Automatisch Austausch auf Rabattarznei?

Aus einer Apotheke erreichte uns folgende Frage:

Retaxfrage

Wir haben eine Frage zu einer erhaltenen Retaxation über folgende Verordnung:

Krankenkasse: Deutsche BKK; IK 109921296
Verordnet: Plavix® FTA N3 100 St., mit Aut-idem-Kreuz [X]
Abgegeben: Plavix® FTA N3 100 St., PZN 04129423 (Erstanbieterprodukt)
Abgabedatum: 25.09.2014

Die Retaxation kam mit der Begründung, es sei „ein Rabattartikel verfügbar“ gewesen. Aufgrund des angebrachten Aut-idem-Kreuzes haben wir jedoch nicht gegen das Rabattprodukt ausgetauscht. Sollen wir Einspruch einlegen?

Dass ein Rabattartikel existiert, bedeutet nicht zwangsläufig, dass dieser auch abgabefähig ist!

Das vom Arzt gesetzte Aut-idem-Kreuz verbietet zwar nicht den Austausch Original ? Import, da diese als identisch angesehen werden. Es schließt jedoch einen Austausch gegen ein wirkstoffgleiches Generikum aus! Da zum Zeitpunkt der Abgabe ausschließlich wirkstoffgleiche, generische Rabattarzneimittel existierten, hat die Apotheke vertragskonform gehandelt!

Wie konnte es zu der Retaxation kommen?

Es gibt Grund zur Annahme, dass zwei Urteile aus der Vergangenheit durch die Prüfstelle fehlinterpretiert wurden.

  1. Das Koblenzer „Aut-idem-Urteil“ (SG-Koblenz Az. S13 KR 379/13)
    In diesem Urteil wurde entschieden, dass ein mit Aut-idem-Kreuz und PZN verordnetes Importprodukt nicht gegen ein rabattiertes Erstanbieterprodukt des Originalherstellers ausgetauscht werden musste. Da dies nicht im Sinne der Rabattverträge war, verdeutlichten die GKVen, dass es sich hierbei um ein Einzelfallurteil handelte. Nach wie vor gilt: Das Aut-idem-Kreuz allein schließt den gegenseitigen Austausch Import vs. Erstanbieterprodukt nicht aus. Vorrangig abzugeben ist dabei das Rabattarzneimittel. 

  2. Das „Null-Retax-Urteil“ des BSG vom Juli 2013 (B 1KR 5/13 R)
    Das Urteil des BSG hatte Null-Retaxationen für zulässig erklärt, wenn Apotheker sich ohne Begründung nicht an die Rabattverträge halten.

Die Existenz eines rabattierten Produktes bedeutet nicht, dass dieses auch abgabefähig ist! Zum Zeitpunkt der Rezeptbelieferung gab es weder ein rabattiertes Original, noch einen rabattiertes Importprodukt, welches trotz Aut-idem-Kreuz vorrangig hätte abgegeben werden müssen.

Rabattiert waren lediglich Clopidogrel-Generika:

Abb.: Lauer-Taxe, Stand: 15.09.2014; Rabattartikel mit rotem „%“ gekennzeichnet

Zudem konnte die Apotheke bei der Abgabe davon ausgehen, dass es sich um das Produkt des Erstanbieters handelt, da der Arzt weder den Zusatz „Import“, noch ein bestimmtes Importpräparat namentlich vermerkt hat.

Es war keine Alternative zum Zeitpunkt der Belieferung vorhanden, daher konnte sich die Apotheke auf § 4 (4) des Rahmenvertrags berufen:

„(4) Kommt eine vorrangige Abgabe rabattbegünstigter Arzneimittel nach Absatz 2 nicht zustande, stehen unter den Voraussetzungen nach Absatz 1 die drei preisgünstigsten Arzneimittel und im Falle der aut idem-Ersetzung zusätzlich das namentlich verordnete Arzneimittel, soweit in den ergänzenden Verträgen nach § 129 Absatz 5 Satz 1 nichts anderes vereinbart ist, oder ein importiertes Arzneimittel nach Maßgabe des § 5 zur Auswahl; zählt das verordnete Arzneimittel zu den drei preisgünstigsten Arzneimitteln, darf das ersetzende Arzneimittel nicht teurer als das namentlich verordnete sein.“

Das Produkt des Erstanbieters durfte abgegeben werden, da der Arzt durch das gesetzte Aut-idem-Kreuz den Austausch gemäß Rahmenvertrag § 4 (1) durch ein Generikum untersagt hat:

„(1) Hat der Vertragsarzt ein Arzneimittel nur unter seiner Wirkstoffbezeichnung verordnet oder die Ersetzung eines unter seinem Produktnamen verordneten Fertigarzneimittels durch ein wirkstoffgleiches Arzneimittel nicht ausgeschlossen (aut idem), hat die Apotheke unter folgenden Voraussetzungen ein der Verordnung entsprechendes Fertigarzneimittel auszuwählen und nach den Vorgaben der Absätze 2 bis 4 abzugeben und zu berechnen.“

Fazit

Die Null-Retax ist unberechtigt – daher sollte Einspruch eingelegt werden.

  • Eine vorhandene Rabattarznei bedeutet nicht automatisch, dass diese auch abgegeben werden darf.
  • Ein Aut-idem-Kreuz bei namentlicher Verordnung verbietet nach wie vor den Austausch gegen ein Generikum.
  • Bei einer herstellerneutralen Verordnung ohne Importangabe ist im Allgemeinen vom Originalpräparat des Erstanbieters auszugehen.
  • Bei fehlenden oder nicht aut-idem-konformen Rabattarzneimitteln darf auch das verordnete Präparat abgegeben werden.
Nadine Graf
PTA, DeutschesApothekenPortal (DAP)
graf@dapgruppe.de

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