Wenn Psychiater sich nicht selbst helfen können

Nichtsahnend begrüßte ich am späten Abend einen Kunden mit einem unglaublich hartnäckigen Husten. Er wollte einen bestimmten Hustensaft kaufen, der ihm wohl seit etwa 1950 immer sehr gut geholfen hat, so sagte er. Es hätte eine Sache von 5 Minuten sein können. Allerdings stand der gute Herr 35 Minuten später immer noch in der Apotheke. Und hatte Einiges zu erzählen.

Es fing damit an, dass er ganz viel aus seinem Leben berichtet hat. Allerdings etwas wirr und durcheinander, sodass nur Fragmente zu verstehen waren. Die Kurzzusammenfassung umfasst den Militärdienst, mindestens eine Ehe und einen Sohn, ein Zerwürfnis mit der Familie, ein Leben, das mittlerweile alleine geführt wird und jede Menge Geschichten an allen möglichen Orten. Ich konnte irgendwann nicht mehr folgen. Nach einer halben Stunde sagte er dann: „Hach, dass ich mich Ihnen hier so öffne… Das sagt viel über Sie und mich! Sie können ja super zuhören!“ Nun ja, ich hatte kaum eine andere Wahl. Mehrere Versuche, ihn zum Gehen zu bewegen, hatten nicht geholfen. Weder das Telefon („Ich warte einfach kurz, bis Sie wieder da sind.“), noch die lange Schlange, noch die Kundin, die unbedingt zu einer Frau wollte („Ich stelle mich solange an die Seite.“). Er war einfach immer noch da.

Nun gut, er fand es also super, wie gut er sich mir öffnen konnte. „Wissen Sie, ich war ja früher Psychiater. Ich kann also auch gut zuhören.“ Ach so?! Aber dann ist irgendwas in seinem Leben mega schief gelaufen, er hat sich in den Alkohol geflüchtet, braucht nun seinerseits einen Psychiater und hat nach dem Kontaktabbruch zu seiner Familie mit dem Rauchen angefangen. „Wissen Sie, das ärgert mich sehr.“, sagte er dann. „Ich habe erst vor 15 Jahren mit dem Rauchen angefangen und kann seitdem nicht mehr damit aufhören. Mein Husten, meinen Sie, dass der durch das Rauchen schlimmer wird?“ Habe ihm die offensichtliche Antwort mitgeteilt. Aber er beteuerte, dass er einfach nicht anders kann und gab dann zu, dass der Hustensaft nicht immer den gewünschten Erfolg bringt. „Die Ärzte können mir und meinem Husten auch nicht helfen.“, sagte er dann noch. Ich konnte die Ärzte verstehen. Aber den besagten Hustensaft haben sie ihm erlaubt zu nehmen.

Nach dem Thema Husten ging es um das Thema Zukunft. „Wissen Sie, ich möchte ein Buch über mein Leben schreiben. Ich finde, dass Sie eine tolle junge Frau sind. Möchten Sie meine Muse sein?“ Sichtlich überrascht musste ich das dankend ablehnen. Nach einer halben Stunde kann man nun wirklich nicht erwarten, die Muse von jemandem zu werden. So bat ich ihn höflich, dass Buch ohne mich zu schreiben und da es mittlerweile Zeit war, zu schließen, bat ich ihn auch darum, Feierabend machen zu dürfen.

Bevor Sie denken, dass das etwas Besonderes wäre, lassen Sie mich noch erwähnen, dass er vor und nach mir noch drei weitere Kollegen gefragt hat, ob sie bzw. er seine Musen sein wollen. Ob er wohl noch woanders Musen sucht?

Aber wenn es ihm hilft, ab und zu über sich und sein Leben mit fremden Menschen zu reden, dann machen wir das gerne. Vielleicht überreden wir ihn noch, das Rauchen aufzugeben. Letztens hatte ich ihn fast soweit, dass er darüber nachgedacht hat. Er wollte schon fast den Hustensaft gegen Nikotin-Kaugummis tauschen. :-)

Marie Dietzsch
Apothekerin, Berlin
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