wenn man es schafft, diese Wellen auch zu kontrollieren: Selbstbestimmtes, kontrolliertes Menstruieren! Wieso ist das noch nicht hip? Wo wir doch im dafür geradezu prädestinierten Stadtviertel Friedrichshain leben? Mir fallen da spontan ein paar Gründe ein. Wenn man nämlich noch nicht das Stadium der kontrollierten Menstruation erreicht hat, dann wären die Tage der Menstruation von vielen Arbeitspausen geprägt. Stellen Sie sich vor, ein Kunde steht vor Ihnen und Sie müssen sich erst einmal für ein paar Minuten verabschieden. Nach dem Motto: „Entschuldigung, da kommt gerade eine Menstruationswelle. Haben Sie fünf Minuten Zeit, um zu warten? Ich komme gleich wieder, wenn die Welle vorbei ist.“ Ich stelle mir das auch in anderen Berufen eher schwierig vor. Während Meetings ständig rausgehen zu müssen, ist dann doch ineffizient. Und da man Kolleginnen nachsagt, dass ihre Zyklen sich synchronisieren, wenn sie länger zusammen arbeiten, würde in einem Meeting mit mehreren Frauen sicherlich stets eine Frau fehlen. Ob als Lehrerin, Taxifahrerin, Verkäuferin – man hat es nicht leicht, wenn man diese Methode anwenden möchte. Als Freiberufler mag das noch gehen. Mit einem kleinen Schreibtisch vor dem Klo oder so.

Unsere Ururgroßmütter wären froh gewesen

Ich weiß nicht, warum wir uns gegen Erfindungen, die die Damenhygiene verbessern, wehren. Unsere Ururgroßmütter und alle Generationen davor wären für solche Produkte sehr dankbar gewesen. Ich erinnere mich dunkel an den Geschichtsunterricht, in dem wir gelernt haben, dass es in einigen Völkern üblich war, die Frau während ihrer Menstruation aus dem Dorf zu schicken. Sie durfte erst nach Ende der Menstruation wiederkommen. Denen hätte man mal was von kontrollierter Menstruation erzählen sollen… Erfunden wurde der Tampon übrigens von einem Arzt, der 1931 ein Patent dafür anmeldete. 1933 kaufte eine Ärztin das Patent und begann mit der Massenproduktion. Darauf ein nachträgliches „Hip-Hip-Hurra“!

Jeder so, wie er es mag

Ich hatte mal eine Freundin, die auf einen Menstruationsbecher umgestiegen ist, weil sie sich sicher war, dass die Tampon-Industrie Wirkstoffe in die Tampons packt, um die Menstruation zu verlängern und so mehr Tampons zu verkaufen. Solche Vermutungen wurden vor kurzem ja durch Öko-Test komplett ausgehebelt, denn da wurde schließlich festgestellt, dass Tampons tatsächlich nur aus Viskose-Watte und Rückholfaden bestehen. Verrückt. Darauf wird erst mal eine Vorratspackung gekauft. Wie funktioniert das mit dem Reinigen der Menstruationsbecher eigentlich auf öffentlichen Toiletten? Sind wir da mittlerweile sehr entspannt und lassen uns nicht davon beeindrucken, wenn neben uns mit dem mittelmäßig starken Strahl des Wasserhahns ein Menstruationsbecher gereinigt wird?

Ich persönlich stoße bei diesem Thema noch an meine Öko-Grenze, auch wenn ich gesund und umweltbewusst lebe. Aber vielleicht sehen Sie das ganz anders?! Jede Frau sollte sich schließlich immer wohl fühlen und wenn kontrolliertes Menstruieren dazu gehört, dann soll es so sein. :-)