Null-Retax berechtigt?

Aus einer Apotheke erreichte uns folgende Anfrage:

Retax-Frage

Ein Patient reichte bei uns am 4. April 2016 eine Verordnung zulasten der HEK mit dem Ausstellungsdatum 3. März 2016 ein. Uns fiel bei der Bearbeitung des Rezeptes auf, dass die Belieferungsfrist bereits abgelaufen war, daher beantragten wir beim behandelnden Arzt ein neues Rezept mit aktuellem Datum.

Jedoch gelangte das Rezept mit dem alten Ausstellungsdatum irrtümlich in die Rezeptabrechnung, was für uns die Folge hatte, dass die HEK die Erstattung komplett verweigerte. Wir legten Einspruch ein und legten diesem zusätzlich eine Bestätigung des Arztes bei sowie die archivierte neue Verordnung mit Abgabedatum 4. April 2016. Die HEK lehnte unseren Einspruch mit der Begründung „nachgeschobene Hinweise/Bescheinigungen können zu keinem anderen Ergebnis führen“ ab.

Ist diese Retax gerechtfertigt? Wie sehen Sie den Fall?

Antwort

Die verspätete Vorlage von Rezepten ist nicht selten, denn häufig werden Verordnungen erst dann eingereicht, wenn die Medikation zu Ende geht.

Um die Versorgung des Patienten sicherzustellen, ist das Vorgehen der Apotheke – ein Rezept mit neuem Ausstellungsdatum anzufordern und den Patienten sofort zu versorgen – korrekt und gesetzlich durch § 4 (1) die Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) legitimiert:

„Erlaubt die Anwendung eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels keinen Aufschub, kann die verschreibende Person den Apotheker in geeigneter Weise, insbesondere fernmündlich, über die Verschreibung und deren Inhalt unterrichten. Der Apotheker hat sich über die Identität der verschreibenden Person Gewissheit zu verschaffen. Die verschreibende Person hat dem Apotheker die Verschreibung in schriftlicher oder elektronischer Form unverzüglich nachzureichen.“

Bereits in früheren Fällen gibt es ein Urteil, das eine Nullretaxation bei einer Fristüberschreitung von nur einem Tag als unverhältnismäßig bewertet. Die nachträglich eingereichte ärztliche Neuverordnung vom Abgabetag (4. April 2016) muss erstattet werden. Selbst wenn sich die Rezeptprüfstelle nun nicht mehr auf eine verspätete Vorlage, sondern auf die verspätete Abrechnung (Rechnungslegung) gemäß § 11 (1) des vdek-Vetrags der Verordnung bezieht, wäre lediglich der maximale Erstattungsabzug von 50 Euro im Monat gerechtfertigt:

„Die Rechnungslegung der Apotheke erfolgt monatlich bis spätestens einen Monat nach Ablauf des Kalendermonats, in dem die Lieferung erfolgte, an die von den Ersatzkassen benannten Stellen. Eine Überschreitung der Frist nach Satz 1 befreit die Ersatzkasse nicht von der Zuzahlungsverpflichtung.

Werden einzelne Verordnungsblätter mehr als einen Monat nach Ablauf dieser Frist abgerechnet, sind die Ersatzkassen berechtigt, den Gesamtbruttobetrag dieser Verordnungsblätter um fünf Euro je Verordnungszeile, bei nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln und den anderen Mitteln nach § 11 Absatz 1 Ziffer 2 um zehn Prozent des Apothekenabgabepreises, zu kürzen, insgesamt jedoch je Abrechnungsmonat und Ersatzkasse höchstens um 50 Euro, es sei denn, die Apotheke und die Abrechnungsstelle haben die Fristüberschreitung nicht zu vertreten; weitergehende Vertragsmaßnahmen nach § 11 Absatz 1 Ziffer 2 des Rahmenvertrages nach § 129 SGB V sind ausgeschlossen.“

Fazit

Da in jedem Fall eine Verordnung vorlag, ist entweder die einen Tag zu spät vorgelegte oder die nachgereichte Verordnung zum Abgabetag zu erstatten. Allen Verordnungen die Erstattung komplett zu verweigern, ist nicht gerechtfertigt.

Nadine Graf
PTA, DeutschesApothekenPortal (DAP)
graf@dapgruppe.de